Bundestagswahl 2021

Neuer Bundeskanzler: Warum Scholz es kann und Laschet nicht

| Lesedauer: 3 Minuten
Jens Meyer-Wellmann
Olaf Scholz (SPD) mit seiner Frau Britta Ernst bei der Wahlparty im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

Olaf Scholz (SPD) mit seiner Frau Britta Ernst bei der Wahlparty im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Parteienforscher Prof. Elmar Wiesendahl über wahrscheinliche Koalitionen und Auswirkungen der Wahl auch auf die Hamburger Politik.

Hamburg. Parteienforscher Prof. Elmar Wiesendahl spricht im Abendblatt-Interview über mögliche Konsequenzen der Bundestagswahl.

Hamburger Abendblatt: Die SPD knapp vorne, die Union mit dem schlechtestem Ergebnis aller Zeiten. Linke extrem schwach – überraschen Sie die ersten Hochrechnungen?

Prof. Elmar Wiesendahl: Es überrascht zunächst, dass es der Union noch geglückt ist, sich auf den letzten Metern wieder an die SPD heranzuarbeiten, die ja in der Pole-Position war. Was Armin Laschet im direkten Vergleich mit Olaf Scholz und mit persönlichen Angriffen nicht geschafft hat, hat die Union am Ende mit dem Lagerwahlkampf erreicht. Die Warnung vor einem Linksbündnis hat offenbar viele der eigenen Wähler noch mobilisiert, vor allem Ältere.

Zuvor hatte Scholz es geschafft, binnen Wochen von 15 auf um die 25 Prozent zu wachsen und die Union zu überflügeln. Was war das Geheimnis dieser fulminanten Aufholjagd von Olaf Scholz?

Wiesendahl: Erstens hat er von der enormen Schwäche des Unions-Kanzlerkandidaten profitiert, dem die Kanzlerschaft von kaum jemandem zugetraut wird. Zweitens konnte Scholz bei den Triellen punkten. Und drittens passt sein Stil genau in die Zeit. Das Dröge, diese extreme Kontrolle - damit ist Scholz der Mann der Stunde. Denn die Menschen wollen Sicherheit in Zeiten des radikalen Umbruchs.

Ist eine Ampel-Koalition also nun aus Ihrer Sicht wahrscheinlicher oder doch Jamaika?

Wiesendahl: Das ist völlig offen. Die FDP will eher ein Bündnis mit der Union. Herr Habeck will die Grünen aus der Gefangenschaft der SPD befreien. Die Grünenwähler sind in dieser Frage eher gespalten. Auch hat der Lagerwahlkampf der Union mit der Warnung vor Rot-Grün-Rot einen Graben auch zwischen Union und Grünen aufgerissen. Es wird auf die Verhandlungen ankommen.

Wer ist aus Ihrer Sicht stärker legitimiert, Kanzler zu werden, Laschet oder Scholz?

Wiesendahl: Eindeutig Olaf Scholz. Er hat massiv hinzugewonnen, die Union stark verloren. Die Menschen haben ihm auch zuvor immer wieder in Umfragen die Fähigkeiten zum Kanzleramt attestiert – und sie Armin Armin Laschet sehr klar abgesprochen. Die deutschen Wähler wollen Olaf Scholz als Kanzler, nicht Armin Laschet.

AfD und Linke haben verloren – kann man sagen: Die Wähler haben die Mitte gestärkt?

Wiesendahl: Der Begriff der Mitte ist ungenau. In Wahrheit wurde Mitte-Links gestärkt. Die Union hat an SPD und Grüne verloren. Das rechte Lager ist auch angesichts der AfD-Verluste geschwächt worden.

Welchen Einfluss könnte das Ergebnis auf die Hamburger Politik haben?

Wiesendahl: Hamburg ist wieder ganz klar eine SPD-Hochburg. Die Union hat hier laut den Hochrechnungen massiv gegenüber der Bundestagswahl 2017 verloren – obwohl sie in Hamburg einen prononcierten konservativen Kurs gefahren hat. Damit steht die CDU in Hamburg vor der Gefahr der dauerhaften Verzwergung. In Hamburg kann man mit einem streng konservativen Kurs nichts gewinnen.

Werden die Grünen auch in Hamburg durch die Bundestagswahl zurechtgestutzt?

Wiesendahl: Nach Hamburg zeigt sich auch auf Bundesebene, dass der Griff nach Bürgermeister- oder Kanzleramt für die Grünen im Desaster endet. Sie wären besser beraten, mit Doppelspitze anzutreten.