Verkehr

Stau-Chaos in Hamburg: „Ein Ritt auf der Rasierklinge“

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Ulrich Meyer
Vor einem Jahr: Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) stellt die Planungen für Bauarbeiten auf der Autobahn 7 vor.

Vor einem Jahr: Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) stellt die Planungen für Bauarbeiten auf der Autobahn 7 vor.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Für Verkehrssenator Anjes Tjarks sind Baustellen, die jetzt zu Dauerstaus führen, unvermeidlich. Andere unterstellen dem Grünen „Vorsatz“.

Hamburg.  Wer in den vergangenen zwei Wochen aus dem Hafengebiet in Richtung Veddel und Rothenburgsort unterwegs war, der konnte – verkehrstechnisch gesehen – sein blaues Wunder erleben. Es ging irgendwann überhaupt nichts mehr. Nicht nur hier, im gesamten Hamburger Süden kommt der Verkehr in diesen Sommerferien immer wieder zum Erliegen. Ein solch massives Stauereignis hatte es zuletzt während des G-20-Gipfels 2017 gegeben. Damals verursachten zahlreiche Straßensperrungen für durchrauschende Staatsoberhäupter und ihren Tross sowie die Demonstrationen gegen den Gipfel hinter den Barrieren einen Verkehrskollaps.

Jetzt geht es um Baustellen. Und um deren Koordination. Tatsächlich wird derzeit gleich an mehreren Hauptschlagadern des Straßenverkehrs parallel gearbeitet. Einschränkungen gibt es auf der A 7 nördlich und südlich des Elbtunnels, auf der B 75, der früheren Wilhelmsburger Reichsstraße, sowie auf der A 255, die von den Elbbrücken bis zur A 1 führt. Damit nicht genug: Auch in Harburg wird an mehreren Stellen gebuddelt, und die marode alte Kattwykbrücke – eine wichtige Zufahrt zum Hafen – wird saniert und war bisher jedenfalls nur in einer Richtung befahrbar.

Hafenwirtschaft platzt der Kragen

Am Mittwoch platzte der Hafenwirtschaft der Kragen. „Die aktuelle Verkehrssituation in Hamburgs Süden hat einen Zustand erreicht, der für die Hafen- und Logistikwirtschaft nicht länger hinnehmbar ist“, heißt es in einem Brandbrief des Vereins der Hamburger Spediteure und des Unternehmensverbands Hafen Hamburg an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Der Dauerstau war im Rathaus angekommen.

Der Straßen- und damit auch der Güterverkehr komme in den Hauptverkehrszeiten komplett zum Erliegen, so die Unternehmensvertreter. „Wir haben bedauerlicherweise den Eindruck gewonnen, dass sich die Verkehrsbehörde leider nicht der Tragweite dieser Situation vollumfänglich bewusst ist“, heißt es in dem Brief weiter.

Ein lupenreiner Schienbeintritt gegen den Verkehrssenator

Das war ein lupenreiner politischer Schienbeintritt gegen Verkehrssenator Anjes Tjarks von den Grünen, der seit gut einem Jahr im Amt ist. Tjarks besitzt selbst kein Auto, ist passionierter Radfahrer und lässt kaum eine Gelegenheit aus, um sich bei der Eröffnung eines Teilstücks einer Veloroute PR-mäßig in Szene zu setzen. So einem, das war die unterschwellige Botschaft des Brandbriefs, sind die Nöte und Probleme von Spediteuren und Hafenwirtschaft im Straßenverkehr ziemlich egal. Nun solle Tschentscher die Verkehrslage zur Chefsache erklären und die Staus beenden.

Und auch die CDU-Opposition legte nach. „Wenn man neben der A 255 auch alle vorhandenen Ausweichrouten gleichzeitig mit Baumaßnahmen belegt, ist das planerischer Vorsatz und hat mit vernünftiger Verkehrspolitik und Staukoordination nichts zu tun“, sagte CDU-Bürgerschaftsfraktionschef Dennis Thering am Freitag.

"Verkehrlicher Ritt auf der Rasierklinge"

Im Senat hatte Tjarks den zugeschalteten Spitzen der rot-grünen Koalition längst wortreich erläutert, was auf die Stadt zukommt. Gegenüber dem Abendblatt weist der Verkehrssenator darauf hin, dass die Wirtschaftsvertreter seit März in die Gespräche über die Baustellenplanungen eingebunden und insofern über alles informiert seien. „Es war allen klar, dass es eng wird. Ich habe häufig betont, wo wir verkehrlich auf der Rasierklinge reiten“, sagt Tjarks. Zweimal, am 5. und 6. Juli, räumt er ein, sei es nicht gelungen, ein Stauchaos zu vermeiden. Aus seiner Sicht gab es jedoch dennoch keine Alternative dazu, die Baumaßnahmen in dem erfolgten Umfang jetzt zu ergreifen, und weist dezent darauf hin, dass er noch keine konkreten anderen Lösungsvorschläge gehört habe.

Die Zeit der Schulferien müsse genutzt werden und besonders die zwei Wochen, in denen – wie augenblicklich – die Schulen in Hamburg und Niedersachsen parallel geschlossen sind, weil dann das Verkehrsaufkommen im Süden der Stadt geringer sei. Wer mit Tjarks spricht, gewinnt schnell den Eindruck, dass dieser Sommer staumäßig gesehen erst der Anfang war. Zu groß sei der Sanierungsbedarf an zentralen neuralgischen Punkten der Stadt.

Großer Handlungsbedarf bei der A 255

„Bei der A 255, einer der Hauptschlagadern des Straßenverkehrs in Deutschland, musste jetzt etwas gemacht werden. Die Fahrbahndecke ist seit 20 Jahren nicht repariert worden“, sagt Tjarks. Es gebe schon bedenkliche Dellen im Straßenbelag. „Es besteht die Gefahr, dass es im Winter zu einer Adhoc-Sperrung nach Frostaufbrüchen kommen würde, wenn jetzt nichts geschieht“, so der Senator.

Das wichtige Autobahn-Teilstück müsse auch deswegen jetzt eine neue Fahrbahndecke erhalten, weil das nächste Großprojekt in unmittelbarer Nachbarschaft warte. „Die Freihafen-Elbbrücken haben das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreicht“, sagt der Grüne. Die fast 100 Jahre alte Stahlkonstruktion soll denkmalgerecht saniert werden – Dauer: voraussichtlich vier Jahre. Während dieser Zeit muss der gesamte Verkehr aus der Innenstadt in Richtung Süden und umgekehrt über die A 255 laufen. Dabei komme der größte Brocken noch. „Die Eisenbahnbrücken an dieser Stelle müssen ebenfalls saniert werden“, sagt Tjarks. Das sei das technisch schwierigste Projekt, weil diese Brücken in der Mitte zwischen den anderen liegen.

Lesen Sie auch:

Zwar sei die Instandsetzung Sache der Bahn, aber Hamburg massiv betroffen. Über die Brücken läuft der gesamte ICE-Verkehr und Hamburgs frequentierteste S-Bahn-Linie, die S 3 nach Harburg. Zudem müssten alle Eisenbahnbrücken zwischen dem Hauptbahnhof und Altona saniert oder erneuert werden – jeweils mit gravierenden Folgen für den Autoverkehr, der darunter hindurchfließt oder eben nicht. Der bekannteste Pro­blemfall ist die Sternbrücke.

Hamburg ist regelmäßig Stauhauptstadt Deutschlands

Es klingt nicht so, als ob der Straßenverkehr im nächsten Jahrzehnt besonders flüssig laufen wird. Hinzu kommt ja auch noch die ganz „normale“ Straßensanierung, die immer wieder zu Engpässen führt. Folgt man Tjarks, dann liegt das weniger an seinem Desinteresse an flüssigem Autoverkehr, sondern vielmehr an der maroden Verkehrsinfrastruktur. „Und ich bin auch Infrastruktursenator der Stadt“, betont Tjarks.

Die Staus sind seit vielen Jahren ein Dauerthema, und Hamburg erfährt regelmäßig die zweifelhafte Würdigung als Stauhauptstadt Deutschlands. Das liegt auch an der besonderen geografischen Lage als Stadt am breiten Fluss mit nur wenigen Überquerungen. Der Sanierungsstau von Brücken und Straßen, der nun nicht länger zu ignorieren ist, kommt hinzu. Tjarks ist nicht der erste Verkehrssenator, der mit diesem Thema und dem Dauerproblem der Baustellenkoordinierung zu kämpfen hat.

Entlastung für die A 255 in Sicht

Der unmittelbare Vorgänger des Grünen, der parteilose Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, hat in seiner unbekümmerten Art das Leiden des politisch Verantwortlichen einmal in einer Pressekonferenz auf den Punkt gebracht. Kurz nach seinem Amtsantritt im November 2018 habe er sich mit Blick auf die vielen Baustellen und die daraus häufig resultierenden Staus gefragt: „Wer koordiniert das eigentlich?“ Die Erkenntnis sei gewesen: „Alle haben sich weggeduckt.“ Den einen Verantwortlichen habe er nicht gefunden. Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof (SPD) saß da direkt neben ihm ...

Immerhin jetzt ist eine gewisse Entlastung in Sicht: Von Montag an soll die A 255 in beiden Richtungen zweispurig befahrbar sein. „Die Vollsperrung der Kattwykbrücke haben wir um zwei Wochen verschoben“, sagt Tjarks. Auch die B 75 und die Ausfahrt Hamburg-Billstedt der A 1, ein weiteres Nadelöhr, werden am Wochenende wieder geöffnet.

Tschentscher wird den Brandbrief der Hafenwirtschaft beantworten. Aber es sieht nicht so aus, dass er die Baustellenkoordinierung zur Chefsache erklären wird. Er scheint mit der Arbeit des Verkehrssenators zufrieden zu sein.