Black Lives Matter

14.000 gegen Rassismus: Die Hintergründe der Demonstration

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Christoph Heinemann

Friedliche Großdemonstration "überwältigender" Erfolg für Organisatorin. Polizei ermittelt gegen elf Personen nach Randale.

Hamburg. Viele der Passanten am Jungfernstieg bleiben bloß ungläubig stehen – und schauen auf die Menschenmassen, die von der Europa-Passage bis zum Gänsemarkt reichen. Die Protestierenden darin tragen Schilder, heben die Fäuste zum Gedenken. Mit 14.000 Teilnehmern wurde eine Demonstration gegen Rassismus am Sonnabend zu einem gewaltigen Signal. Die Auflagen gegen das Coronavirus waren jedoch überhaupt nicht mehr einzuhalten. Und nach der friedlichen Großdemonstration kam es auch zu Ausschreitungen.

Sie sei noch immer „völlig überwältigt und überrascht“, sagte die Anmelderin der Großdemonstration, Audrey Boateng, am Sonntag dem Abendblatt. Nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd bei einer Festnahme habe sie sowohl Solidarität als auch ein Zeichen gegen Fremdenhass hierzulande setzen wollen.

Demo gegen Rassismus: Bei Instagram zusammengefunden

„Wir sind aber nur eine Gruppe von etwa 25 Jugendlichen, die sich bei Instagram zusammengefunden haben“, sagte die 20 Jahre alte Hamburgerin, die als Schauspielerin und Model arbeitet. „Es sollte nie so groß werden, jedenfalls hätten wir das selbst so niemals für möglich gehalten.“

Im Gespräch mit der Polizei hatte sich Boateng vor der Demonstration auf ein Limit von maximal 525 Teilnehmern am Jungfernstieg geeinigt. Gleichzeitig war eine weitere Demonstration gegen Rassismus angemeldet worden.

Aber bereits gegen 13.50 Uhr am Sonnabend wird klar, dass diese Marken zigfach überboten werden. 9000 Menschen drängen sich zu diesem Zeitpunkt schon im Bereich an der Binnenalster. Von allen Seiten rücken weitere Teilnehmer nach. Den vom Staat vorgeschriebenen Abstand von 1,5 Metern zu wahren ist selbst beim besten Willen für die Teilnehmer kaum noch möglich. Es entsteht ein Gedränge wie zuletzt bei den „Fridays for Future“-Großdemonstrationen vor der Corona-Krise.

Die Demo-Anmelderin ist gestresst

Die Polizeiführer vor Ort teilen Audrey­ Boateng mit, dass ihre Kund­gebung wegen der vielen Teilnehmer nicht stattfinden kann. Die Anmelderin ist „gestresst und erstaunt zugleich“, versucht über Lautsprecher in englischer Sprache, auf die Protestierenden einzuwirken, sie nach Hause zu schicken. Aber der Großteil bleibt vor Ort, will trotzdem demonstrieren. Sie verstehe, dass große Ansammlungen wegen der Corona-Pandemie weiterhin riskant sein können, sagt Boateng. „In dem Moment freut man sich aber auch darüber, dass so viele Menschen gegen Rassismus einstehen.“ Sie verweist darauf, dass auch in Berlin und München bis zu 25.000 Menschen auf die Straße gingen. „Auch Rassismus ist ein Virus, das sich weltweit verbreitet, und gegen das es keinen Impfstoff gibt.“

Die Polizei lässt die Teilnehmer am Sonnabend gewähren. Weil sie sich „friedlich und kooperativ“ verhalten, wie Polizeisprecherin Evi Theodoridou sagt. Eine Auflösung der Demonstration hält die Führung auch deshalb nicht für verhältnismäßig, weil sich die Beamten selbst in engen körperlichen Kontakt mit den Demonstranten begeben müssten. Bevor sich die 14.000 Teilnehmer gegen 16 Uhr langsam immer mehr entfernen, gibt es noch Redebeiträge von Aktivisten. Aus Polizeikreisen ist später zu hören, dass auch Audrey Boateng im Verlauf dazu aufgerufen habe, noch zu bleiben. Sie bestreitet das auf Anfrage.

Polizei: Demonstranten warfen mit Flaschen und Pyros

Nahe dem Gänsemarkt kommt es nach der friedlichen Großdemonstration zu einer Konfrontation von Antifaschisten und der Polizei. Eine Gruppe von etwa 200 Menschen sammelt sich am Valentinskamp, viele von ihnen sind vermummt. Dann fliegen nach Darstellung der Polizei sowohl Flaschen als auch Pyrotechnik in Richtung der Beamten. Diese setzen Pfefferspray ein. In der Folge wächst die unangemeldete Demonstration auf etwa 1000 Teilnehmer an, laut Polizei ignorieren sie die Aussagen per Lautsprecher, sich zu entfernen. Erneut werden Gegenstände geworfen, schließlich löst die Polizei auch mithilfe von Sprühregen aus Wasserwerfern auf.

Noch bis nach 20 Uhr sei es am Sonnabend zu weiteren Ausschreitungen gekommen, teilt die Polizei am Sonntag mit. Demnach wurden elf mutmaßliche Randalierer festgenommen – gegen sie wird nun unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs, Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz und wegen tätlicher Angriffe auf Polizeibeamte ermittelt. Weitere 36 Personen wurden in Gewahrsam genommen und insgesamt 24 Polizisten den Angaben zufolge leicht verletzt.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagt, einige Randalierer hätten es „im Schutz der friedlichen Demonstranten“ darauf angelegt, Polizisten gezielt anzugreifen: „Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ist das Herbeiführen solcher Konfrontationen unverantwortlich.“ Aus der Innenbehörde heißt es, man müsse auch Schlüsse für weitere mögliche Großdemonstrationen ziehen.

Organisatoren „verstehen die Wut“ der Randalierer

„Das ist nicht das Ende, wir werden wiederkommen“, machte die Anmelderin Audrey Boateng bereits während der Kundgebung klar. Konkrete Pläne gibt es noch nicht. Nach Abendblatt-Informationen hatten die Organisatoren vor der Demo auch den Kontakt und Rat der „Fridays for Future“-Bewegung gesucht.

Angesprochen auf die Ausschreitungen nach der Demonstration sagte Boateng dem Abendblatt: „Das ist nicht richtig, und das gehört sich nicht. Aber wir können die Wut verstehen.“ Der Tod des Amerikaners George Floyd sorge dafür, dass die Stimmen gegen Diskriminierung lauter würden. „Deutschland ist kein rassistisches Land“, so die 20-Jährige. „Aber es hat ein Problem mit Rassismus, dem man begegnen muss.“