Wahlpanne

Der kleine Auszählungsfehler mit der großen Wirkung

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Catharina Jäckel
Hans-Jürgen Schenck am Montag beim Nachzählen.

Hans-Jürgen Schenck am Montag beim Nachzählen.

Foto: Catharina Jäckel

Dass die FDP kurz drinnen war, lag an vertauschten Zahlen im Haus der Jugend Kiwittsmoor. Große Belastung für Wahlhelfer.

Hamburg.  Konzentriert blättert Hans-Jürgen Schenck am Montagvormittag in einem gelben großen Büchlein. Er tippt Zahlen in seinen Taschenrechner und trägt das Ergebnis in eine kleine, grau untersetzte Lücke ein. Der 78-Jährige arbeitet ruhig und bedächtig, immer wieder schiebt er sich die Brille hoch, kontrolliert die Zahlen und fährt sich mit der Hand durch seinen Bart. Schenck zählt Landesstimmzettel der Bürgerschaftswahl. Er ist Vorstand im Wahllokal 43202, Tweeltenbek 27 – dem Wahllokal, in dem möglicherweise entscheidende Stimmen für FDP und Grüne vertauscht wurden.

Irgendwann ist Schenck und seinen acht Wahlhelfern im Haus der Jugend Kiwittsmoor am Sonntagabend ein Fehler unterlaufen. So wurden dem Bezirkswahlleiter 549 Stimmen für die FDP durchgegeben, die Grünen schnitten mit 126 Stimmen am schlechtesten ab. Mit diesem Ergebnis wäre die Partei um Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels-Frowein knapp in die Bürgerschaft eingezogen. Doch die Zahlen stimmten nicht. „Zwei Zeilen sind beim Übertragen definitiv vertauscht worden“, räumt Schenck sofort ein. Die Stimmzahlen seien vorher auf einen Schmierzettel aufgeschrieben und addiert worden. In der offiziellen Liste hätten FDP und Grüne direkt untereinandergestanden, die Zahlen seien jeweils in die falsche Zeile geschrieben worden. Er zeigt mit seinem Stift auf die schmalen Zeilen und Lücken.

Große Belastung für die Wahlhelfer

Schenck sitzt mit seinem von gelben Listen bedeckten Tisch etwas abseits. In der Mitte des aufgeräumten Zimmers im Erdgeschoss des Jugendzentrums wurden mehrere Tische zusammengeschoben. Die Stimmung der vier Frauen und vier Männer, die um den Tisch herumsitzen und die rosa Stimmzettel auf Stapel verteilen, ist nicht besonders gedrückt. Konzentriert murmeln sich die Wahlhelfer Zahlen, Namen und Parteien zu – immer wieder lachen sie über einen Versprecher. Ein Wahlhelfer sagt, er sei nicht sehr traurig wegen des Fehlers: „Das kann passieren und ist ja noch rechtzeitig aufgefallen.“

Das sieht Daniel Gritz, Pressesprecher des Bezirksamts Hamburg-Nord, ähnlich: „So ein Tag ist anstrengend. Die Wahlhelfer begleiten das Verfahren den ganzen Tag und müssen dann noch auszählen. Da können Fehler passieren. Wir sind alle Menschen.“

Schenck zum ersten Mal Wahlvorstand

Schenck ist am Montagmorgen von der Wahlbezirksstelle angerufen worden. Wem der Fehler unterlaufen war, das sei unwichtig, sagt der Rentner. Schenck ist dieses Jahr zum ersten Mal als Wahlvorstand eingesetzt, Wahlhelfer sei er schon viele Male gewesen, berichtet er. Bereits vor der Wahl sei es hektisch zugegangen. Schenck musste kurzfristig einspringen, weil jemand krank geworden war. Gegen 11.30 Uhr winkt er mit einem großen gelben Büchlein.

Er schlägt die Seiten auf und verkündet: „FDP: 161 Stimmen, Grüne: 501 Stimmen.“ Damit hat der Zeilendreher in dem kleinen Wahllokal in Langenhorn den Wahlausgang entscheidend verändert. Dass dies das Schicksal der FDP in der Bürgerschaft bestimmt hätte, könne man aber „so nicht direkt sagen“, betont Schenck.