Bürgerschaftswahl 2020

Die bange Politikerfrage nach der Wahl: Bin ich drin?

| Lesedauer: 5 Minuten
Marc Hasse
Birgit Stöver, die schulpolitische Sprecherin der CDU, kann aufatmen: Sie ist wieder „drin“.

Birgit Stöver, die schulpolitische Sprecherin der CDU, kann aufatmen: Sie ist wieder „drin“.

Foto: Mark Sandten

Nicht nur die FDP muss zittern – viele Kandidaten wissen noch am Abend nicht, ob es für sie am Ende gereicht hat.

Hamburg.  Hat sie es erneut ins Landesparlament geschafft oder nicht? Am Montagnachmittag muss Birgit Stöver immer noch bangen. Die bisherige bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion liegt gegen 15 Uhr nur knapp über dem für sie nötigen Sollwert, neun von 84 Wahllokalen in ihrem Wahlkreis Harburg sind noch nicht ausgezählt. Bei der Bürgerschaftswahl hat ihre Partei nur knapp über elf Prozent der Stimmen erhalten, 2015 war die CDU in der Hansestadt noch auf 15,9 Prozent gekommen. Von einem „bitteren Ergebnis“ spricht Birgit Stöver und erklärt, auch sie persönlich sei ihren Ansprüchen nicht gerecht geworden.

Es sind in der Bürgerschaft insgesamt 121 Mandate zu vergeben, wobei 71 Abgeordnete in Wahlkreisen mit drei bis fünf Mandaten gewählt werden und die übrigen 50 Abgeordneten nach Landeslisten. Nach den Hochrechnungen am Wahlsonntag werden am Montag die Wahlkreis- und Landeslisten vollständig ausgezählt – ein zeitaufwendiges Prozedere.

Die Eingabe der Stimmen dauert

Zwei Stimmzettel waren auszufüllen, allein 24 Seiten umfasste der Stimmzettel für die Landeslisten, zweimal fünf Stimmen konnten die Wähler abgeben, verteilt auch an mehrere Parteien und mehrere Abgeordnete. Allein in Birgit Stövers Wahlkreis Harburg haben 30.430 Menschen gewählt, es gab dort 148.209 gültige Stimmen. Insgesamt gibt es 17 Wahlkreise in der Hansestadt. Alle dort abgegebenen gültigen Stimmen müssen von den vielen Wahlhelfern per Computer eingetragen werden. Weil das dauert, können sich am Montag neben Birgit Stöver auch viele andere der insgesamt 733 Bürgerschaftskandidaten nicht sicher sein, ob sie den Einzug schaffen.

Für andere Kandidaten hingegen steht der Erfolg schon früh fest, weil sie es auf den Landeslisten mit vielen Stimmen weit nach oben geschafft haben, unter ihnen kaum bekannte Gesichter wie SPD-Kandidat Baris Önes. Der 34 Jahre alte Jurist erhält mehr als 13.000 Stimmen. Zur Einordnung: SPD-Landeschefin Melanie Leonhard kommt auf knapp 18.000 Stimmen, der langjährige SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Mathias Petersen auf knapp 10.000 Stimmen. Unter den bekannteren SPD-Kandidaten nicht geschafft hat es Joachim Seeler.

Einer Partei steht ab einem Wert von 0,5 ein Sitz zu

Für den Einzug über die Wahlkreise gilt: Ob Kandidaten hier ein Mandat erringen, hängt erstens von der Stärke ihrer Parteien in dem Wahlkreis ab und zweitens davon, wie viele Stimmen eine Kandidatin oder ein Kandidat persönlich erhalten hat. Zur Anwendung kommt dann folgende Rechnung: Die Zahl der Mandate in einem Wahlkreis – zum Beispiel drei – wird multipliziert mit der Anzahl aller Stimmen für eine Partei – etwa für die CDU – und dann geteilt durch die Gesamtzahl der gültigen Stimmen für alle Parteien in dem Wahlkreis. Prinzipiell steht einer Partei ab einem Wert von 0,5 ein Sitz zu, ab 1,5 sind es zwei Sitze. Erreicht eine Partei einen Wert zwischen 0,5 und 1,5, erhält die Kandidatin oder der Kandidat dieser Partei mit den meisten Personenstimmen das erste Mandat.

Birgit Stöver steht am Montag gegen 15 Uhr bei 0,53 – das würde für sie reichen. Aber noch steht nicht fest, ob nicht die SPD-Kandidatin Oksan Karakus das Mandat erringen wird. Bei zwei von drei Sitzen im Wahlkreis Harburg ist die Sache um diese Zeit hingegen entschieden: Freuen dürfen sich der Sozialdemokrat Sören Schumacher und die Grüne Britta Herrmann.

Besondere Lage

Kaum noch optimistisch ist Thilo Kleibauer am Montagnachmittag. „Bei mir wird es knapp“, sagt der bisherige Sprecher der CDU-Fraktion für Haushalt, Finanzen und öffentliche Unternehmen. Im Gegensatz zu Birgit Stöver steht er in seinem Wahlkreis Alstertal/Walddörfer bei der Zahl der Personenstimmen nicht an der Spitze der CDU-Kandidaten, sondern auf Platz zwei hinter seinem Parteikollegen Dennis Thering, der es sicher geschafft hat.

Es gibt eine besondere Lage: Noch sind erst vier von fünf Mandaten vergeben, weil noch keine Partei einen Wert erreicht hat, der ihr den fünften Sitz verschaffen würde. Die SPD steht bei rund 2, hat schon zwei Sitze und müsste 2,5 für einen dritten Sitz erreichen. Die CDU steht bei rund 1,2 und bräuchte 1,5 für einen zweiten Sitz. Die Grünen haben einen Sitz, liegen aber hinter der CDU. Während Birgit Stöver um 16.30 Uhr weiß, dass sie es geschafft hat, muss sich Thilo Kleibauer bis in den Abend hinein gedulden. Dann steht fest: Es hat doch noch für ihn gereicht.