Hamburg

Architektenkammer kritisiert: "Billiger Schulbau" in Hamburg

Schulbau in Wilhelmsburg: Die Gebäude des Schulzentrums „Tor zur Welt“ wurden als CO2-neutrale Passivhäuser errichtet.

Schulbau in Wilhelmsburg: Die Gebäude des Schulzentrums „Tor zur Welt“ wurden als CO2-neutrale Passivhäuser errichtet.

Foto: IbsIbs

Preiswerter Putz, Kunststofffenster, Linoleumböden – häufig seien Architekten gezwungen, Entwürfe „herunterzurechnen“.

Hamburg. Die Hamburgische Architektenkammer schlägt Alarm, weil der Schulbau aus ihrer Sicht erheblich unterfinanziert ist. „Es ist schwierig bis unmöglich, angesichts viel zu geringer Budgets eine ausreichende bauliche Qualität und damit auch Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit beim Schulbau zu erreichen“, sagte Claas Gefroi, Sprecher der Architektenkammer.

Die Planer begrüßen zwar, dass die Schulbehörde den Schulbau energisch vorantreibe. Das sei angesichts steigender Schülerzahlen und einer noch immer bedrückenden räumlichen Situation an vielen Standorten eine „unabdingbare Investition in die Zukunft“.

Weniger nachhaltige Materialien

Doch die Architekten seien oft gezwungen, so Gefroi, ihre Entwürfe „herunterzurechnen“, indem beispielsweise preiswertere, aber auch weniger nachhaltige und dauerhafte Materialien und Produkte verwendet würden. Und der Architekt wird konkret: Während früher die Wände von Fluren, Treppenhäusern und oft auch Klassenräumen in langle­bigen Materialien wie Mauerwerk oder Holz ausgeführt worden seien, die 40 Jahre lang kaum ausgebessert werden mussten, kämen heute aus Kostengründen oft nur noch Putzoberflächen mit Farbanstrich zum Einsatz, die nach kurzer Zeit überarbeitet werden müssten.

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Die Aulen erhielten über Jahrzehnte haltbare Parkettbeläge, heute würden ausschließlich weniger haltbare und preiswertere elastische Bodenbeläge aus Linoleum oder Kautschuk verlegt. Heute würden zum Teil weniger nachhaltige Kunststofffenster verbaut, während bis vor einigen Jahren grundsätzlich Fenster in Holz oder Aluminium ausgeführt worden seien.

Kein Geld für Schulhofgestaltung

„Wird im Einzelfall von der Schulbau Hamburg doch einmal der Etat aufgestockt, muss das Geld an anderer Stelle eingespart werden – oft bei den Freianlagen oder bei Sanierungsmaßnahmen“, so Gefroi. An den Bauprojekten beteiligte Landschaftsarchitekten stellten immer wieder fest, dass so gut wie kein Geld für die Gestaltung oder Umgestaltung der Freiflächen von Schulen zur Verfügung stehe. „Dass Schülerinnen und Schüler, die heute zumeist bis 16 Uhr in der Schule sind, ihre Pausen weiterhin auf öden asphaltierten Schulhöfen ohne Spiel- und Sportangebote verbringen müssen, ist nicht akzeptabel“, sagte Gefroi.

Neubau- und Sanierungen zum Festpreis

Die Kammer begrüßt zwar, dass die Schulbehörde einen Rahmenplan Schulbau für alle rund 400 Standorte verabschiedet hat. „Das große Problem für uns Planer ist aber die Regelung, dass die Neubau- und Sanierungsmaßnahmen zu einem garantierten Festpreis durchzuführen sind und die Budgets für die Festpreise auf Grundlage von reinen Flächenbetrachtungen und nicht standortbezogen festgelegt werden“, sagt Architektenkammer-Sprecher Gefroi. Zu den standortbezogenen Einflüssen zählt zum Beispiel, dass es in Hamburg häufig keinen ausreichend tragfähigen Baugrund gibt. Die Folge: Es muss Boden ausgetauscht werden, oder das Schulgebäude muss auf Pfählen gegründet werden.

Hinzu komme, dass der sogenannte Kostenkennwert, also der vorgegebene Kostenrahmen pro Quadratmeter Nutzfläche, in Hamburg gleich bleibe, egal ob es sich um einen Neubau auf der grünen Wiese oder in der hoch verdichteten Innenstadt handele, um Klassenräume oder aufwendig ausgestattete Fachräume. Schließlich berechne Schulbau Hamburg den Kostenkennwert für die sogenannte Mietfläche der Schule, die neben der Nutz- auch die Verkehrsfläche beinhalte, die allein rund ein Drittel der Gesamtfläche ausmache.

Hamburg liegt am unteren Ende

Hamburg liegt im bundesweiten Vergleich der Baukosten statistisch ausgewerteter realisierter Schulbauprojekte am unteren Ende. Der Mittelwert für den Neubau einer allgemeinbildenden Schule liegt bundesweit bei 2830 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Bezogen auf die Mietfläche beträgt der Mittelwert 2311 Euro. „Nach Recherchen der Architektenkammer lagen die in den Architektenverträgen der letzten Jahre verankerten Kostenrichtwerte jedoch weit darunter, nämlich zwischen 1542 und 1765 Euro pro Quadratmeter Mietfläche“, sagt Gefroi.

Schulsenator weist Vorwürfe zurück

Schulsenator Ties Rabe (SPD) weist die Vorwürfe zurück. „Wir haben erstmals im Schulbau klare Qualitätsstandards definiert, um Kostenexplosionen wie zum Beispiel beim Bau der Elbphilharmonie bei jeder einzelnen Baustelle zu vermeiden. Unser Qualitätsniveau ist nicht Rolls-Royce, aber solide VW-Qualität“, sagt Rabe. Mittlerweile habe die Behörde mehr als ein Dutzend Architekturpreise für Schulgebäude bekommen. „Das zeigt: Es ist zwar unbequem für Architekten und Baufachleute, wenn sie sich an den klaren Vorgaben des Schulbaus orientieren müssen und nicht jeder architektonische Wunschtraum Wirklichkeit wird, aber man kann mit diesen Mitteln sehr schöne Schulen bauen.“

Andere Kommunen nähmen sich Hamburg zum Vorbild. „Deswegen finden wir es sogar gut, wenn die Hamburger Vorgaben im Bundesvergleich am unteren Ende der Skala sind. Diese Vorgaben zwingen alle Beteiligten, energisch auf die Kosten zu achten“, so der Senator. Wenn nicht in jeder neuen Aula Parkettfußboden verlegt werde, sondern „modernes Linoleum mit ansprechenden Farben“, dann sei das „für keine Schule ein Beinbruch“. Die deutlich preiswerteren Kunststofffenster hielten so lange wie Holzfenster und würden auch im hochwertigen Wohnungsbau verwendet.

Stadt investierte mehr als 2,5 Milliarden Euro in Schulbau

Seit 2011 hat die Stadt mehr als 2,5 Milliarden Euro in den Schulbau investiert. „Wir haben den Stillstand beim Schulbau beendet und die Investitionsmittel von früher 150 Millionen auf jetzt bis zu 400 Millionen Euro pro Jahr angehoben“, sagt Rabe.