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Goldenes Buch: So verschleiert Hamburg die Nazi-Geschichte

Adolf Hitler trug sich bei seinem Besuch 1934 in Hamburg auch in das Goldene Buch der Stadt ein. Bei Blohm & Voss besichtigte er den Bau von Kriegsschiffen

Adolf Hitler trug sich bei seinem Besuch 1934 in Hamburg auch in das Goldene Buch der Stadt ein. Bei Blohm & Voss besichtigte er den Bau von Kriegsschiffen

Foto: Picture Alliance

Zensur? Die Angaben über die Unterschriften von 1933 bis 1945 fehlen. Wie Hitler unterschrieben hat, was ein Historiker sagt.

Hamburg. Mit der braunen Vergangenheit hat die Hansestadt Hamburg mehr Probleme, als man annehmen könnte. Zwar ist die NS-Diktatur an Alster und Elbe gut aufbereitet. Aber es gibt nach wie vor weiße Flecken in der Beziehung Adolf Hitlers zu Hamburg, die der Stadt offenbar auch heute unangenehm sind. So wurde beispielsweise das Goldene Buch von den unliebsamen Einträgen „gesäubert“. Motto: Welcher Staatsgast in Hamburg will im 21. Jahrhundert schon da unterschreiben, wo Seiten zuvor der „Führer“ seinen Adolf hinkrakelte?

Glücklicherweise ist Hamburgs Goldenes Buch auch mehr eine Art „Loseblattsammlung“. Da kann man die pappdicken Seiten hinein- und herausnehmen, wie es die Lage erfordert. Das werden auch Jean-Claude Juncker (EU-Kommissionspräsident) und der ehemalige deutsche Außenminister Josef „Joschka“ Fischer wieder erfahren, wenn sie sich am Freitag beim Matthiae-Mahl in Hamburgs bedeutendste Unterschriftensammlung eintragen. Der Grüne Fischer übrigens zum zweiten Mal nach dem Jahr 2001.

So unterschrieb Hitler in Hamburgs Goldenem Buch

Und auch Hitler hat sich gleich zweimal für die Archive verewigt. Im August 1934 und im März 1938 trug sich der Diktator in Hamburgs Goldenes Buch ein. Vor ihm taten das bereits die Nazi-Größen Hermann Göring (1933) und Baldur von Schirach (1934).

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden ihre Blätter im „Giftschrank“ des Staatsarchivs. Über Hitler in Hamburg wurde der Mantel des Schweigens gelegt. Im Staatsarchiv, so haben Recherchen des Abendblatts ergeben, lagen die Blätter aus dem Goldenen Buch mit den Nazi-Unterschriften vom Zugriff der breiten Öffentlichkeit geschützt ausgerechnet bis zum Jahr der deutschen Wiedervereinigung 1990.

Auf einem Übersichts-Zettel zu den führenden Nazis im Goldenen Buch aus dem Jahr 1960 („Die Mappe liegt im Geheimschrank“) hat ein späterer Hamburger Archivar mit seiner Handschrift vermerkt: „aus dem Geheimschrank entnommen u. in den Bestand Rathausverwaltung überführt. 1.3.1990.“

Historiker: Bedenklich, Nazi-Größen zu tilgen

Heute findet sich im Internet eine komplette offizielle Liste aller Persönlichkeiten, die sich in das Goldene Buch Hamburgs eingetragen haben. Die Zeit von 1933 bis 1945 fehlt.

Prof. Axel Schildt, der bisherige Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (es gibt noch keinen Nachfolger), sagte dem Abendblatt: Nach seiner persönlichen Meinung wäre ein Hinweis auf die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft im Goldenen Buch und auf die Archivierung nützlich. Das würde der „Ehrlichkeit städtischer Gedenkpolitik“ entsprechen. Schildt sagte: „Es wäre –auch im Blick auf künftige Generationen – bedenklich, NS-Größen einfach zu tilgen, denn dann weiß bald keiner mehr, dass eben auch Hamburg Hitler und andere NS-Größen mit Ehren überhäuft hat und wer dafür verantwortlich war.“

Der Umgang mit der NS-Geschichte bleibt ein besonderer. Während erläuternde Hinweise auf die Nazi-Einträge im Goldenen Buch fehlen, sind im Internet völlig unkommentiert die Namen derjenigen aufgelistet, die sich seit 1945 eingetragen haben und ebenfalls unter „Diktator“, „Despot“ oder „Massenmörder“ abgelegt werden können.

Der ugandische Diktator Idi Amin ist dabei, auch Rumäniens ehemaliger Präsident Nicolae Ceaușescu – sie alle inmitten der fröhlichen Astronauten wie Neil Armstrong, amerikanischen Senatoren á la Edward „Ted“ Kennedy, Königinnen (Elizabeth II.), Prinzen (Charles) und Prinzessinnen (Diana) oder Tennisspieler (Boris Becker) und Boxer (Vitali Klitschko).

Senat: Goldenes Buch wird nicht ausgestellt

Heute gibt es keine Regel, nach der die älteren Blätter aus dem Rathaus ins Staatsarchiv kommen. „Das richtet sich nach der noch vorhandenen Kapazität dieser ,Loseblattsammlung‘, was wiederum von der Anzahl der Einträge ins Goldene Buch abhängig ist“, sagte Senatssprecher Jörg Schmoll dem Abendblatt. „Die Einträge werden grundsätzlich weder gezeigt noch ausgestellt noch sind sie bei Führungen einsehbar – unabhängig davon, ob es sich um heute negativ bewertete Personen der Zeitgeschichte handelt oder nicht. Ebenso wenig werden Einträge aus diesem Grund vernichtet.“

Die Unterschriften der Nazis erst im Giftschrank, jetzt unter verschärften Umständen im Staatsarchiv einsehbar, das Goldene Buch im Rathaus nur für Staatsgäste wie eine heilige Schrift einsehbar – der Umgang Hamburgs mit seinen prominenten Besuchern und der Dokumentation könnte transparenter, demokratischer sein.

Doch das steht offenbar in einer „besonderen“ hanseatischen Tradition. Als sich der damals schon abgesetzte Otto von Bismarck als Nummer eins ins Goldene Buch im Rathaus eintragen sollte, konnte der „Eiserne Kanzler“ nicht. Er lag mit Grippe darnieder. Man brachte ihm den Band 1897 nach Hause in den Sachsenwald. Immerhin: Bismarck unterschrieb zwei Jahre vor Kaiser Wilhelm II.