Bildungspolitik

Jeder zweite Stadtteilschüler ist schwach in Rechtschreibung

Bildungssenator Ties Rabe auf der Senatsbank in der Bürgerschaft – die Ergebnisse der Kermit-Studie
werden dort sicher thematisiert

Bildungssenator Ties Rabe auf der Senatsbank in der Bürgerschaft – die Ergebnisse der Kermit-Studie werden dort sicher thematisiert

Foto: Andreas Laible / HA

Kermit-Studie für 8. Klassen zeigt vor allem bei Hamburgs Stadtteilschülern eklatante Probleme in Deutsch und Mathematik.

Hamburg.  Kermit lautet die kindgerecht-spaßige Bezeichnung für eine ernste Angelegenheit: Regelmäßig werden alle Hamburger Schüler auf ihre Lernfortschritte hin getestet – Kermit steht dabei für Kompetenzen ermitteln. Bei dieser Studie geht es darum, den Lehrern eine Rückmeldung zu liefern, welchen Leistungsstand jeder einzelne Schüler erreicht hat und wo gegebenenfalls nachgesteuert werden muss, um Defizite auszugleichen.

Bislang hatte die Schulbehörde aus den landesweiten Kermit-Ergebnissen ein großes Geheimnis gemacht. Die Resultate wurden nur jeder Schule für ihre Schüler individuell übermittelt, um sie für den Unterricht zu nutzen. Erstmals hat der Senat jetzt in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bürgerschaftsabgeordneten Anna von Treuenfels-Frowein die Gesamtergebnisse der Kermit-Studien des vergangenen Schuljahres mitgeteilt.

Danach haben sehr viele Schüler erhebliche Probleme in den Bereichen Rechtschreibung und Mathematik. Bei dem Test für die Achtklässler (Kermit 8) erreichten 49,7 Prozent der Stadtteilschüler nicht den Mindeststandard, der für einen erfolgreichen Realschulabschluss erforderlich ist. Zum besseren Verständnis: Den Lehrern bleiben jetzt noch zwei Jahre Zeit bis zur Realschulprüfung am Ende von Klasse 10, um die erheblichen Defizite fast der Hälfte der Schüler wettzumachen. Da es sich aber um Basisqualifikationen handelt, gilt das als ambitioniertes Vorhaben.

Die Unterschiede der Leistungen sind extrem

Mehr als jeder zehnte Achtklässler an Stadtteilschulen – 12,2 Prozent – erreicht nicht einmal das für den Hauptschulabschluss erforderliche Mindestniveau. An den Gymnasien fallen die Ergebnisse erwartungsgemäß besser aus. Hier unterschreiten nur 1,5 Prozent der Achtklässler das Mindestniveau für den Realschulabschluss und 0,1 Prozent für den Hauptschulabschluss. Entsprechend breiter als an Stadtteilschulen ist das obere Ende der Leistungsskala : 32,9 Prozent der Gymnasiasten erreichen die beiden oberen Kompetenzstufen Regelstandard plus und Optimalstandard. An den Stadtteilschulen sind es lediglich 1,4 Prozent.

Leitartikel: Ein bitteres Zeugnis

Im Fach Mathematik – fast schon traditionell Sorgenkind der Schulpolitik – ist die Lage noch kritischer. An den Stadtteilschulen haben 77,3 Prozent der Achtklässler den Mindeststandard für den Realschulabschluss noch nicht geschafft. Mit 42,1 Prozent ist der Anteil der Schüler unter Mindestniveau Hauptschulabschluss extrem hoch. Auch hier schneiden die Gymnasiasten mit ihrer anders zusammengesetzten Schülerschaft besser ab: 8,3 Prozent liegen unter Realschulniveau, 0,5 Prozent unter Hauptschulstandard.

Die beiden höchsten Kompetenzstufen im Fach Mathematik erreichen lediglich 0,9 Prozent aller Hamburger Stadtteilschüler, aber 21,3 Prozent der Gymnasiasten. Dass ein erheblicher Teil der Schüler von Beginn an sehr große Probleme hat, den Unterrichtsstoff zu lernen, zeigt der Blick auf Kermit 3. Knapp 20 Prozent der ebenfalls im vergangenen Schuljahr getesteten Drittklässler liegen im Fach Deutsch (Leseverstehen und Zuhören) unter dem Mindeststandard. In Mathematik sind es sogar 24,5 Prozent.

„Die aktuellen Ergebnisse der Vergleichsarbeiten Kermit in den achten Klassen sind verheerend“, sagt FDP-Bildungspolitikerin von Treuenfels-Frowein. Die Resultate verdeutlichten, „welch enorme Unterschiede im Leistungsniveau zwischen den Schulformen in Hamburg bestehen“, wenn fast die Hälfte der Stadtteilschüler das Mindestniveau für den Realschulabschluss in Rechtschreibung und mehr als drei Viertel in Mathematik nicht erreichten, während der Anteil an Gymnasien deutlich unter zehn Prozent liege. „Und hier handelt es sich um Kernkompetenzen, die unabhängig vom weiteren Bildungsweg für jeden Schüler entscheidend sind“, so von Treuenfels-Frowein, die eine Reform der Bildungspläne fordert.

Senator Rabe sieht „keinen Grund für Alarmismus“

„Ich nehme die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten sehr ernst, denn sonst hätte ich die regelmäßige Testung aller Schüler alle zwei Jahre nicht eingeführt“, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). „Die Leistungen in Rechtschreibung und Mathematik müssen besser werden, dennoch sind die Ergebnisse kein Grund für Alarmismus.“ Immerhin würden fast 88 Prozent der Achtklässler die Rechtschreibung so gut beherrschen, dass sie jederzeit den Hauptschulabschluss schaffen. In Mathematik seien es, so Rabe, immerhin gut 58 Prozent.