Abendblatt-Interview

Senatorin und Mutter – wie geht das Frau Schiedek?

Hamburgs Justizsenatorin Jana Schiedek ist nach ihrer Babypause in die Justizbehörde zurückgekehrt. Senat will Teilzeit in Führungspositionen der Verwaltung ausbauen.

Hamburg. Knapp drei Monate war Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD) nach der Geburt ihres Sohnes im Mutterschutz. Vor Kurzem ist sie an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Im Abendblatt-Interview spricht die Senatorin erstmals über ihre praktischen Erfahrungen mit der neuen Doppelrolle und die Ziele des Gleichstellungsgesetzes aus ihrem Hause, das der Senat am gestrigen Dienstag beschlossen hat.

Hamburger Abendblatt: Sie sind seit drei Wochen zurück im Amt – wie läuft es mit dem kleinen Len, der Ihr Leben verändert hat, und der großen Politik?
Jana Schiedek: Bisher sehr gut, aber fragen Sie mich in einem halben Jahr noch einmal. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den einen oder anderen Tag etwas müder ins Büro komme.

Sind Sie heute ausgeschlafen in die Behörde gekommen?
Schiedek: Heute nun gerade mal nicht. Es gibt gute und weniger gute Nächte.

Wie lange können Sie sich heute um Ihren Sohn kümmern?
Schiedek: Es gibt Tage wie heute, an denen ich länger arbeite – heute Abend steht noch ein Senatsempfang an –, und andere, an denen ich versuche, möglichst früh nach Hause zu kommen. Ich arbeite häufiger auch von zu Hause, um Zeit mit meinem Sohn zu verbringen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf allgemein aus?
Schiedek: Jeder Tag ist anders, aber insgesamt sind die Tage schon länger als früher, weil ich früher geweckt werde. Aber wenn man mit einem freundlichen zahnlosen Lächeln geweckt wird, ist das tausendmal schöner als der Wecker.Die internen Sitzungen wie Senatorenvorbesprechung und Senatssitzung sind am Wochenanfang. Einen anderen Jour fixe habe ich gleich zu Beginn der Legislaturperiode auf den Vormittag gelegt, damit auch Teilzeitkräfte daran teilnehmen können. Darauf achte ich nicht erst, seit ich Mutter bin. Bürgerschafts- und Ausschusssitzungen ziehen sich dagegen häufig in den Abend hinein.

Hat Ihr Sohn schon an einer Senatssitzung teilgenommen?
Schiedek: Nein. (lacht). Das habe ich auch nicht vor, aber ich stelle ihn schon einzelnen Senatskollegen vor. Auch in den Bürgerschaftssitzungen war er nur während der Schwangerschaft dabei.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fordert auch den Mann. Geht es bei Ihnen gleichberechtigt zu?
Schiedek: Ja. Mein Mann übernimmt sehr viele Aufgaben. Er ist in Eltern-Teilzeit.

Nachts stehen beide mal auf?
Schiedek: So ist es, auch wenn in den ersten Lebensmonaten die Mutter stärker gefordert ist.

Sind Sie jetzt eine Teilzeit-Senatorin?
Schiedek: Nein, das kann man so nicht sagen, aber ich richte meine Arbeitszeit deutlich flexibler aus. Das Amt beeinflusst die Familie, aber die Familie beeinflusst auch das Amt. Es war allen klar, dass ich nicht mit fünf Abendterminen pro Woche und drei Wochenendterminen im Monat weitermache.

Im Senat gehört den Frauen die Hälfte des Himmels. Top-Positionen in der öffentlichen Verwaltung besetzen Frauen nur zu 18 Prozent. Warum ist das Ihrer Ansicht nach so?
Schiedek: Wir haben einfach noch viel Nachholbedarf. Die gezielte Frauenförderung wurde nicht immer mit der gleichen Intensität durchgeführt wie jetzt.

Wie wollen Sie das ändern?
Schiedek: Das ist kein Prozess von wenigen Jahren. Wir müssen Frauen gezielt ansprechen und fördern. Es geht darum, Netzwerke von Frauen zu stärken, gerade auch in Führungspositionen.

Welche Quote ist Ihr Ziel?
Schiedek: Im Gleichstellungsgesetz gibt es eine Zielvorgabe von mindestens 40 Prozent. Es darf gerne mehr sein. Übrigens: Die gleiche Quote gilt auch für Männer – das ist unsere moderne Auffassung von Gleichstellung.

Künftig sollen alle Führungs- und Leitungsaufgaben in Ämtern und Behörden in Teilzeit ausgeübt werden können. Wie funktioniert das praktisch?
Schiedek: Es gibt unterschiedliche Modelle. Teilzeit kann etwa auch 80 Prozent bedeuten. Mir hat sich nie erklärt, warum bei Stellenangeboten für Führungspositionen immer stand, dass Vollzeit die Voraussetzung ist. Man kann nicht jede Führungsposition mit 50 Prozent Arbeitszeit bewältigen, aber sicherlich mit 80 Prozent. Wir haben die Stelle der Stadtteildirektorin St. Georg in Teilzeit besetzt. Das läuft ganz wunderbar. Ein anderes, in der Verwaltung auch schon praktiziertes Modell ist die Tandem-Führung, also zwei teilen sich eine Stelle zu gleichen Teilen.

Welche Beispiele gibt es dafür?
Schiedek: Es gibt bei Gericht zwei Führungstandems. Beim Oberlandesgericht etwa teilen sich zwei Richterinnen den Vorsitz eines Senats. Auch in der Schulbehörde wird die Personalabteilung von zwei Frauen in Teilzeit geführt.

Meistens sind es die Mütter, die beruflich zurückstecken. Vier von fünf Teilzeitbeschäftigten im Hamburger öffentlichen Dienst sind Frauen. Neun von zehn Mitarbeitern, die aus familiären Gründen beurlaubt sind, sind auch Frauen. Was muss geschehen, dass sich auch Männer mehr in der Verantwortung sehen?
Schiedek: Schon heute erlebe ich es bei der jüngeren Generation, dass sich beide stärker einbringen. Anreizsysteme wie das Elterngeld spielen dabei auch eine wichtige Rolle. Wir müssen eben gewährleisten, dass man keine beruflichen Nachteile erleidet, wenn man aus familiären Gründen eine Zeit lang weniger arbeitet. Übrigens: Hier geht es ja nicht nur um die Kinderbetreuung, sondern in verstärktem Maße auch um das Thema Pflege der eigenen Eltern.

Was muss sich in unserer Gesellschaft ändern, damit Mütter Kind und Karriere problemlos unter einen Hut bekommen?
Schiedek: Familienarbeit muss neu aufgeteilt werden zwischen Mann und Frau. Der Staat kann da nur Rahmenbedingungen setzen, etwa Kinderbetreuungsangebote. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, dass wir von dem Bild wegkommen, dass allein Präsenz am Arbeitsplatz und Mehrarbeit der Schlüssel für eine Karriere ist. Wir brauchen mehr Flexibilität. Telearbeit ist immer noch als nicht vollwertige Arbeit verschrien. Der Fachkräftemangel wird diese Diskussion aber vorantreiben und bei Arbeitgebern eine Veränderung in ihrer Denkweise hervorrufen. Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird ein stärkerer Wettbewerbsfaktor zwischen Unternehmen sein.