Sprechen Sie Hamburgisch?

Ein Streifzug durch die Hamburger Zeitungsgeschichte

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter M. Schmachthagen

Folge 1456

Folge 1456 Zum 65. Geburtstag des Abendblatts lesen Sie heute eine besondere Folge von „Sprechen Sie Hamburgisch?“: eine Auswahl aus der Zeitungsgeschichte der Hansestadt.

Abendblatt Als junger Mann wollte Axel Springer, geboren am 2. Mai 1912 in Altona, gestorben am 22. September 1985 in Berlin, Sänger werden. Er schwärmte für den Tenor Richard Tauber (1891–1948). Daraus wurde nichts. In den letzten Kriegsjahren hatte er dann den Traum, später das größte Zeitungshaus Europas zu schaffen. Diesen Traum verwirklichte er nach 1945 von Hamburg aus. Nach den „Norddeutschen Heften“ und der „Hörzu“ wollte er unbedingt eine Tageszeitung herausgeben, die ganz anders als die damaligen Blätter sein sollte. Die englischen Presseoffiziere erteilten aber keine Lizenz an Einzelpersonen.

Neben der britischen „Die Welt“ für das gesamte Besatzungsgebiet und der Wochenzeitung „Die Zeit“ gab es in Hamburg vier Partei- oder parteinahe Zeitungen, die natürlich nicht daran interessiert waren, das Programm des politischen Gegners objektiv darzustellen. Erst als das Lizenzierungsverfahren in deutsche Hände überging, bekam Axel Springer 1948 vom Senat der Hansestadt die Lizenz Nr. 1 zur Herausgabe einer Tageszeitung. Diese neue Zeitung sollte über den Parteien stehen und über Politik berichten, aber keine Politik machen. Daher stammt die Bezeichnung „Überparteilich“ im Titelkopf. Und sie sollte unabhängig von Zuschüssen des Staates, der Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften sein und sich aus eigener wirtschaftlicher Kraft selbst tragen können, was zur zweiten Angabe „Unabhängig“ führte.

Am 14. Oktober 1948 erschien die erste Ausgabe, die auf der Rotation (Zeitungsdruckmaschine) des damals eingestellten „Fremdenblatt“ an den Großen Bleichen gedruckt wurde. Das hatte zwei Folgen: Erstens musste das übergroße (nordische) Format des „Fremdenblatt“ übernommen werden, was bis heute Auswirkungen auf die Zeitungslandschaft in Deutschland hat, und zweitens musste sich Springer mit seinem Druckauftrag hinten anstellen. Seine neue Zeitung wurde erst mittags nach den anderen Titeln gedruckt und kam abends zum Leser. Was lag näher, als die Zeitung Hamburger Abendblatt zu nennen? Dieses Markenzeichen blieb natürlich erhalten, als das Abendblatt 1993 zur Morgenzeitung geworden war. Das Abendblatt wurde bald zur Zeitung Nummer eins in Hamburg.

Anzeiger Der „Anzeiger“ wurde von dem Essener Großverleger Wilhelm Girardet (1838–1918) am 2. September 1888 als „General-Anzeiger für Hamburg-Altona“ [sprich: Hamburg und Altona] gegründet und 1922 mit dem Schwesterblatt „Neue Hamburger Zeitung“ zum „Hamburger Anzeiger“ zusammengelegt. Girardet brachte damit den Zeitungstyp „Generalanzeiger“ nach Hamburg – kurze Artikel, populäre Themen, niedrige Bezugs- und Anzeigenpreise, sodass der „Anzeiger“, wie er in Hamburg ugs. nur genannt wurde, in der Weimarer Republik der meistgelesene Titel der Hansestadt war. Im Dritten Reich gleichgeschaltet, wurde er kriegsbedingt am 1. September 1944 mit dem „Fremdenblatt“ und dem Tageblatt (der Hamburger NS-Zeitung) zur „Hamburger Zeitung“ zwangsvereinigt (bis 30. April 1945). Erst am 13. September 1952 startete der „Anzeiger“ einen Neuanfang, vereinigt mit der FDP-Parteizeitung „Hamburger Freie Presse“ (1946–1952), in die ihrerseits die CDU-nahe „Hamburger Allgemeine Zeitung für christlich-demokratische Erneuerung“ (1946–1950) aufgegangen war. Der „Anzeiger“ brach einen ruinösen Preiskrieg gegen das Abendblatt vom Zaun, den er verlor – und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Am 31. März 1957 gab der „Anzeiger“ endgültig auf.

Fremdenblatt Das „Hamburger Fremdenblatt“, das vielen als Qualitätszeitung der Vorkriegszeit im Gedächtnis geblieben ist, wird fälschlicherweise häufig für den Vorläufer des Hamburger Abendblatts gehalten. Das Abendblatt ist eine Neugründung aus dem Jahr 1948, das Fremdenblatt geht auf die Liste der ankommenden Fremden in Hamburg (ab 1828) zurück, erschien vom 24. September 1864 an als „Hamburger Fremden-Blatt“, kam 1907 zum Verleger Alfred Broschek (1858–1925), wurde 1936 von den Nationalsozialisten enteignet und 1944 mit anderen zur „Hamburger Zeitung“ zwangsvereinigt. Nach 1945 für die Besatzungsmacht nicht lizenzfähig, unternahmen Broscheks Erben 1954 einen kurzen, erfolglosen Versuch der Wiederbelebung. Danach führte das Abendblatt bis zum 4. April 1992 den Namen „Hamburger Fremdenblatt“ in Lizenz als Untertitel, um ihn für Mitbewerber zu sperren.

Hamburger Tageblatt Das NS-Kampforgan „Hamburger Tageblatt“ erschien zuerst am 1. Januar 1931. Es entstand aus der Fusion der entsprechend eingefärbten Zeitungen „Hamburger Volksblatt“ und „Hansische Warte“. Das „Tageblatt“-Motto: „Den Staat zerstört man nicht, man erobert ihn.“ Als die Nationalsozialisten bald danach tatsächlich die Macht im Staat ergriffen hatten, wurde aus dem Kampfblatt ein Gaublatt. Für wie wichtig im Dritten Reich solche Zeitungen von den braunen Machthabern angesehen wurden, zeigt die Teilnahme von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels an der Grundsteinlegung des Pressehauses am Speersort am 22. Oktober 1938: „Die Presse ist die geistige Waffe im Kampf um Deutschlands Weltgeltung.“ Das Pressehaus konnte am 1. Juli 1939 bezogen werden. Nach dem Krieg wickelte die britische Besatzungsmacht das „Tageblatt“ ab.

Hamburger Zeitung Die „Hamburger Zeitung“ erschien vom 1. September 1944 bis zum 30. April 1945 als Kriegsarbeitsgemeinschaft der drei verbliebenen Titel „Hamburger Tageblatt“, „Hamburger Fremdenblatt“ und „Hamburger Anzeiger“.

Peter M. Schmachthagen, 72, war von 1980 bis 2006 Chef vom Dienst