Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt

Der Medienstandort Hamburg wird weiter unterschätzt

Foto: Ingo Röhrbein

Laut Karl Dietrich Seikel, Medienbeauftragter des Hamburger Bürgermeisters, sprechen viele Fakten für die Attraktivität der Hansestadt.

Hamburg. Bei manchen vermeintlichen Szenekennern ist es fast zur lieben Gewohnheit geworden, über den "Bedeutungsverlust" Hamburgs als Medienstandort zu räsonieren. Und dafür gibt es auch immer wieder spektakuläre Anlässe: Da geht vor vielen Jahren Springers "Welt" zunächst nach Bonn, dann nach Berlin. Vor jetzt gut drei Jahren folgt auch die Zentralredaktion der "Bild"-Zeitung in die Hauptstadt - in diesem Jahr wandern Text- und Bildredaktion der Deutschen Presseagentur (dpa) von Hamburg und Frankfurt nach Berlin.

Was hinter den Meldungen bleibt: Der Axel Springer Verlag beschäftigt auch heute in Hamburg nicht weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als in Berlin. Und was die dpa angeht, ist die eigentliche Nachricht, dass der Firmensitz des Unternehmens mit Verwaltung, Vertrieb und den expandierenden IT-Tochterunternehmen, und damit etwa die Hälfte der Belegschaft, in Hamburg bleiben.

Ähnliches gilt in anderen Bereichen der Kreativ- und Medienindustrie: Zwar gab es am Ende eines beispiellosen Subventionspokers vor Jahren die Abwanderung von Universal-Musik nach Berlin - eine zumindest volkswirtschaftlich sehr fragwürdige Veranstaltung. Aber: Auch heute ist Hamburg fraglos die Musikhauptstadt Deutschlands mit einer überaus gesunden Struktur von kleinen, mittelständischen und großen Produzenten, renommierten Veranstaltern, einflussreichen Verlagen und Agenturen und vielen Stars und Nachwuchskünstlern.

Hamburg ist aufgrund des überaus vielfältigen privaten und öffentlich-rechtlichen Angebots auch die Radiohauptstadt der Republik - und, was kaum jemand realisiert, nach Auflagen der Hamburger Kinderbuchverlage, der hier ansässigen Autoren, Illustratoren, Lektoren und kundigen Verlagsvertreter "ganz nebenbei" auch die Hauptstadt des Kinderbuchs in Deutschland.

Erwähnt sei auch die nach wie vor florierende Film- und Fernsehlandschaft Hamburgs, die bemerkenswerte und anerkannte Projekte am Standort und vom Standort aus realisiert, obwohl in Berlin, München und Köln sehr viel mehr Gelder für Filmförderung bereitgestellt werden. Es würde den Rahmen sprengen, über die eigentlichen Zukunftsthemen am Standort, Internet, IT und Games zu sprechen. Gemessen an den in diesem Sektor rasant wachsenden Beschäftigungszahlen sind die Arbeitsplatzverluste im traditionellen Verlags- und Musikgewerbe längst überkompensiert.

Und natürlich: Auch die Werbeagenturen lieben Hamburg - ich wünschte mir mehr Beachtung auch in den Medien, die endlich einmal anhand der national und international vergebenen Awards für herausragende Werbung die europa- und weltweite Bedeutung der Kreativmetropole einem größeren Publikum nahebringen sollten.

Warum zähle ich das auf?

Hamburg neigt zum Understatement. Das ist eine mir persönlich sehr sympathische Eigenschaft. Aber im durchaus rauen Wettbewerb der Kreativmetropolen im Inland, in Europa und weltweit ein vielleicht etwas luxuriöses Verhalten.

Deshalb wäre es schade, wenn eine weitere Alleinstellung Hamburgs, die mit der Eröffnung des Kunst- und Mediencampus Hamburg (Finkenau) mit dem Zuzug der Fakultät Design, Medien und Information der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) mit rund 1500 Studierenden, Dozenten und Professoren entsteht, aus Liebe zum Understatement nur verzagt kommuniziert würde.

Hamburg schafft mit diesem Campus etwas in Deutschland und Europa Einmaliges: Schon heute hier arbeitende Studierende der Hamburg Media School (HMS), des Bürgerradios und Fernsehens TIDE, der Miami Add School, des Ex-Hark-Bohm-Filmstudiums, des Filmstudiums der Hochschule für bildende Kunst (HfbK) unter Wim Wenders werden mit den Studenten der HAW kooperieren und sich gegenseitig inspirieren. Jetzt kann - was vorher nicht möglich war - ein gegenseitiger kreativer Austausch stattfinden, beispielsweise auch durch die Einrichtung eines Labors für die Entwicklung von Games im neuen Studiogebäude für TIDE, das den Lehrstuhl für Games an der HAW sinnvoll ergänzt.

"Der gut ausgebildete Nachwuchs ist das, was uns neben der unumstrittenen Lebensqualität in Hamburg hält" - das sagen vor allem viele junge Unternehmer, die sich für Hamburg entschieden haben. Die Aufgabe ist, diesen Standortvorteil weiter auszubauen.