Hamburger Arbeitsmarkt

Vom Ein-Euro-Jobber zum Showprofi

Foto: © Frank Peters / Frank Peters

Ein Tanzprojekt der Stage School und des team.arbeit.hamburg fördert Jugendliche, die auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar galten.

Neustadt. Die Musik ist laut, die Tanzschritte perfekt. 14 junge Hamburger wirbeln über die Bühne im Saal E der Laeiszhalle. Selbstbewusst, stolz, aufrecht. Vor einem halben Jahr waren sie noch schüchtern, enttäuscht, niedergeschlagen. Damals waren die meisten von ihnen Ein-Euro-Jobber.

Heute präsentieren sie ihren Familien und Freunden eine emotionale Bühnenshow. "Ich bin voll aufgeregt", sagt die 20-jährige Belma Alemdag. Wie viele in der Gruppe hat sie in ihrem jungen Leben schon viel erlebt. Manche hätten "viel Scheiß gebaut", wie es ein anderer Teilnehmer ausdrückt. In der Arbeitswelt seien sie deshalb als "schwer vermittelbar" eingestuft worden. Etliche Bewerbungen hätten sie geschrieben, genauso viele Absagen erhalten. Das gilt auch für Olivio Costa. Nach der Hauptschule fand er keinen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann. "Ich habe als Ein-Euro-Jobber in einer Museumswerkstatt gearbeitet", sagt der 23-Jährige. Auf die Bühne wollte er schon immer, spielte in "Marasat" am Deutschen Schauspielhaus mit. "Was Schauspielerei genau bedeutet, war mir aber nicht bewusst. Das habe ich erst hier gelernt."

Damit meint Olivio die "Stage School für Performing Arts", die zusammen mit dem team.arbeit.hamburg das Tanzprojekt auf die Beine gestellt hat. Die Idee: Vor sechs Monaten kämpften 36 Jugendliche um Plätze in diesem besonderen Kurs der Stage School. 19 Jugendliche wurden ausgewählt, 14 bildeten den harten Kern, der täglich Gesang, Tanz und Schauspiel einstudierte.

"So sollten die jungen Teilnehmer selbstbewusster werden, aber gleichzeitig Zuverlässigkeit lernen", sagt Rosemarie Hören vom team.arbeit.hamburg. Mit Erfolg. Olivio Costa und Jasmina Farazdel sind sogar ab 16. August für drei Jahre Stipendiaten an der Stage School. "Gerne würden wir vier weitere junge Talente mit einem Stipendium fördern, doch haben als Privatschule nicht so viel Geld. Wir suchen noch Sponsoren", sagt Geschäftsführer Thomas Gehle.

Ihr Glück fassen können weder Olivio noch Jasmina. "Es ist das Erste, was ich wirklich durchgezogen habe", sagt die 19-Jährige. Auch Olivios Mutter Maria ist sehr gerührt: "Ich bin stolz und überrascht. Er ist ein guter Junge, aber mein Vertrauen war etwas dahin, als er seine Praktika abbrach. Als Olivio jetzt plötzlich regelmäßig und pünktlich das Haus verließ, war ich zuerst fast schon ein bisschen misstrauisch."

Unabhängig von den Stipendien an einzelne Mitstreiter ist die Gruppe stolz auf den gemeinsamen Erfolg. "Ich hätte nie gedacht, dass ich je so weit kommen würde", sagt Marcel Karpinski, 17, der verwundert über seine kraftvolle Stimme ist. "Ich spreche jetzt einfach klarer und selbstsicherer." Sein Freund Fabio Giannotta, 18, hat an sich eine andere Veränderung festgestellt: "Ich bin ruhiger geworden, werde nicht mehr so schnell sauer." Jessica de Luca, 20, fällt es schwer, das Ende des Projekts zu akzeptieren. "Wir hatten eine unglaublich schöne Zeit. Wir haben gelernt, im Team zu arbeiten. Und die Schüchternen sind richtig aus sich heraus gekommen."

Neid soll es in der Zeit nicht gegeben haben. Dafür täglich eine Stunde Zirkeltraining - und den Muskelkater gratis dazu. Auch die Kilos purzelten bei manchem Teilnehmer. Belma Alemdag verlor durch das Training 20 Kilogramm. Das sei aber nicht wichtig, das Entscheidende sei der Zusammenhalt. Schließlich hatte sich die Gruppe in der Freizeit getroffen, um die Schritte einzustudieren.

Der Erfolg lässt sich sehen, auf der Bühne der Laeiszhalle. Nach seinem gelungenen Auftritt wirft Benjamin Pogorzalski, 19, seiner Mutter Anna Luftküsse zu, die sie euphorisch erwidert. "Er sagte: 'Mama, ich will, dass du stolz auf mich bist.' Und jetzt bin ich wirklich mehr als das", sagt seine Mutter.

Das Projekt hat eines geschafft: Aus den Verlierern von gestern sind heute Gewinner geworden. Für mehr als nur einen Tag.