Gastbeitrag: Ulrike Murmann

Unverständlich, wie man vor eine alte und schöne Kirche ein Bürogebäude setzen kann

Hamburg erwacht seit einigen Monaten aus dem Schlaf der Selbstgenügsamkeit: Bürger engagieren sich politisch, Künstler kooperieren mit Kulturjournalisten, Architekten kritisieren Stadtplaner. Die Zeit der Politikverdrossenheit und des nachbarschaftlichen Desinteresses scheint vorbei. Über alle Parteigrenzen hinweg und quer durch die sozialen und beruflichen Milieus vernetzen sich Menschen mit ein und demselben Interesse: Sie "suchen der Stadt Bestes" (Jeremia 29,7). Die Schulreform, der Städtebau und der Umweltschutz geben den Anlass für Initiativen im Gängeviertel, in Altona oder im Katharinenquartier.

Hamburg bewegt sich, und zwar nicht polarisierend oder ideologisch, sondern eher sachorientiert und pragmatisch. Das hat es in dieser Form lange nicht gegeben und ist ein überraschender Ausdruck von bürgerschaftlichem Engagement. Wenn Bewohner sich mit ihrem Stadtteil identifizieren und sich für ihre Kirchen oder den Erhalt von Denkmälern einsetzen, dann geht es ihnen nicht um ein individuelles Interesse, sondern um ein gesamtstädtisches.

Deswegen schlägt die Diskussion um die Planung eines großen Büroriegels an der Willy-Brandt-Straße gegenüber der Hauptkirche St. Katharinen so hohe Wellen. Sie hat Bedeutung für ganz Hamburg, handelt es sich hier immerhin um den Stadtteil mit dem bezeichnenden Namen "Altstadt". Hier liegt die drittälteste Hauptkirche unserer Stadt. In der südlichen Turmwand bewahren und bestaunen Denkmalpfleger das älteste aufrecht stehende Bauwerk Hamburgs. Die Fassade aus dem 13. Jahrhundert hat Feuersbrünste und Bombennächte überstanden. Der barocke Kirchturm gehört zu den anmutigsten Türmen Hamburgs und ist in der Silhouette der Hansestadt eine markante Größe. Zusammen mit den Kirchtürmen von St. Michaelis und St. Nikolai schenkt St. Katharinen der Willy-Brandt-Straße eine Dimension, die zur Seele der Stadt gehört. Diese Kirchen symbolisieren das Gedächtnis Hamburgs. Sie erinnern an Heil und Unheil unserer Stadtgeschichte und verdienen daher besonderen Respekt.

Vielen, auch kirchenfernen Hamburger Bürgerinnen und Bürgern ist es deswegen ganz und gar unverständlich, wie man vor eine alte und schöne Kirche ein Bürogebäude setzen kann, das den Blick auf die Kirche weitgehend versperrt. Immerhin wird St. Katharinen derzeit mit fünfzehn Millionen Euro des Bundes, der Stadt und zahlreicher Spender und Sponsoren saniert. Immer wieder wird die Planung vor Ort mit dem Michel verglichen und betont: So einen Fehler dürfen wir nicht wiederholen!

Zwar haben die Architekten, Planer und Investoren auf Grund vergangener Proteste die ursprünglichen Vorhaben in der Höhe und in der Breite korrigiert. Durch eine Glasfuge versucht man dem vielerorts geäußerten Wunsch nach mehr Sichtbarkeit zu entsprechen. Noch immer aber bleiben Fragen: Warum muss der Büroriegel so hoch und so massiv sein? Warum nehmen die geplanten Wohngebäude so wenig Bezug auf die historischen Maßstäbe des Ortes? Der Kirchenvorstand der Gemeinde begrüßt zwar die prinzipielle Entscheidung, über 60 Prozent Wohnungen zu bauen. Den aktuellen Bauplänen kann er jedoch nicht zustimmen und fordert einen weitergehenden Diskurs. Anwohner, Fachleute, Gemeindeglieder, Politiker und Städteplaner müssen an einen Tisch, damit dieser historische und symbolträchtige Standort zum Besten der ganzen Stadt geplant wird. Denn eine Lösung kann es nur im Konsens geben. Ein Kompromiss muss gemeinsam erarbeitet werden. Dazu will auch die Kirche einen Beitrag leisten.

Der Dichter Rainer Kunze hat im Blick auf die Silhouette einer Stadt geschrieben: Kirchtürme sind wie Nägel, die die Erde mit dem Himmel verbinden. Sie erinnern daran, dass unser irdisches Leben nicht die ganze Wahrheit ist. Das verbindet sie mit den Synagogen und den Moscheen. Hamburg darf seine sakralen Gebäude nicht verstecken, denn in ihren Mauern versammeln sich Menschen, die um Gottes Segen bitten - für die ganze Stadt.

Pröpstin Ulrike Murmann ist seit 2004 Hauptpastorin an St. Katharinen.