Angriff auf die Ukraine

Kirsten Fehrs: "Waffen schaffen keinen Frieden"

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Edgar S. Hasse
Kirsten Fehrs ist Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck

Kirsten Fehrs ist Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck

Foto: Christian Charisius / picture alliance/dpa

Die evangelische Bischöfin spricht im Abendblatt über den Krieg in der Ukraine. Warum sie die Kirchenführer Russlands krtisiert.

Hamburg. Kirsten Fehrs, evangelische Bischöfin von Hamburg und Lübeck, ist berührt von der großen Angst, aber auch der Widerstandskraft ukrainischer Flüchtlinge. Sie sagt: Wir dürfen nicht nachlassen im Friedensgebet!

Hamburger Abendblatt: An wie vielen Demonstrationen gegen den Ukraine-Krieg haben Sie bereits teilgenommen?

Kirsten Fehrs: Schon zwei Tage nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine habe ich zu einem Ökumenischen Friedensgebet in die Hauptkirche St. Petri eingeladen. Daran nahmen auch der Erste Bürgermeister, die Bürgerschaftspräsidentin und die ukrainische Generalkonsulin teil.

Die Kirche war voll, die Stimmung sehr ergreifend. Wir haben alle gemerkt: Es braucht einen würdigen Ort, um der Fassungslosigkeit, der Trauer und Angst Ausdruck zu verleihen und der Opfer zu gedenken. Mittlerweile habe ich an etlichen weiteren Friedensgebeten teilgenommen, denn ich bin fest davon überzeugt: Wir dürfen nicht nachlassen im Gebet!

Mitte März war ich auf der großen Friedensdemonstration am Jungfernstieg eine der Rednerinnen. Beeindruckend, wie viele junge Menschen dort waren und wie klar sie ihre Solidarität mit der Ukraine erklärt haben!

Und was haben Sie ihnen gesagt?

Kirsten Fehrs: Im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern hat mich sehr bewegt, wie offen die jungen Menschen über ihre Ängste gesprochen haben. Auch darüber, wie gern sie etwas tun würden, um den Krieg zu beenden und den Menschen, die alles verloren haben, zu helfen.

Welche Aktionen für ukrainische Flüchtlinge in den Gemeinden beeindrucken Sie besonders?

Kirsten Fehrs: Es sind in rascher Zeit unterschiedlichste Aktionen organisiert worden: Manche Gemeinden bieten Treffpunkte für Flüchtlinge und Einheimische an, andere veranstalten Solidaritätskonzerte.

Viele Gemeindemitglieder arbeiten ja auch mit in Bündnissen, die schon seit Längerem in der kirchlichen Flüchtlingsarbeit aktiv sind. Dort wird psychosoziale Begleitung organisiert oder Dolmetscherdienst vermittelt. Der Kirchenkreis Hamburg-Ost stellt beispielsweise ein Tagungshaus zur Verfügung, um dort Flüchtlinge mit Pflegebedarf unterzubringen.

Was hat Sie in den Gesprächen mit Geflüchteten am meisten berührt?

Kirsten Fehrs: Diese große Angst. Und zugleich die Widerstandskraft. Die Sorge um Großeltern, Eltern, Ehemänner und Brüder lässt viele Geflüchtete nicht zur Ruhe kommen. Und als eine Frau verzweifelt geschildert hat, dass es nur für einen ihrer jugendlichen Söhne Platz im Flüchtlingskonvoi gab – den anderen Sohn musste sie zurücklassen – das war herzzerreißend.

Wie hat die Nordkirche bisher den Menschen in der Ukraine geholfen?

Kirsten Fehrs: Über die landeskirchliche Ebene haben wir bislang schon mehr als 200.000 Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. Das geht teilweise über die Diakonie Katastrophenhilfe direkt an die Menschen in der Ukraine.

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Aber auch die Partnerkirchen der Nordkirche in den Nachbarländern, beispielsweise in Polen, Rumänien und Litauen bekommen finanzielle Hilfe. Denn dort suchen besonders viele Geflüchtete Zuflucht. Das Diakonische Werk Hamburg hilft beispielsweise rumänischen Flüchtlingsinitiativen.

Ich weiß, dass viele Gemeinden Kollekten sammeln, und die Diakonie hilft natürlich mit ihren Beratungsangeboten.

Welche ökumenischen Beziehungen unterhält der Sprengel, die Nordkirche, zu Kirchen in der Ukraine und zu Russland?

Kirsten Fehrs: Kontakte zu evangelischen Auslands­kirchen, aber auch zu anderen Kirchen weltweit werden vor allem von der EKD gepflegt. Darüber hinaus gibt es in den Landeskirchen auch regionale Partnerschaften, die lange gewachsen sind. So pflegt die Nordkirche Beziehungen in die evangelische Propstei Kaliningrad, also das alte Königsberg.

Und dann gibt es natürlich Kontakte nach St. Petersburg im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Hamburg. Auf bischöflicher Ebene gibt es hier seit Jahren allerdings gar keine Kontakte mehr, was auch an dem aktuellen Metropoliten liegt, der seit 2014 im Amt ist. Er hat noch nie jemandem aus der Nordkirche empfangen.

Wie bewertet die Nordkirche die Rolle von Patriarch Kyrill, des putintreuen Oberhaupts der Russischen Orthodoxen Kirche?

Kirsten Fehrs: Ich finde sein Verhalten überaus fragwürdig. In seinen Predigten vermeidet er das Wort „Krieg“. Ein klarer Aufruf zum Ende aller militärischen Handlungen von ihm fehlt bis heute. Vielmehr hat er in seiner Sonntagspredigt kurz nach Kriegsbeginn die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“ bezeichnet.

Damit ist der Patriarch ganz auf der Propaganda-Ebene des russischen Regimes. In der Nordkirche kritisieren wir diese Haltung. Ermutigend finde ich, dass sich viele Geistliche entschieden gegen den Krieg wenden.

Es gibt einen öffentlichen Aufruf von Kirchenvertretern der Russisch-Orthodoxen Kirche zur Versöhnung und Beendigung des Krieges im Internet. Er wurde bisher von 290 russisch-orthodoxen Priestern und Diakonen unterschrieben. Dieser Widerstand ist wichtig.

Wie laufen im Moment die Kontakte zu den Religionsgemeinschaften in der Ukraine, insbesondere zu den beiden ukrainischen orthodoxen Kirchen?

Kirsten Fehrs: Auch diese Kontakte laufen vor allem über die EKD in Hannover, dort gibt es regelmäßig Gespräche über Videokonferenzen.

Aber auch hierzulande finden Begegnungen mit diesen Kirchen statt, und beide haben auch Gemeinden in Hamburg. Die russisch-orthodoxe Kirche „Heiliger Johannes von Kronstadt“ im Karoviertel wird dabei von Russen wie von Ukrainern besucht.

Nutzt die Nordkirche, der Sprengel die Gesprächskanäle zur Russischen Orthodoxen Kirche?

Kirsten Fehrs: Zur Führungsebene der Russisch-Orthodoxen Kirche in Russland sind unsere Kontakte, wie gesagt, schon lange eingefroren – die westlichen Kirchen gelten dort als viel zu liberal.

Die Kontakte zu den russisch-orthodoxen Gemeinden hier im Norden, vor allem in Hamburg, aber etwa auch nach Schwerin, werden dagegen weiterhin gepflegt. Dafür sind die Priester besonders dankbar. Auch Gesprächsformate mit Partnern der Russisch-Orthodoxen Kirche in St. Petersburg werden ausdrücklich aufrechterhalten.

Ähnlich, wie es die Stadt Hamburg beschlossen hat, sollten die Kontakte nicht abreißen. Zumal der Krieg in der Ukraine die russisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland unmittelbar betrifft, weil sie oft von Russen wie von Ukraine­rn besucht werden.

Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein. Ist die Aufrüstung der Bundeswehr aus christlicher Sicht friedensethisch geboten?

Kirsten Fehrs: Das ist ein furchtbares Dilemma. Aus historischer Erfahrung wissen wir: Waffen schaffen in der Regel keinen Frieden. Schwerter zu Pflugscharen – das war nicht umsonst das zutiefst biblische Motto der Friedensbewegung.

Und gleichzeitig gilt doch: Wer Gewalt ablehnt, und das tue ich unbedingt, muss ihr auch entgegentreten. Das ist im Kern die evangelische Haltung, wenn wir vom „gerechten Frieden“ sprechen. Dieser Frieden muss unter Umständen verteidigt werden, natürlich im Einklang mit dem Völkerrecht, und dazu braucht es legitime Mittel rechtserhaltender Gewalt, so heißt es in einer EKD-Denkschrift.

Und was sagt die Kirche zur Bundeswehr?

Kirsten Fehrs: Die Bundeswehr als demokratisch kon­trollierte Parlamentsarmee hat den Auftrag, unser Land zu verteidigen und potenzielle Angreifer abzuschrecken. In welchem Umfang das nötig ist, müssen die gewählten Abgeordneten entscheiden.

Seelsorgerisch bewegt mich, dass natürlich auch jetzt in den Familien der Soldaten und Soldatinnen die Angst um sich greift, und ich finde: Wer so bereit ist, sich für unser Land mit Leib und Leben einzusetzen, hat unser aller Achtung verdient.

Gibt es etwas, das Ihnen trotz der dramatischen Ereignisse Mut macht?

Kirsten Fehrs: Ich finde es ermutigend, dass so viele Menschen gegen diesen Krieg aufstehen und die russische Aggression so einhellig verurteilen.

Ich sehe dieses Bestreben in allen gesellschaftlichen Bereichen und in allen Religionsgemeinschaften. Die Demokratien rücken enger zusammen in diesen Monaten, und das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft Europas.

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