Himmel & Elbe

Gottes Garten ist auch was für Dilettanten …

Ralf Schadwinkel arbeitet gerne im Stephanusgarten in Eimsbüttel, einem Gemeinschaftsprojekt der Anwohner.

Ralf Schadwinkel arbeitet gerne im Stephanusgarten in Eimsbüttel, einem Gemeinschaftsprojekt der Anwohner.

Foto: Roland Magunia

Viele Hamburger verwirklichen sich in Urban-Gardening-Projekten und beim Imkern. Garten-Schwerpunkt im Magazin „Himmel & Elbe“.

Hamburg. Er scheint schier endlos lang, der Bahrenfelder Luthergarten. Hier führt ein Weg zum Garten der Stille, dort zum großen Gemüsebereich, dahinter ist undurchdringliches Brombeergestrüpp, der Blick nach oben schweift zu einem Baumhaus mit Schaukel, dann hinüber zu der Streuobstwiese und dem Gewächshaus. Auf 14.000 Quadratmetern erstreckt sich direkt hinter dem Industriegebiet an der Schnackenburgallee eines der größten Urban-Gardening-Projekte Deutschlands – zumindest der Fläche nach.

Entdeckt hat das damals brachliegende ehemalige Schrebergarten-Gelände, das an einen Friedhof grenzt, Björn Begas. „Das Grundstück gehört dem Kirchengemeindeverband Altona, wurde aber seit Jahren nicht mehr genutzt. Ich dachte zunächst nur daran, ein kleines Stück davon für unsere Kita zu beackern“, sagt der Pastor der Luthergemeinde Bahrenfeld.

Im Luthergarten kann sich jeder einbringen

Er startete 2016 mit einigen Kita-Eltern, sie befreiten das verwilderte Grundstück von Gestrüpp und vor allem von Müll, dann kamen immer mehr Stadtteilbewohner hinzu, die sich verschiedenen Ecken zuwandten – inzwischen sind rund 60 Aktive dabei. Manche kommen täglich, wie Lydia Bach, die eigentlich einen Schrebergarten suchte, aber vor vier Jahren den Luthergarten fand, in dem sie sich nun gärtnerisch verwirklichen kann.

Sie hat schon mehrere Hütten gebaut, einen Naschgarten mit Weintrauben, Obstbüschen und Kräutern angelegt und sie unterstützt eine Imkerin bei der Pflege der Bienenvölker, die hier angesiedelt wurden. „Ich mag die Gemeinschaft und dass man sich so gut einbringen kann“, sagt die 63-Jährige. Als Nächstes will sie sich der Gruppe anschließen, die einen Bibelgarten anlegen möchte. Bisher sind dort aber nur ein paar Terrassen gerodet.

Es geht um den Spaß am Ausprobieren

„Es geht hier nicht um einen perfekten Garten, sondern um den Spaß am Ausprobieren. Wir bieten einen Freiraum mitten in der Stadt, wo Menschen selber gestalten, aber auch einfach mal nichts tun und die Natur genießen können. Wir sind hier überzeugte Dilettanten“, sagt Pastor Begas.

Der 49-Jährige liebt besonders den Platz der Stille, auf dem ein kleiner Bauwagen steht, der mit einem Holzfußboden und Kissen gemütlich eingerichtet ist. Ein großes Fenster öffnet sich in die Natur – ein idealer Platz zum Beten und Meditieren. Auf dem großen Marktplatz in der Mitte des Gartens feiert der Pastor auch schon mal einen Gottesdienst oder eine Taufe, der Altar ist aus einer alten Steinbrücke gebaut. Aber es geht ihm nicht darum, im Luthergarten einen rein kirchlichen Ort zu schaffen, sondern Menschen aus allen Nationen, Religionen und Generationen für das Urban Gardening zu begeistern.

Auch Profis engagieren sich in dem Projekt ehrenamtlich, so wie Benedikt Klotz. Der Baumpfleger und Gärtner kümmert sich um die vielen Gemüsesorten, die hier eng nebeneinander angebaut werden. „Wir probieren alte Landwirtschaftstechniken aus und pflanzen Mischkulturen“, sagt er und zeigt auf den meterhohen Fenchel, die Paprika-, Auberginen- und Kartoffelpflanzen. Das Gemüse soll bald geerntet und dann im Stadtteil gegen Spenden verteilt werden.

Pastor Begas hat noch etliche Ideen im Kopf für sein großes Gartenprojekt – doch dafür braucht es viele Mitwirkende. „Ich freue mich, wenn sich hier noch mehr unterschiedliche Menschen engagieren möchten. Platz genug haben wir hier ja“, sagt er und breitet die Arme aus.

Die Leidenschaft für das Imkern in der Rothenbaumchaussee

„Es muss blühen“, sagt Maria von Lenthe. Die Hobby-Imkerin achtet genau darauf, wie ihr Garten an der Rothenbaumchaussee beschaffen ist. Robinien und Obstbäume sind gut. Aber auch Lavendel oder Löwenzahn liefern der Biene reichlich Nektar. Bei Maria von Lenthe wird die Begeisterung für Bienen sofort deutlich, wenn sie vom Imkern erzählt – von Spürbiene, Bienentanz und dem Ausschwärmen. „Es ist spannend, was man von den Bienen lernen kann über ihren Zusammenhalt“, erzählt sie. „Nicht die Biene als einzelne, sondern das ganze Volk ist das Tier.“ Ein Supraorganismus, der demokratisch organisiert ist.

2011 kam die freischaffende Künstlerin mit dem Imkern in Berührung, als sie das Gartendeck auf St. Pauli, eines der ersten Urban-Gardening-Projekte Hamburgs, mit aufbaute. Teil des Projekts war von Anfang an auch die wesensgemäße Bienenhaltung, eine Haltungsform, bei der möglichst wenig in das natürliche Treiben des Bienenvolks eingegriffen wird. „Wer imkert, braucht Forschergeist und Neugier“, sagt die 59-Jährige, die bis zu drei Völker in ihrem privaten Garten beherbergt. Trotz einiger Jahre Imkererfahrung hat sie oft das Gefühl, noch am Anfang zu stehen. Das Verhalten ihrer Bienen wirft stetig neue Rätsel auf.

Rund 6000 Bienenvölker sind in Hamburg registriert

Der Austausch mit anderen Imkern und eine gute Vernetzung sind daher wichtig. 1100 Mitglieder zählen allein die Hamburger Imkervereine. Eine Pflicht zur Mitgliedschaft besteht nicht, wohl aber zur Registrierung eines Bienenvolkes beim Veterinäramt. Für Hamburgs Gärten wünscht Maria von Lenthe sich ein bisschen mehr Chaos. „Menschen halten ihre Gärten wie Wohnzimmer“, sagt sie. „Es wird immer schön aufgeräumt.“ Doch Totholzhaufen oder Laub unter der Hecke sind wichtige Behausungen für Insekten. Vieles, was als Unkraut gilt, wie zum Beispiel Johanniskraut, ist für die Honigbiene nahrhaft.

Das weltweite Bienensterben ist größtenteils auf Monokulturen und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zurückzuführen, aber auch auf den Verlust von Nistmöglichkeiten und Futterpflanzen. In Hamburg nimmt zum Glück die Zahl der Beuten, also der künstlichen Nisthöhlen für Bienen, stetig zu. Rund 6000 Völker sind laut dem Imkerverband Hamburg e. V. registriert.

Ein Schwarm mitten auf dem Ökumenischen Forum

Eine dieser Beuten steht auf dem Dach des Ökumenischen Forums. Im Frühsommer 2014 schwärmten Honigbienen in die Schanghaiallee und füllten die ganze Straße, bis der Schwarm sich in einem Baum vor dem Prototyp-Museum niederließ. Henning Klahn, Geschäftsführer des gegenüberliegenden Ökumenischen Forums, beobachtete die Szene und war fasziniert.

Ein Gespräch mit dem Imker, der den Schwarm vom Baum abschöpfte, ließ die Idee entstehen, die 50-köpfige Hausgemeinschaft um einige Tausend fleißige Bewohner zu erweitern. Ein Kurs beim „Imkerverein am Kiekeberg“ vermittelte Klahn das nötige Wissen. Seit zwei Monaten wohnen die Bienen in einer ganz besonderen Behausung – in einer Bienenkapelle, entworfen vom kanadischen Künstler Terence Koh im Rahmen eines Kunstprojekts vom vergangenen September.

Stadthonig gilt als besonders gesund

„Das Volk reagiert gut auf sein neues Zuhause“, sagt Klahn. Es ist stark gewachsen seit dem Einzug in die Kapelle, die zum Schutz der Tiere vor der Sonneneinstrahlung derzeit in eine Folie gehüllt ist. In den umliegenden Parks und am Elbufer finden die Bienen ausreichend Nahrung. Wegen der geringen Pestizidbelastung gilt Stadthonig als besonders gesund.

Honig wird hier jedoch nicht gewonnen. „Bei der Bienenkapelle geht es darum, den Bienen Raum zu geben und die Biene an sich zu bewundern“, sagt Henning Klahn. Wer in die Kapelle schaut, kann die Waben und Tiere aus nächster Nähe beobachten. Für den 40-Jährigen sind die Bienen „sympathische Botschafter für Nachhaltigkeit, die Türen zu ökologischen Themen öffnen“.

Infos zum Ökumenischen Forum gibt es unter: www.oefh.de, Infos zu wesensgemäßer Bienenhaltung: www.mellifera.de

Kontakt zum Luthergarten Bahrenfeld geht über Pastor Björn Begas direkt melden unter der Tel. 89 26 82, E-Mail: begas@lutherkirche.net