Jeden Tag wird trainiert

Nächstes Ziel des Rollstuhl-Sprinters: Olympia 2024 in Paris

Auch in diesem Jahr startete Jannes Günther (Mitte) aus Ashausen beim Internationalen Stadionfest (Istaf) im Olympiastadion Berlin. Im Einlagerennen der Rollstuhlschnellfahrer über 100 Meter belegte er den zweiten Platz hinter Maximilian Jagodzinski (rechts).

Auch in diesem Jahr startete Jannes Günther (Mitte) aus Ashausen beim Internationalen Stadionfest (Istaf) im Olympiastadion Berlin. Im Einlagerennen der Rollstuhlschnellfahrer über 100 Meter belegte er den zweiten Platz hinter Maximilian Jagodzinski (rechts).

Foto: Iris Hensel

Corona bremst ihn nicht aus. Rollstuhl-Sprinter Jannes Günther aus Ashausen wagte den Schritt ins Sportinternat.

Ashausen/Hannover.  Die Antwort gibt er ohne zu zögern. „Ich bin jetzt ein Jahr hier. Es gefällt mir sehr gut“, sagt Jannes Günther. Der Rollstuhlschnellfahrer aus Ashausen hatte mit Beginn des Schuljahres 2019/2020 den Schritt aus der vertrauen Umgebung im Kreis Harburg an das Sportinternat nach Hannover gewagt. Vorher trainierte er dreimal pro Woche, meistens unregelmäßig, und schaffte es dennoch zum Medaillengewinner bei Junioren-Weltmeisterschaften. Innerhalb eines Jahres hat er sein Pensum nun auf sieben Trainingseinheiten pro Woche gesteigert.

In der Landeshauptstadt sind die Rahmenbedingungen für Leistungssport ungleich günstiger. Jannes Günther bewohnt ein Einzelzimmer im Sportinternat in Sichtweite der HDI-Arena von Hannover 96 und des Maschsees. „Wenn ich aus dem Fenster gucke, kann ich auch das Erika-Fisch-Stadion sehen, wo wir meistens trainieren“, erzählt der 17-Jährige, der die elfte Klasse der Kooperativen Gesamtschule Hemmingen besucht. An der KGS, eine von zwei Partnerschulen des Internats, gehört Günther zu einer reinen Sportlerklasse.

Trainingsumfang von drei auf sieben Einheiten gesteigert

Zweimal hat er zur dritten Stunde Unterricht, da bleibt Zeit zum Frühtraining. Dazu kommen nach der Rückfahrt aus der Schule fünf weitere Einheiten am Nachmittag, entweder aktiv im Rollstuhl oder bei allgemeiner Athletik. Betreut wird die Gruppe der Para-Leichtathleten, deren harten Kern zwei Rollstuhlfahrer und fünf Sportler mit spastischen Handicaps bilden, von Landestrainerin Catherine Bader.

„Jannes ist selbstständig und erwachsen geworden. Wir haben die Entscheidung nicht bereut“, sagt Mutter Manja Günther über den Wechsel nach Hannover. Damit einher ging ein Vereinswechsel von Blau-Weiss Buchholz zum Förderverein für Rehabilitation (FfR) Frielingen in der Region Hannover. Die Hallensaison war für den talentierten Sportler erfolgreich verlaufen. Bei den deutschen Jugend-Hallen-Meister­schaften gewann er eine Silber- und eine Bronzemedaille.

Bald danach ereilten ihn die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Das Lotto-Sport­internat wurde geschlossen, Jannes Günther musste für zehn Wochen zurück nach Ashausen. Immerhin konnte er sich halbwegs fit halten. Er absolvierte an drei Vormittagen in der Woche Krafttraining und durfte dank der Unterstützung des Landkreises Harburg die Sportanlage der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Winsen für individuelles Training im Rennrollstuhl nutzen. „Mein Leistungsdefizit war relativ gering, aber weitergeholfen hat das alles natürlich nicht“, sagte Günther, der seit Ende Mai wieder im Internat leben und trainieren darf.

Als eine Folge der Corona-Pandemie gab es eine stark verkürzte Saison 2020 für die Para-Leichtathleten. Das erste Ereignis, das wieder stattfinden durfte, war das internationale Trainingscamp (Silver-Bullet-Camp) in Nottwil im August. Allerdings fiel es in diesem Jahr nicht ganz so international und so groß wie gewohnt aus. Das schweizerische Nottwil ist das Mekka für Rollstuhlschnellfahrer, auf der harten Bahn werden regelmäßig Normen für internationale Meisterschaften erfüllt und persönliche Bestleistungen gefahren. Das gelang auch Jannes Günther beim anschließenden Wettkampf. Im Rahmen der internationalen Junioren-Meisterschaften der Schweiz verbesserte der 17-Jährige seine 100-Meter-Bestzeit um eine halbe Sekunde auf 16,33 Sekunden.

Ein neues Sportgerätwird dringend benötigt

„Damit war ich recht zufrieden. Aber ich wäre gern noch drei Hundertstel schneller gefahren.“ Bei 16,30 Sekunden steht nämlich die Norm für eine Nominierung für den NK2-Bundeskader. „Das Rennen in Nottwil war die einzige Chance in diesem Jahr. Parallel zur Aufnahme in den Kader hatten wir uns die Aufnahme in ein Sportförderprogramm erhofft, um finanzielle Unterstützung zu bekommen“, berichtet Manja Günther. Unterstützung wäre insofern dringend erforderlich, da der Sportler nach fünf Jahren mit ein- und demselben Rollstuhl dringend ein neues Sportgerät benötigt.

Nach einer kurzen Saisonpause durfte Jannes Günther zuletzt im Rahmen des internationalen Leichtathletik- Sport­fests Istaf erneut im Olympiastadion Berlin starten. Vor diesmal nur 3500 Zuschauern gab es ein 100-Me­ter-Ein­la­gerennen, das Günther in 17,48 Sekunden auf Rang zwei abschloss. „Die Bahn ist nicht so hart wie in der Schweiz, ich bin aus dem Training heraus gefahren, war am Start ein bisschen unkonzentriert und insgesamt war es ziemlich hektisch“, erläuterte er die Gründe für die Differenz von einer Sekunde zur Bestzeit fünf Wochen zuvor.

Der junge Mann aus Ashausen gehört in seiner Altersklasse U20 zu den schnellsten deutschen Sprintern. Obwohl er dem Rollstuhl-Team „Go for Tokyo“ angehört, kommen die Paralympics 2021 in Japan zu früh für ihn. Für eine Nominierung müsste er sich gegen die besten deutschen Männer durchsetzen, die über 100-Meter-Zeiten unter 14 Sekunden fahren. „Mein klares Ziel ist Paris 2024“, sagt er mit fester Stimme – ein weiteres Mal ohne zu zögern.