Echte Liebe

Vanessa aus Winsen wacht über Ernährung der BVB-Profis

Für den langjährigen BVB-Fan Vanessa Oertzen-Hagemann ist es etwas Besonderes, die Emotionen von der gelben Wand, der mit fast 25.000 Plätzen größten Stehplatz-Tribüne Europas, zu spüren. 

Für den langjährigen BVB-Fan Vanessa Oertzen-Hagemann ist es etwas Besonderes, die Emotionen von der gelben Wand, der mit fast 25.000 Plätzen größten Stehplatz-Tribüne Europas, zu spüren. 

Foto: Mareen Meyer / BVB

Die Ex-Leichtathletin Vanessa Oertzen-Hagemann hat als Ernährungsberaterin der Dortmunder Fußball-Profis ihren Traumjob gefunden.

Bahlburg/Dortmund.  An eine Woche im Oktober vergangenen Jahres kann sich Vanessa Oertzen-Hagemann genau erinnern. „Erst war ich zu einem Vortrag in Warschau und bin direkt zur Hospitation beim FC Liverpool geflogen. Kaum wieder zu Hause in Bochum, ging es schon wieder mit dem BVB los – erst nach Mailand und von da aus nach Barcelona. Und das alles innerhalb einer Woche.“

Auch wenn die beschriebene Woche ein Extrem darstellt, vermittelt sie einen kleinen Eindruck vom neuen, vom aufregenden Leben der Frau aus dem Landkreis Harburg.

Vanessa ist Ernährungsberaterin bei Borussia Dortmund

Aufgewachsen im Winsener Ortsteil Bahlburg, steht Vanessa Oertzen-Hage­mann seit dem 1. August 2020 als Angestellte in Diensten von Borussia Dortmund, zuvor war sie auf Honorarbasis für die Westfalen tätig. Als eine von ganz wenigen Ernährungsberatern bei einem Fußball­-Bundesligaver­ein kümmert sie sich quasi rund um die Uhr um die Ernährung und Versorgung der Profifußballer.

Die 31-Jäh­rige musste nicht lange überlegen, als die Anfrage vom BVB kam. „Ich habe Glück gehabt. Besser als im Profifußball kann man es mit meiner Ausbildung kaum treffen“, sagt die Sportwissenschaftlerin, die parallel ihre Doktorarbeit zum Thema Sporternährung schreibt. Die Promotion wird mit der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA als Arbeitgeber nicht einfacher. Gerade in der Vorbereitung sind die Tage extrem lang und anstrengend, Arbeitstage an Wochenenden und Feiertagen sind im Profifußball normal.

„Das Business ist extrem schnelllebig, dessen bin ich mir bewusst. Durch einen neuen Trainer, der vielleicht keinen Wert auf meine Position legt, kann es schnell wieder zu Ende sein“, sagt Oertzen-Hagemann, die von Klein auf Fan der Schwarz-Gelben ist. Echte Liebe eben! Damit war sie in der Familie, die einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Rindern, Getreide und einem Hofladen in Bahlburg betrieb, die Außenseiterin.

Als Kind turnte Vanessa beim MTV Pattensen

Bruder Daniel Oertzen-Hagemann, ein in den Kreisen Harburg und Lüneburg angesehener Fußballer, und Vater Hans-Jürgen sind Schalke-Fans. Für sie war es nicht einfach, dass Vanessa als Kind BVB-Bettwäsche zu Weihnachten geschenkt bekam. Nun arbeitet die große Schwester, mit Arne hat Vanessa einen zweiten Bruder, sogar für die Borussia. Aber sie freuen sich natürlich. „Papa war schon mit im Stadion. Ihm hat es gefallen.“

Als Kind turnte Vanessa Oertzen-Hage­mann beim MTV Pattensen und fing als Siebenjährige auch mit Leichtathletik beim MTV Hanstedt an. „1996 habe ich meinen ersten Hallenwettkampf gemacht und war 13 Jahre dabei. Zuletzt habe ich Christa Striezel als Helferin bei den Kleinen unterstützt“, erinnert sich die Bahlburgerin.

Nach dem Abitur 2008 am Gymnasium Winsen absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Sport beim TSV Winsen und den Berufsbildenden Schulen (BBS) Winsen, versuchte darin unter anderem, Fußballer und Handballer in die Geheimnisse der Laufschule einzuweihen. Nach dem erfolgreich absolvierten Sport-Aufnah­metest begann sie im Oktober 2009 an der Ruhr-Univer­sität Bochum mit dem Studium der Sportwissenschaft, die Fakultät gilt deutschlandweit als sehr renommiert.

Schwimmen, Basketball, Judo, Hockey & Co.

Wegen des Studiums blieb die 1,68 Meter große Oertzen-Hagemann sportlich extrem vielseitig: Schwimmen, Basketball, Judo, Hockey, Wasserspringen und Ballett (letzteres freiwillig), um nur einige Sportarten zu nennen. Sie erwarb 2012 den Bachelor und 2014 den Master, arbeitete acht Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sportmedizin und Sport­ernährung und hatte einen Lehrauftrag an der Uni.

„Dort habe ich die jährlichen sportmedizinischen Gesundheitsuntersuchungen und Leistungsdiagnostiken durchgeführt, an verschiedenen Projekten im Bereich Sporternährung gearbeitet und geforscht, die Ergebnisse auf internationalen wissenschaftlichen Kongressen vorgestellt und Kurse zum Thema Sporternährung gegeben“, erzählt Vanessa Oertzen-Hagemann, die ihre Vorträge nebenbei auch auf Trainerlehrgängen und Sportärztefortbildungen hielt.

Nach Vortrag wurde sie vom BVB-Mannschaftsarzt angeworben

Nach einem dieser Vorträge auf dem „Präventionssymposium Fußball“ im Mai 2018 – Thema „Ernährung im Fußball“ – sie von Dr. Markus Braun, dem Mannschaftsarzt von Borussia Dortmund, angesprochen worden. „Er hat mich quasi von der Bühne geangelt und gefragt, ob ich nicht Lust hätte und mir vorstellen könnte, beim BVB zu arbeiten“, erzählt die Ernährungsberaterin. Sie hatte Lust.

Einige Wochen und ein Vorstellungsgespräch später fing Vanessa Oertzen-Hagemann zunächst als freiberufliche Beraterin an einem Tag pro Woche beim BVB an. „Es ging um die individuelle Beratung von Profispielern, die im Laufe einer langen Saison durch die vielen Spieltage an Gewicht verlieren oder in einer Verletzungspause zugenommen haben“, umreißt sie ihr Aufgabengebiet.

Mit Saisonbeginn 2019/2020 wurde die Vereinbarung auf zwei Tage pro Woche erweitert – gleichzeitig reduzierte sie die Stunden an der Uni – und im August 2020 schließlich in ein Angestellten-Arbeitsverhältnis umgewandelt. „Ich war schon dreimal mit im Trainingslager. 2019 in der Schweiz, im Winter in Spanien und jetzt wieder in der Schweiz.“ Die Kehrseite der auch für Mitarbeiter harten Vorbereitungszeit: in den ersten drei August-Wochen hatte sie einen einzigen freien Tag.

Zu den Aufgaben von Vanessa Oertzen-Hagemann gehört es zum Beispiel, mit den Köchen das Essen abzustimmen, darauf zu achten, dass Spieler rund um das Training und die Spiele optimal versorgt werden, Körperfettanalysen in Zusammenarbeit mit dem medizinischen Team vorzunehmen und vor allem jüngeren Akteuren die Grundzüge einer auf den Leistungssport abgestimmten Ernährung nahe zu bringen. Durch aktuelle Trends haben viele Profifußballer den Wunsch, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Dann ist es an Oertzen-Hagemann, individuelle Pläne zu entwickeln, wie sie mit anderen Lebensmitteln ihren täglichen Bedarf an bestimmten Nährstoffen decken können, um nicht in leistungshemmende Mangelzustände zu geraten.

Sie stimmt sich eng mit der medizinischen Abteilung des BVB ab

„Weil es vorher niemanden auf dieser Position gab, lässt mir der Verein freie Hand in meinen Methoden und Maßnahmen. Ich habe super viele Möglichkeiten“, sagt die 31-Jährige, die sich immer eng abstimmt mit der medizinischen Abteilung, den Athletiktrainern und der Küche. Die erwähnten Reisen nach Mailand und Barcelona trat sie zusammen mit einem vereinseigenen Koch an, um vor Ort die Essensräume zu besichtigen und den Hotelküchen exakte Vorgaben zu machen, wie die Spieler rund um die Auswärtsspiele der Champions-League zu verköstigen sind. „Wir übernachten meistens in Fünf-Sterne-Hotels, früher in Bahlburg sind wir wegen des Bauernhofs nicht mal in Urlaub gefahren. Es ist eine ganz andere Welt.“

Bei Kloppo in Liverpool

Borussia Mönchengladbach arbeitet bereits lange mit einem Ernährungsberater zusammen, auch Schalke 04 hat einen, andere deutsche Clubs bedienen sich gelegentlich freiberuflicher Expertisen. In England ist diese Art der Leistungssteigerung sehr viel mehr verbreitet, gilt als gesundes Doping.

Als Jürgen Klopp zum FC Liverpool ging, holte er wenig später Mona Nemmer, die seinerzeit beim FC Bayern unter Vertrag stand, auf die Insel.

Vanessa Oertzen-Hagemann lernte anlässlich einer dreitägigen Hospitation das Innenleben der Reds kennen, saß bei einem Heimspiel auf der Tribüne der legendären Anfield Road und traf sich zum Smalltalk mit Kloppo. „Die Prinzipien sind ähnlich, nur ist die Premier League eben nochmal eine andere Nummer als die Bundesliga.

Liverpool hat mehr Personal im Bereich Ernährung. In Dortmund haben wir seit dieser Saison drei festangestellte Köche“, sagt sie.