SVG-Neuzugang

Wanderer zwischen zwei Volleyball-Welten

SVG-Neuzugang Richard Peemüller (22) zwischen zwei Trainingseinheiten in der Lüneburger Altstadt.

SVG-Neuzugang Richard Peemüller (22) zwischen zwei Trainingseinheiten in der Lüneburger Altstadt.

Foto: Maximilian Bronner

Richard Peemüller, Neuzugang des Volleyball-Bundesligisten SVG Lüneburg, bereitet sich auf Beachvolleyball-DM vor.

Lüneburg.  Es ist ein seltener Moment der Entspannung, als sich Richard Peemüller (22) einen Latte Macchiato in der Lüneburger Altstadt bestellt. Es ist ein Moment, der eigentlich nicht zum Leben des 22-Jährigen passt. Denn für Entspannung hat der Neuzugang des Volleyball-Bundesligisten SVG Lüneburg normalerweise keine Zeit. Der 1,99 Meter große Diagonalangreifer ist nicht nur in der Halle aktiv, sondern qualifizierte sich Ende Juli mit seinem Beachvolleyball-Partner Manuel Harms (23) für die Deutsche Beach-Meisterschaft in Timmendorfer Strand. Vom 3. bis 6. September schlägt Peemüller dort gegen die deutsche Elite auf.
Doch während sich die meisten anderen Beach-Teams, wie die Hamburger Vizeweltmeister Julius Thole/Clemens Wickler, ausschließlich auf das Spiel im Sand konzentrieren können, liegt der zweite Fokus von Richard Peemüller auf der anstehenden Erstligasaison mit der SVG. „Ich bin ein Spieler, der immer Bock hat zu spielen. Ich habe eher das Gefühl, dass ich in der einen Sportart etwas für die andere mitnehmen kann. Mich macht es nicht schlechter, wenn ich beides machen kann“, antwortet der 22-Jährige auf die Frage, ob es nicht besser wäre, sich nur auf eine Sportart zu konzentrieren.
Nachdem er vor rund zwei Wochen zunächst für drei Tage mit der SVG in die Saisonvorbereitung einstieg, saß der gebürtige Dresdener nach dem kurzen Kennenlernen bereits wieder im Auto in Richtung Düsseldorf. Am vergangenen Wochenende nahm Peemüller am Top-Turnier der comdirect-Beachtour teil. Die Turnier-Serie des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) findet in diesem Sommer in verkürzter Form statt.

„In der Vorrunde haben wir gegen die amtierenden deutschen Meister und das beste belgische Team gespielt. Bei fast vierzig Grad Lufttemperatur von oben und dem stark aufgeheizten Sand von unten war das schon echt hart“, resümiert Peemüller. Zurzeit belegt er mit Manuel Harms den 16. Platz der deutschen Beach-Rangliste. Auch wenn das Duo am vergangenen Wochenende gegen die Top-Teams keinen Sieg holen konnte, sei man in Schlagdistanz. „Wir haben hart im Training gearbeitet und einige Sachen nochmal umgestellt. Auch gegen die Top-Teams waren wir nah dran. Auf dem Niveau entscheiden Kleinigkeiten“, weiß Peemüller.

Bevor das Beach-Duo Anfang September bei der Deutschen Meisterschaft an den Start geht, steht am kommenden Wochenende ein weiteres Turnier der nationalen Top-Serie am Hamburger Olympiastützpunkt an. Auch dann wird SVG-Trainer Stefan Hübner wieder für einige Tage auf Richard Peemüller verzichten müssen. „Ich bin Stefan sehr dankbar, dass er mir die Chance gibt, Beachvolleyball zu spielen“, sagt der Diagonalangreifer. Die hohe Belastung sei in diesem Jahr bisher noch nicht zum Problem geworden. „Ich bin zwar ein physisch starker Spieler, aber momentan auch sehr feinfühlig, was meinen Körper angeht. Ich bin im ständigen Austausch mit Stefan. Wenn ich bei Turnieren – wie jetzt demnächst in Hamburg – bis zum Schluss mit dabei sein sollte, würden wir das Training ein bisschen zurückschrauben“, erklärt Peemüller.

Nach Ende der Hallensaison noch einmal 19 Beach-Turniere gespielt

Die Belastungssteuerung gleicht dabei einem Drahtseilakt. Im vergangenen Sommer habe er erstmals gemerkt, dass die Belastung zu groß wurde. Nachdem er sich mit seinem Partner Manuel Harms erst im Juni 2019 zusammenfand, sei die Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft zunächst kein Ziel gewesen. „Als wir dann aber gemerkt haben, dass wir im Rennen um Timmendorf mit dabei sind, haben wir viele Qualifikations-Turniere gespielt. Da ist es mir am Ende echt schwer gefallen, die Konzentration zu halten. Auch körperlich war ich ziemlich schlapp“, erinnert sich Peemüller. Insgesamt absolvierte er – nach Ende der regulären Hallensaison – ganze 19 Beach-Turniere. „So viel spielen manche andere Spieler nicht mal in zwei Jahren. Wir haben das in ein paar Monaten gemacht“, grinst Peemüller. Bei der Deutschen Meisterschaft reichte es am Ende nur noch für Rang 13.

Nach der Corona-Pause freue er sich momentan jedoch auf jeden Wettkampf. „Ich habe momentan wieder richtig Bock. Im Frühjahr war ich bei meinen Eltern im Dresden. Dort hatte ich für fast zwei Monate gar keinen Volleyball in der Hand. Das war ganz komisch. Ich habe dann Mentaltraining versucht und auch bei der Ernährung ein paar Sachen ausprobiert“, erzählt der 22-Jährige. Die Corona-Pandemie besiegelte für Peemüller das Ende einer chaotischen Saison. Beim fränkischen Verein VC Eltmann absolvierte der SVG-Neuzugang seine erste vollständige Erstliga-Saison – in einem mehr als unruhigen Umfeld.

Unter anderem übernahm sich der Verein aus dem rund 5000 Einwohner großen Dorf am Main mit Heimspielen in der rund 25 Kilometer entfernten Brose Arena in Bamberg. Die Heimspielstätte von Basketball-Bundesligist Brose Bamberg fasst mehr als 6000 Zuschauer – zu den Eltmanner Heimspielen kamen selten mehr als 1500. Ende Dezember meldete Eltmann Insolvenz an, verlor daraufhin für die nächsten drei Jahre die Chance auf eine Erst- und Zweitliga-Lizenz und wurde mit einer Geldstrafe von 32.000 Euro belegt. Die Gehaltszahlungen übernahm fortan das Arbeitsamt. „So lange wir gespielt haben, haben wir unser Gehalt noch bekommen. Das war dann aber schon das Insolvenzausfallgeld vom Arbeitsamt. Von den letzten zwei Monatsgehältern haben wir dann nicht mehr viel gesehen“, berichtet Peemüller. Nach Abendblatt-Informationen dauert der Rechtsstreit um die fehlenden Gehälter im Hintergrund weiter an. Die Mannschaft hatte viele internationale gestandene Spieler. Da nimmt man als junger Spieler natürlich trotzdem viel mit. Auf die Strapazen und die Aktionen vom Management hätte ich aber gerne verzichtet“, sagt Peemüller, der im Mai einen Zweijahresvertrag bei der SVG unterschrieb.

Trainer Stefan Hübner bewegte ihn dazu, in den Norden zu wechseln

Der 22-Jährige hatte auch Angebote aus dem Ausland vorliegen und hätte unter anderem in die erste französische Liga wechseln können. Zum Wechsel in den Norden bewegte ihn schließlich Trainer Stefan Hübner. „Als Stefan bei mir angerufen hat, war ich schnell überzeugt. Er hat mir einige Sachen aufgezeigt. Wir wollen zum Beispiel meinen Schlagarm nochmal umstellen. Da wollen wir den Bewegungsablauf aufbrechen und neu strukturieren, damit ich nochmal mehr Härte auf den Ball bekomme“, berichtete der Diagonalangreifer, der nebenbei Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert. Später wolle er mal komplett raus aus dem Sport, sagt er.

Und er erzählt von Unternehmensberatung, Prozessoptimierung und Projektmanagement. Das mache ihm im Studium zurzeit am meisten Spaß. „Zwischen den Trainingseinheiten sitze ich meistens in der Wohnung und gucke mir die Vorlesungen an“, sagt er. Momentan steht jedoch vor allem der Sport im Vordergrund. „Mit Lüneburg möchte ich diese Saison auf jeden Fall in die Playoffs kommen. Das ist unser Ziel“, sagt Peemüller, als er seinen Latte Macchiato ausgetrunken hat und sich verabschiedet. Der kurze Moment der Entspannung ist vorbei, am Abend wartet die nächste Trainingseinheit.