Harburg
Infrastruktur

VfL Sittensen baut den Sportplatz der Zukunft

Der erste Vorsitzende des VfL Sittensen, Egbert Haneke (53) präsentiert ein Stück des modernen Kunstrasens.

Der erste Vorsitzende des VfL Sittensen, Egbert Haneke (53) präsentiert ein Stück des modernen Kunstrasens.

Foto: Maximilian Bronner

Modellprojekt: Wie der Verein mit der Samtgemeinde einen umweltfreundlichen Kunstrasenplatz ohne Mikroplastik plant.

Sittensen.  Die Empörung der Vereine in den Medien in diesem Sommer war groß: Verbietet die Europäische Union (EU) in Zukunft Kunstrasenplätze? Werden Millionen von Amateursportlern ihren Sport nicht mehr ausüben können? Zwar gab die EU schnell Entwarnung – ein kurzfristiges Verbot von Kunstrasenplätzen stünde nicht zur Debatte.

Dennoch: Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) prüft derzeit die Auswirkungen des in vielen Plätzen als Füllmaterial verwendeten Gummigranulats. Das sind kleine Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser unter fünf Millimetern. Im kommenden Jahr schickt die ECHA ihre Bewertung an die EU-Kommission – die dann über ein mögliches Verbot des Gummigranulats entscheiden soll.

Eine Lösung des Problems will jetzt der niedersächsische Verein VfL Sittensen vorlegen. Der Plan: Für 1,5 Millionen Euro entsteht ein CO2-neutraler Kunstrasenplatz. Die Fasern des Rasens bestehen dabei aus gepresstem Zuckerrohr, das nicht mehr für die Zuckerproduktion verwendet werden kann.

Als Einfüllmaterial werden keine geschredderten Altreifen, sondern eine Einstreumischung verwendet, die zu 80 Prozent Hanf und Kreide und zu 20 Prozent aus Kautschuk besteht. Mit lediglich zwei Kilogramm Einstreu pro Quadratmeter liegt der geplante Platz deutlich unter den Werten herkömmlicher Anlagen.

Der Bau des Platzes soll im April 2020 beginnen

Zum Vergleich: In den Niederlanden gehen pro Quadratmeter ganze 15 Kilogramm Mikroplastik aus Altreifen in die Plätze ein. Über Wind, Niederschlag, sowie den Spielbetrieb gelangen diese Plastikpartikel in die Umwelt.

Der VfL Sittensen will zudem eine spezielle Mikroplastikfilteranlage installieren– eine Art überdimensionierten Staubsauger. „So etwas hat es bisher noch nicht gegeben. Wir können eine Sicherheit von 99 Prozent erreichen, was die Abscheidung von Mikroplastik betrifft“, sagt Egbert Haneke. Der 53-Jährige ist seit Anfang des Jahres erster Vorsitzende des VfL Sittensen. Der VfL ist mit über 2500 Mitgliedern einer der größten Sportvereine der Region.

„Wir wollen für andere Vereine ein Vorbild sein

„Ich habe schnell verstanden, dass es Unsicherheiten beim Thema Ökologie gibt. Am Ende wollen wir für andere Vereine als Vorbild dienen, so dass die auf das System Sittensen zurückgreifen können“, erklärt Haneke.

Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Genehmigungsphase. Die sechsmonatige Bauphase beginnt im April 2020. Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat die Schirmherrschaft übernommen. „Der Umweltminister fand die Idee der Vermeidung von Mikroplastik gut.

Trotzdem dauert es lange, bis ein Umweltminister seine Schirmherrschaft ausspricht“, weiß Haneke. Treibende Kraft sei SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gewesen, der seinen Wahlkreis in Rotenburg/Heidekreis hat. Kunstrasenplätze können drei Mal länger genutzt werden als Naturrasen.

Pilotprojekt wird von der Universität Stuttgart begleitet

Das Pilotprojekt wird zunächst über vier Jahre wissenschaftlich von der Universität Stuttgart begleitet. „Dazu bauen wir – etwa in der Größe eines Überseecontainers – einen unterirdischen Probenkeller am Rande der Anlage. Dort werden wöchentlich Proben genommen, eingefroren und vierteljährlich analysiert“, erklärt der VfL-Vorsitzende.

Zudem baue man eine Feinstaub-Messstation, da auch über die Luft Mikroplastik in die Umwelt gelangen könne. „Die Anlage ist ein Versuchsaufbau. Es kann durchaus sein, dass in einigen Jahren das gesamte Granulat ausgesaugt wird und wir ein anderes einfüllen“, so Haneke.

Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) befürworten das Projekt. Diese Unterstützung beschränke sich jedoch bislang auf Worte. „Ich bin überrascht, dass der DFB nicht aktiv wird. Es wird viel geredet und wenig getan – dabei sollte so ein Projekt in deren ureigenem Interesse liegen“, hadert der VfL-Vorsitzende. Finanzielle Not müsse der Verein aber nicht fürchten. „Die notwendigen Mittel bringen wir zusammen, da wir für Sponsoren interessant sind.“

Die Samtgemeinde Sittensen wird zum Bauherrn

Bauherr des Kunstrasens samt Hochleistungs-Flutlicht ist die Samtgemeinde Sittensen mit der Schulbaukasse. Hinzu kommt ein Kleinspielfeld, dessen Kosten von 500.000 Euro der VfL Sittensen trägt. „Wir sind als Verein unabhängig und weder Boten der Industrie, noch der Umweltverbände“, sagt Haneke.

Über die Kunstrasen-Debatte im Sommer ist er verärgert. „Das Ganze ist eine unehrlich geführte Diskussion. Sie wurde von vielen nicht richtig analysiert“, sagt er. Auslöser war eine Studie des Fraunhofer-Instituts. Das Institut sieht das Kunstrasen-Gummigranulat als eine der größten Quellen für Mikroplastik in Deutschland.

Zwischen 8000 und 11.000 Tonnen Granulat würden jährlich in die Umwelt gelangen. Für viele Wissenschaftler ist dieser Wert deutlich zu hoch – und beruht nicht auf tatsächlichen Messergebnissen. Das Fraunhofer-Institut räumte daraufhin ein, dass sich die Zahlen auf eine Schätzung beziehen.

Ein generelles EU-Verbot erwartet Haneke nicht. „Ich glaube nicht, dass das eine europaweite Richtlinie wird.“ Deutschland müsse aber zum Vorbild für umweltfreundlichen Anlagen werden. Der VfL Sittensen geht da vorweg.