Harburg
Basketball

Reco McCarter lebt in Stade seinen Profi-Traum

Von North Carolina in die niedersächsische Provinz: Basketballer Reco McCarter in der Stader Innenstadt. 

Von North Carolina in die niedersächsische Provinz: Basketballer Reco McCarter in der Stader Innenstadt. 

Foto: Maximilian Bronner

Der Basketball-Spieler aus North Carolina will gern mit dem VfL Stade in die Dritte Liga aufsteigen und verlängert um ein Jahr.

Stade.  Noch lebt er, der Traum vom Profi-Basketball. Dafür ist Reco McCarter (28) vor allem eins: Dankbar. Dankbar, für die Möglichkeit, mit Basketball Geld zu verdienen. Den Sport, den er liebt, als Beruf zu haben. „Meine Ambition ist, so hoch wie möglich zu spielen. Ich denke, dass die erste oder zweite Liga für mich noch möglich ist. Daran glaube ich fest“, sagt der 1,98 Meter große US-Amerikaner.

Mit dem College-Team in der Finalrunde

McCarter stammt aus der Kleinstadt Goldsboro in North Carolina. Mit seinem College-Team der Campbell University spielte er vor rund 8000 Fans in der National Collegiate Athletic Association (NCAA) – der höchsten US-Liga für College-Teams. „In meinem ersten Jahr sind wir direkt ins NCAA-Final-Four gekommen. Das war der Wahnsinn“, erinnert sich der 28-Jährige. Mehrere Millionen Fernsehzuschauer verfolgen jede Saison die Finalrunde der College-Saison. Einige College-Teams sind populärer als NBA-Mannschaften, sie spielen in den größten Arenen der USA.

College-Gegner sind inzwischen NBA-Stars

Viele seiner damaligen College-Gegner haben mittlerweile den Sprung in die amerikanische Profiliga NBA geschafft. So stand Reco McCarter beispielsweise mit den heutigen NBA-Stars Javonte Green (Boston Celtics), D’Angelo Russell (Golden State Warriors) oder John Wall (Washington Wizards) auf dem Parkett. Die NBA-Teams wählen jedes Jahr im sogenannten „Draft“ die besten College-Spieler für ihre Profimannschaften aus. Auch Reco McCarter meldete sich 2015 zum NBA-Draft an – wurde jedoch von keinem Team ausgewählt. „Das war keine richtige Enttäuschung, ich gehörte einfach nicht zur absoluten Spitze. Für mich stand dann schnell fest: Ich gehe nach Europa und werde der beste Spieler, der ich sein kann“, erklärt er.

Diesen Weg wählen viele US-Spieler, die es nicht in die NBA schaffen. In den USA lässt sich außerhalb der größten US-Profiliga mit Basketball nur wenig Geld verdienen. Während McCarters ehemalige College-Mitspieler mittlerweile in der NBA Millionenverträge unterschrieben haben, ist die Realität für den Mann aus North Carolina eine andere: VfL Stade, 1. Regionalliga Nord. Basketball-Provinz. Anstatt in der erstklassigen NBA spielt McCarter in der viertklassigen Regionalliga gegen Amateurmannschaften. Hier heißen die Gegner nicht Los Angeles, Boston oder New York, sondern Langenhagen, Bramsche und Neustadt am Rübenberge. Die Arena ist nicht etwa der legendäre Madison Square Garden in New York – es ist die Schulsporthalle des Stader Vincent-Lübeck-Gymnasiums.

Vereinsmitglieder verkaufen Brezeln und Nudelsalat

Und doch bekam Reco McCarter am Mittwochabend zu spüren, was Profi-Basketball in Deutschland bedeutet. Im Testspiel gegen den Erstliga-Absteiger Eisbären Bremerhaven hielten die Stader im ersten Viertel gut mit. In der Halbzeitpause dröhnt feinster US-Rap durch die Schulsporthalle, Vereinsmitglieder verkaufen Brezeln und selbst gemachten Nudelsalat. An den Wänden lehnen Weichbodenmatten, die Kletterseile sind zurückgebunden. Nur rund ein Dutzend Werbeaufsteller erinnert ansatzweise an Profisport.

Rund 100 Zuschauer – die meisten unter ihnen geladene Sponsoren – sahen, wie die spielerische Klasse des US-Amerikaners immer wieder hervorblitzte. „Solche Spiele sind immer eine Chance für mich. Hier kann ich mich beweisen“, sagt McCarter. Auch wenn der Zweitligist aus Bremerhaven am Ende deutlich mit 74:97 die Oberhand behielt, gehört der Stader US-Import wieder zu den erfolgreichsten Werfern.

McCarter ist in Stade Führungsspieler

In Stade ist Reco McCarter Leistungsträger. Die Fans erwarten viel von ihm, schließlich ist er der einzige Amerikaner im Team. Als Amerikaner müsse er das Team führen können, so die Erwartungshaltung. Neben zwei Spaniern hat nur McCarter einen Profivertrag, der Rest des Teams besteht aus Amateuren. „Ich spüre trotzdem keinen besonderen Druck. Die Erwartungshaltung gehört einfach zu meiner Rolle dazu“, sagt der 28-Jährige.

Laut Regelwerk dürfen Mannschaften aus der Regionalliga nur einen Spieler im Kader haben, der nicht aus der Europäischen Union kommt. „Normalerweise nimmt man bei der Kaderzusammenstellung erst die deutschen Spieler, dann einige aus dem europäischen Ausland und als letztes füllt man bestimmte Positionen mit einem US-Spieler auf“, erläutert Joan Rallo Fernandez, Cheftrainer des VfL Stade.

Einstieg in der vierten spanischen Liga

Nach dem geplatzten NBA-Draft 2015 zog es Reco McCarter zunächst nach Spanien. Südlich von Madrid spielte er in der vierten spanischen Liga, schaffte 2017 gar den Aufstieg in Liga drei. Hier lernte er seinen heutigen Trainer kennen. „Als Joan im vergangenen Jahr nach Stade gewechselt ist, hat er mich mitgenommen“, sagt McCarter. Seine spanische Lebensgefährtin musste er zurücklassen, vor kurzem feierte das Paar Verlobung: „Wir sehen uns etwa zwei Mal im Monat. Das ist okay.“

Sein Vertrag beinhaltet neben seinem Gehalt eine Wohnung, die sich der 28-Jährige mit einem Mitspieler teilt. Zudem stellt ihm der Verein ein Auto und das Essen. „Klar könnte es etwas mehr sein, trotzdem bin ich dankbar und zufrieden mit meinem Vertrag“, sagt der US-Amerikaner. Ob er manchmal enttäuscht sei, den Sprung in die NBA verpasst zu haben? „Nein, ich schaue nicht darauf wo Mitspieler von früher jetzt sind. Ich bin einfach dankbar, selber auf einem professionellen Level zu spielen“, erklärt McCarter. Während seine Stader Mitspieler an vier Wochentagen erst nach Feierabend trainieren, absolviert McCarter mehr als das doppelte Pensum. „Ich trainiere an fünf Tagen pro Woche, jeweils morgens und abends. Das ist, warum ich hier bin. Das wird von mir als Profi auch erwartet“, sagt er.

Betreuer der VfL-Jugendabteilung

Neben dem täglichen Training betreut der US-Amerikaner die VfL-Jugendabteilung, nach seiner Karriere möchte er als Trainer arbeiten. „Meine Mitspieler arbeiten fast alle nebenbei. Meine Aufgabe ist es, die Mannschaft nochmal zu pushen, wenn sie zum Training kommen“, sagt er. Er sehe sich als klarer Führungsspieler, der die Verantwortung übernehmen muss.

In der Regel bleiben die sogenannten US-Importspieler nur für eine Saison bei den Vereinen, um in der darauffolgenden Spielzeit weiter zu ziehen. Dabei schultern sie die Last des gesamten Teams und versuchen sich mit einer guten Saisonstatistik für höherklassige Vereine zu empfehlen. Eine Karriereplanung? Unmöglich. Finanzielle Sicherheit? Nicht vorhanden.

Ein weiteres Jahr in Stade

Reco McCarter entschied sich, ein weiteres Jahr in Stade zu bleiben. „Ich habe eine sehr gute Beziehung zum Trainer und dem Manager. Sie wollten mich unbedingt hierbehalten, also bin ich geblieben“, erklärt er. Sein Ziel ist es, mit Stade den Aufstieg in die dritte Liga zu schaffen. Cheftrainer Fernandez tritt jedoch auf die Bremse: „Natürlich wollen wir aufsteigen, allerdings müssen wir dafür solide Strukturen aufbauen.“ Und was ist wenn der Aufstieg nicht gelingt? „Keine Ahnung. Ich habe keine Ahnung, wo ich nächste Saison spiele. Ich werde wie immer im Frühling entscheiden, was ich mache“, sagt Reco McCarter. Der Traum vom Profi-Basketball lebt weiter.