Raritäten

Rad ab? Über eine kuriose Sammelleidenschaft

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Lars Hansen
Jörg Maltzahn mit den kleinsten verkehrstüchtigen Nicht-Klapp-Rad, dem Poketby aus Frankreich.

Jörg Maltzahn mit den kleinsten verkehrstüchtigen Nicht-Klapp-Rad, dem Poketby aus Frankreich.

Foto: Lars Hansen / xl

Jörg Maltzan sammelt seltene historische Fahrräder, am liebsten Objekte aus den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Wilhelmsburg.  Die Bonanza-Räder stehen alle noch im Kiekeberg-Museum und eigentlich ist das Jörg Maltzan ganz recht. „Ich habe diese Räder leidenschaftlich gesammelt und gelte als Experte, aber mittlerweile konzentriere ich mich auf andere Sammelobjekte“, sagt er.

Aber auch ohne Bonanzaräder hat Maltzan eine Fahrrad-Bonanza – jedenfalls, wenn man die englische Übersetzung „Goldgrube“ des alten spanischen Wortes „Bonanza“ für „Glücksfall“ nimmt. Die beiden Container, die der Zeitschriftenredakteur auf dem Gelände der Wilhelmsburger Zinnwerke stehen hat, sind große Schatzkisten. Anstatt feinster Juwele – auch die gibt es bei Fahrradsammlern – dominieren hier aber die Rohdiamanten und die Schmuckstücke mit deutlichen Gebrauchsspuren. Maltzan ist ein Befürworter historischer Patina.

Kleinst- und Klappräder waren in den 70er-Jahren ein großer Trend

Angeradelt kommt er allerdings auf einem nigelnagelneuen Veloziped: Das kleine Faltrad des US-Herstellers Dahon verschwindet fast unter dem relativ großen Fahrer. Es zu fahren, macht Maltzan zwar keine Mühe, Arbeit ist es dennoch: Er testet es als Redakteur der „Bike-Bild“. Auch mit Falt- und Klapprädern kennt sich Jörg Maltzan bestens aus. „Als mein Interesse an den Bonanzarädern ausreichend befriedigt war, habe ich angefangen, mich mit Kleinst- und Klapprädern zu beschäftigen“, sagt er. „Auch die waren ja ein großer Trend der 1970er-Jahre“.

Falträder gibt es schon seit 125 Jahren. In Massenproduktion gingen sie erstmals für Soldaten im ersten Weltkrieg. So richtig in Mode kamen sie allerdings erst, als sich immer mehr Haushalte Autos anschafften, aber im Urlaub und auf Ausflügen nicht auf ein Fahrrad verzichten wollten. Ein englischer Handelsname für Klappräder war denn auch „Bootbike“ – „Kofferraumrad“.

Die ersten Kleinräder ließen sich nicht falten und hatten neuartige Rahmenkonzepte

In Jörg Maltzans Besitz befindet sich ein „Moulton Deluxe“. Dieses Kleinfahrrad lässt sich zwar nicht falten, aber es leitete den Trend zu kleineren Rädern ein und kam alsbald auch als „Moulton Stowaway“ mit Klappgelenk heraus. Ingenieur Andrew Moulton – er entwickelte auch die Fahrwerksfederung für den alten „Austin Mini“, wollte den Fahrradrahmen neu und kleiner denken. Sein Deluxe ist mit einer gummigefederten Hinterradschwinge und gefederter Vorderradgabel ausgestattet, um den holprigen Lauf der kleinen Räder zu kompensieren. Ein Faltrad ohne Gelenk ist auch das französische „Stella Poketby“ mit herabklappbarem Hochlenker und durchzuschiebender Sattelstütze.

„Die klassischen 70er-Jahre-Klappräder haben aber U-förmige Rahmen und ein Gelenk kurz vor dem Tretlager“, weiß Jörg Maltzan. In seiner Klapprad-Kollektion befinden sich auch ein Exemplar des italienischen Design-Klassikers Graziella – natürlich in Nationalmannschaftsblau und als besondere Rarität ein ebenso blaues Graziella Klapp-Tandem mit einem sehr umständlichen zweiten Gelenk.

Schon als Student begann Jörg Maltzan, Fahrräder zu sammeln

Das Fahrrädersammeln begann Jörg Maltzan schon als Student. „Da hatte ich immer ein paar ältere Rennräder“, sagt er, „und es kamen immer mehr dazu. Erst viel später kam ich dann auf die Bonanza-Räder.“

Auf die wirklich hochpreisigen Kollektabilien, wie beispielsweise Rennräder aus den 1930er-Jahren, hat es Jörg Maltzan gar nicht abgesehen. Ihn interessiert hauptsächlich die jüngere Vergangenheit, die Zeit, die er selbst schon miterlebt hat – „und mich interessieren auch technische Entwicklungen, die nur kurz in Mode waren, wie mein Kettler Alu-City-Hopper, das kleinste Lastenrad der Welt.“

Die Sammlerstücke sind zwar nicht alle hochglänzend, doch sie funktionieren noch

Seine Schätze findet der Sammler und Jäger teils durch gezielte Suche – das Moulton ersteigerte er per Ebay in England und holte es mit der Bahn ab – und teils per Zufall, wie sein orangenes Quadruplet, Marke „Gitane“ ein Rad für vier Fahrer. „Ein Mitglied eines Rudervereins sprach mich an, dass der Verein dies noch auf seinem Gelände hätte“, erinnert sich Maltzan. „Es war in einem schlimmen Zustand.“

Damit begann für Jörg Maltzan die Arbeit. Denn man darf seinen Schätzchen zwar ihr Alter ansehen, funktionieren müssen sie aber und zwar mit möglichst vielen Originalteilen. „Viel Zeit habe ich ja nie zwischen Feierabend und Kinder-Zubettbringen“, sagt der Sammler.

Aktuell forscht der Sammler nach BMX-Rädern und frühen Mountainbikes

Das Quadruplet ist ein echter Hingucker auf Veranstaltungen, die Jörg Maltzan besucht – vor allem in Aktion. „Tandems und solche Räder, wie das Quadruplet sind für Blinde die Möglichkeit, Fahrrad zu fahren“, sagt er. „Und beim Quadruplet kann ein sehender Fahrer gleich bis zu drei blinde Mitradler haben.“

Dennoch hadert er gerade mit dem Quadruplet: Zu sperrig, zu unhandlich, zu unbequem. Und Platz braucht Maltzan auch: Nach den Klapprädern kamen die BMX-Räder dran und aktuell forscht der Fahrradfreak nach frühen Mountainbikes aus den 1980er-Jahren.

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