Folgen der Elbvertiefung

Warum eine Öffnung der Süderelbe auch Neugraben betrifft

| Lesedauer: 7 Minuten
Lars Hansen
Die Alte Süderelbe aus der Luft gesehen. Der frühere Elbarm gilt als wichtiges Biotop.

Die Alte Süderelbe aus der Luft gesehen. Der frühere Elbarm gilt als wichtiges Biotop.

Foto: HPA

Frühere Flussarm dient als Puffer bei Hochwasser und Starkregen – fällt Funktion aus, drohen Keller und Unterführungen voll Wasser.

Harburg.  Wer durch den Finkenwerder Süden oder durch Francop und Neuenfelde fährt, sieht an den Straßen viele Schilder mit der Aufschrift „Nicht mit uns!“ Gemeint ist damit der mögliche Wiederanschluss der Alten Süderelbe an den Hauptstrom und damit an die Tide.

Doch nicht nur in den dörflichen Hamburger Stadtteilen direkt an ihren Ufern, in denen die Schilder stehen, hätte die Öffnung der Süderelbe negative Konsequenzen. „Die Auswirkungen wären bis nach Neugraben gravierend“, schätzt Jörg Quast, Obstbauer und Vorsitzender des Be- und Entwässerungsverbandes Finkenwerder Süden.

Pufferfunktion für das gesamte Gewässergebiet der Region

Warum das so ist, erklärt er mit der Pufferfunktion der Alten Süderelbe für das gesamte Gewässergebiet der Region: „Hausbruch, Neugraben und Fischbek entwässern in den Moorgürtel, dessen überschüssiges Wasser über die Moorwettern in das Francoper Grabensystem geleitet wird, welches seinen Überschuss in die Süderelbe entwässert. Umgekehrt fungiert die Süderelbe als Reservoir für die Francoper und Finkenwerder Gräben.“

Quasts Befürchtung für Neugraben ist diese: Wird die Alte Süderelbe wieder an die Tide angeschlossen, erhöht sich ihr Wasserstand gegenüber dem jetzigen Mittel um bis zu zwei Meter bei normalem Hochwasser. Davon gehen die Studien zum Anschluss aus. Dann jedoch kann die Alte Süderelbe bei Hochwasser kein Wasser mehr aus der Umgebung aufnehmen. „Wenn jetzt ein Starkregenereignis kommt und wir die Gräben nicht entwässern können, weil die Tide nicht abläuft, wie es bei Sturm oft der Fall ist, haben wir ein Problem.“

Plakative Vergleiche zu den Hochwassern an Rhein und Ahr möchte Quast nicht ziehen, dafür sind die landschaftlichen Gegebenheiten zu verschieden. „Aber in einigen Teilen Neugrabens und Fischbeks werden dann Keller volllaufen und eventuell auch Unterführungen.“

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Schon jetzt ist ein Teil des alten Neugrabener Dorfkerns – betroffen sind einige Grundstücke am Falkengraben – zum Überschwemmungsgebiet erklärt worden. Das heißt: Bei einem Jahrhundertregen – und davon gab es in diesem Jahrtausend schon mehr, als Jahrhunderte – wären die Grundstücke überflute. Für die Grundbesitzer bedeutet das große Einschränkungen für ihr jeweiliges Eigentum. Sie dürfen keine weiteren Gebäude errichten oder sperrige Gegenstände auf ihrem Grundstück lagern. Die Wogen schlugen entsprechend hoch, als die Überschwemmungsgebiete verkündet wurden und die Stadt versprach, alles dafür zu tun, dass die Überschwemmungsgefahr gebannt wird und die Einschränkungen aufgehoben werden können. „Bei einer Öffnung würden sich diese Gebiete aber sogar noch vergrößern“, sagt Quast.

Schon jetzt gerät Süderelbe an Grenze ihrer Pufferkapazitäten

Bereits jetzt, noch ohne Tideanschluss, gerät die Alte Süderelbe manchmal an die Grenze ihrer Pufferkapazitäten. So ein Notfall trat 2019 ein, erinnert sich die Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Gudrun Schittek: „Damals musste das Wasser über Neuenfelde und das alte Neuenfelder Schöpfwerk abgepumpt werden. Das hat zum Glück noch funktioniert!“

Eigentlich soll die Alte Süderelbe bei Überfüllung über ein Pumpwerk am Storchennestsiel – benannt nach einer Gaststätte, nicht nach einem Vogel-Wohnort – ins Köhlfleet entwässern. „Den Planfeststellungsbeschluss für das Schöpfwerk gibt es seit 15 Jahren, aber gebaut worden ist noch nichts“, bemängelt Quast, der befürchtet, dass auch nicht gebaut wird, solange die Öffnung der Alten Süderelbe noch diskutiert wird, denn die Öffnung würde das Schöpfwerk hinfällig machen.

Bis das Thema ausdiskutiert ist, ist es noch einige Zeit. Die Öffnung der Alten Süderelbe ist eines von drei Projekten, das die Experten-Diskussionsrunde „Forum Tideelbe“ für geeignet hält, den Tidenhub der Elbe ein wenig zu senken und damit den Schlickeintrag in den Hamburger Hafen zu verringern. Die anderen sind der Tideanschluss der Dove-Elbe bei Tatenberg und die Öffnung der Haseldorfer Marsch in Schleswig-Holstein als Tideauengebiet. Die Maßnahme Dove-Elbe ist ausreichend erforscht, für die Süderelbe und die Haseldorfer Marsch empfahl das Forum, das mit seinem Abschlussbericht aufgelöst wurde, weitergehende Prüfungen. Auf politischer Ebene ist die Dove-Elbe durch Bürgerschaftsbeschluss bereits ausgeschieden. Es bleiben die Haseldorfer Marsch und die Süderelbe.

Hamburgische Bürgerschaft hat Süderelbe-Öffnung nicht beschlossen

Obwohl die Hamburgische Bürgerschaft die vertiefte Prüfung der Süderelbe-Öffnung noch nicht beschlossen hat, wurden Jörg Quast und seine Mitstreiter aus der Interessengemeinschaft Alte Süderelbe, von der die vielen Plakate gegen die Öffnung stammen, schon gebeten sich in den Denkprozess einzubringen. Quast winkt ab. „Wir beteiligen uns doch nicht an der Planung von etwas, das wir kategorisch ablehnen“, sagt er, „dann dienen wir ja doch nur als Feigenblatt!“

Enttäuscht zeigt sich die Interessengemeinschaft Alte Süderelbe von einem Gespräch mit den Bürgerschaftsfraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen, Dirk Kienscherf und Dominik Lorenzen. Die IAS hatte gehofft, die Politiker überzeugen zu können, die Öffnungspläne ganz fallen zu lassen und auch nicht weiter zu prüfen. Davon wollten die beiden jedoch nichts hören und wollen zumindest die Prüfungen beider Maßnahmen weiterverfolgen. Angeblich, so erfuhren die IAS-Aktivisten aus anderer Quelle, gibt es auch schon eine Institution, die die weitere Prüfung durchführen soll: Die Stiftung Lebensraum Elbe. Das kommt der IAS verdächtig vor: Im Forum Tideelbe hatte sich die Stiftung sehr für die Öffnung eingesetzt. Außerdem ist sie eng mit der Hamburger Umweltbehörde verwoben und hat Vorstandsmitglieder aus der Hafenwirtschaft.

Hamburger Umweltbehörde spricht sich für Studie durch Stiftung aus

Bei der Stiftung selbst möchte man das nicht bestätigen. „Wir haben keinen Auftrag“, sagt Stiftungsgeschäftsführerin Elisabeth Klocke, „wir brauchen aber auch keinen Auftrag, um Studien zu betreiben. Zum Thema Alte Süderelbe haben wir uns allerdings noch nicht entschlossen, zu forschen.“

Das klingt bei der Umweltbehörde anders. „Wir würden es begrüßen, wenn die Stiftung die beiden möglichen Maßnahmen, also Süderelbe und Haseldorfer Marsch, vertieft betrachtet und prüft“, sagt Pressesprecher Jan Dube, „dies ist aber eine Entscheidung der Stiftung. Die Umsetzung möglicher Maßnahmen muss letztlich die Politik entscheiden.“

Würde die Bürgerschaft sich für die Öffnung entscheiden, hat das Forum Tideelbe dafür schon Kosten in Höhe von 750 Millionen Euro vorgerechnet. Jörg Quast glaubt nicht, dass das reicht: „Zusätzlich zu den Hochwasserschutzanlagen muss auch das ganze Bewässerungssystem im Hamburger Alten Land an die neuen Wasserstände angepasst werden, und das wird den Preis über eine Milliarde treiben!“

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