Demo in der Hamburger City

„Nicht mit uns!“: Protest gegen Süderelbe-Öffnung

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Laurena Erdmann und Lars Hansen
Landwirte stehen mit Traktoren vor dem Hamburger Rathaus.

Landwirte stehen mit Traktoren vor dem Hamburger Rathaus.

Foto: dpa

Obstbauern aus dem Alten Land wollen geplante Maßnahme an der Alten Süderelbe verhindern. Sie fürchten die Überflutung ihrer Flächen.

Hamburg. Es ist ein lauter und sichtbarer Protest: Mit rund 50 Traktoren, an denen Schilder mit der Aufschrift „Schlick-Falle“ oder „Milliarden-Grab“ hingen, haben sich rund 70 Obstbauern aus dem Alten Land am Mittwoch von Neuenfelde auf den Weg zum Hamburger Rathaus gemacht. Die Landwirte wollen die Öffnung der Alten Süderelbe verhindern, über die auch die Bürgerschaft debattierte.

Das Ziel einer solchen Öffnung ist es, den Tidenhub, also den Unterschied zwischen Flut und Ebbe, zu senken. Außerdem erhofft man sich von der Öffnung des Seitenarmes, dass der Schlick-Eintrag in den Hafen sich verringert. Ob die Öffnung wirklich den Zustand der Elbe verbessert, gilt allerdings als ungewiss. „Die negativen Auswirkungen hingegen sind klar und katastrophal“, wie es der Obstbauer Christoph von Riegen ausdrückt. „Die Natur im Alten Land, in dem jetzt gerade die Apfelblüte beginnt, würde zerstört werden“, sagt er.

Gegen Süderelbe-Öffnung: Trecker-Konvoi auf Jungfernstieg

„Bauern, die nur am Außendeich Flächen besitzen, würde die Öffnung ihre Existenz kosten. Denn es droht die komplette Überflutung des Außendeiches.“

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Um 10 Uhr setzt sich die Trecker-Kolonne in Neuenfelde in Bewegung. Anwohner klatschen und jubeln. Auch der Schauspieler Konstantin Graudus steht am Straßenrand. „Alle Nachbarn sind hier einer Meinung“, erzählt Christoph von Riegen. „Die Öffnung der Alten Süderelbe halten wir alle für Schwachsinn.“ Deshalb ist es von Riegen wichtig, bei der Demonstration dabei zu sein. So denkt auch der 18-jährige Azubi, der hier eine Obstbaulehre macht. Er möchte Solidarität zeigen – und ohnehin ist er auch selbst betroffen. „Unser Familienhof würde sonst unter Wasser stehen. Es geht hier um meine Zukunft.“ Die Traktoren tuckern mit 12 Kilometern pro Stunde über die Köhlbrandbrücke nach Hamburg. Dabei begleiten Polizeimotorräder sie. Immer wieder ertönt ohrenbetäubendes Hupen.

„Statistisch gesehen handelt es sich vielleicht um eine kleine Fläche, aber viele Schicksale hängen von der Entscheidung ab“, sagt von Riegen. Einer dieser Schicksale ist eine schwangere Frau, die erzählt: „Wir sind eine junge Familie, die bald zu fünft ist. Vor einem halben Jahr haben wir ein Haus gebaut. Wenn die Süderelbe wirklich geöffnet wird, besteht die Gefahr, dass unser Haus überflutet. Doch nicht nur wir sind betroffen, sondern ganz Finkenwerder.“ Sie kann nicht verstehen, warum die Politik die Öffnung in Erwägung zieht. Seit Jahren sucht eine Arbeitsgruppe aus Politik, Verwaltung, Anwohnern und verschiedene Interessengruppen nach einer Lösung für die Elbe.

Auch Bürger im Hamburger Zen­trum heißen die Kolonne willkommen

Aus 23 Einzelprojekten blieben die Alte Süderelbe und die Dove-Elbe übrig. Doch im Dezember wurde auch die Dove-Elbe ausgeschlossen. Die Anwohnerin erklärt dazu, dass „die Öffnung der Dove-Elbe gleichsam naturzerstörend wäre.“ Deshalb vermutet sie, „die Politiker dachten offenbar, dass an der Alten Süderelbe ein geringerer Widerstand zu erwarten wäre. Doch da haben sie sich geirrt.“

Auch Bürger im Hamburger Zen­trum heißen die Kolonne willkommen. Sie zücken ihre Handys, filmen den tuckernden Konvoi. Ein Passant reckt beide Daumen in die Luft, um seine Unterstützung zu signalisieren. Eine ältere Dame jedoch deutet ärgerlich auf die grüne Fußgängerampel.

Um 11.45 Uhr erreicht die Kolonne ihr Ziel. Auf dem sonst autofreien Jungfernstieg parken jetzt die Traktoren. Der Veranstalter der Demonstration, Holger Maciolek, überreicht André Trepoll (CDU) 28.604 Unterschriften, die gegen die Öffnung gesammelt wurden. Zusätzlich bekommt der Vizepräsident der Bürgerschaft noch eine Tüte mit frischen Äpfeln geschenkt.

Christoph von Riegen: Trecker-Protest

Und Schelte von der SPD: Trepolls Behauptung, so die SPD-Bürgerschaftsfraktion, eine Öffnung der Alten Süderelbe sei bereits beschlossene Sache, sei eine Unterstellung: „Die CDU will die Notbremse an einem Zug ziehen, der im Bahnhof steht“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Dirk Kienscherf. „Für eine verlässliche Bewertung sind weitere Prüfungen erforderlich. Daher hat es bisher auch keine Entscheidung seitens einer Landesregierung für die eine oder die andere Maßnahme gegeben.“