Soziale Brennpunkte

Wo in Hamburg Stelzenläufer im Kampf gegen Corona helfen

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Blickfang für Corona-Aufklärung: Bezirkssenatorin Katharina Fegebank startete eine Awareness-Kampagne in Harburg, zu der auch die Stelzenläufer gehören.

Blickfang für Corona-Aufklärung: Bezirkssenatorin Katharina Fegebank startete eine Awareness-Kampagne in Harburg, zu der auch die Stelzenläufer gehören.

Foto: Mark Sandten/Funke Foto Services

Kampagnen-Start: Mit kostenlosen Masken und mehrsprachigen Flyern will Stadt Corona-Hotspots wie in Harburg entschärfen.

Hamburg. Mit Stelzenläufern, Infoflyern in verschiedenen Sprachen und kostenlosen Schutzmasken will man in Hamburg die besonders hohe Corona-Inzidenz in Stadtteilen mit sozial schwieriger Lage bekämpfen.

Es habe sich gezeigt, dass in dieser Phase der Pandemie gerade dort die Zahl der Infektionen besonders hoch sei, sagte die auch für die Bezirke zuständige Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) am Donnerstag beim Start der Kampagne in Harburg.

Fegebank für höhere Impfpriorität in Hotspot-Stadtteilen

Angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen in sozial benachteiligten Stadtteilen könne es sinnvoll sein, die Impfprioritäten zu ändern und die Hotspot-Stadtteile stärker ins Impf-Visier zu nehmen, erklärte Hamburgs zweite Bürgermeisterin weiter. "Es sieht so aus, als seien in der dritten Welle nicht mehr bestimmte Altersgruppen besonders gefährdet, sondern bestimmte Quartiere in den Großstädten, in denen viele Menschen auf engem Wohnraum zusammenleben."

Darauf könne man auch mit der Impfpriorisierung reagieren, indem man die Arztpraxen hier bevorzugt beliefert und die Reihenfolge flexibler handhabt, so die Senatorin. "Allerdings können wir das nicht auf Landesebene entscheiden, sondern wir müssen uns beim Bundesgesundheitsministerium und der ständigen Impfkommission dafür einsetzen."

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Im Hamburger Bezirk Harburg fand der Auftakt einer Aufklärungskampagne statt, die das Ziel hat, in breiten Teilen der Bevölkerung das Gefahrenbewusstsein für die Pandemie zu schärfen und die Wichtigkeit der verschiedenen Schutzmaßnahmen, von Masken und Abstand bis hin zu Kontaktvermeidung und Ausgangssperre zu schärfen.

Spektakulärster Teil der Hamburger Kampagne sind Stelzenläufer

Harburg war, zusammen mit Hamburg-Mitte in den vergangenen Wochen durch hohe Inzidenzen aufgefallen. "Das Infektionsgeschehen hat sich deutlich verändert", sagte Fegebank. "Waren es in der ersten Welle die Ski-Urlaubs-Rückkehrer, die die Krankheit in die wohlhabenden Bezirke Eimsbüttel und Altona brachten, verlagert es sich jetzt auf die Armen, die weniger Möglichkeiten haben, sich zu schützen."

Spektakulärster Teil der Harburger Kampagne sind Stelzenläuferinnen, die mehrsprachiges Informationsmaterial sowie Masken im Zentrum des Bezirksverteilen. Wichtige Multiplikatoren sind aber auch die großen Wohnungsbaugesellschaften, Stadtteilinitiativen uns -Sanierungsbüros, Jugendzentren und Sportvereine, "alles was Menschen, die wir als Amt nicht gut erreichen, niederschwellig anspricht", sagt Harburgs Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen.

Der Auftakt der Kampagne, die unter dem Motto „Schütze Dein Harburg“ steht, lockte Medienvertreter aus ganz Norddeutschland nach Harburg. Die Tatsache, dass der Bezirk Harburg in den vergangenen Wochen eine deutlich höhere Neuinfektionsinzidenz aufwies als andere Bezirke, dass man hier deshalb ein eigenes Bezirkskonzept entwickelt hat, um die Inzidenz wieder zu senken, und dass dieses Konzept auch fantasievoll kostümierte Stelzenläuferinnen beinhaltet, erregte Aufmerksamkeit. „Die Stelzenfiguren verteilen Informationsmaterial und Schutzmasken in der Harburger Innenstadt. Sie erregen Aufmerksamkeit, sind aber mobil und immer in Bewegung, so dass sich ihretwegen keine Menschenansammlungen bilden. Das wollen wir ja vermeiden“, sagte Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen.

Ungewöhnliche Werbung für Maskenpflicht und Ausgangssperre

Die Aktion zielt darauf ab, den Bürgern des Bezirks die Notwendigkeit der Schutzmaßnahmen von Maske tragen bis Ausgangssperre bewusst zu machen. Gerade den muslimischen Teil der Bevölkerung treffen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen derzeit besonders hart. Vor wenigen Tagen hat der Ramadan begonnen und das ist nicht nur tagsüber die Fastenzeit, sondern abends nach dem Fastenbrechen auch die Besinnung auf die Gemeinschaft und dieser Aspekt darf derzeit kaum Raum einnehmen. Hier muss man also besonders um Verständnis und Durchhaltewillen werben.

Die Informationsmaterialien und Plakate der Kampagne sind in zahlreichen Sprachen verfasst. Die Stelzenfrauen sind auch nur ein Teil der Bewusstseinskampagne. Weniger spektakulär, aber womöglich noch wirksamer, sollen möglichst viele Institutionen, Initiativen und Vereine im Bezirk die Botschaft des Faltblatts weitertragen und die Harburgerinnen und Harburger animieren, sich im Sinne der Seuchenprävention zu verhalten. Kirchen- und Moscheegemeinden ziehen dabei bereits mit, ebenso wie das Citymanagement, das die Kampagne mit organisierte, und die städtischen Jugendeinrichtungen.

„Mit den Freien Jugendeinrichtungen sind wir ebenfalls bereits im Gespräch“, sagt Sophie Fredenhagen. „Besonders setzen wir aber auch auf die Stadtteilbeiräte und Stadtteilbüros in den derzeitigen Sanierungsgebieten, denn gerade dort sind innerhalb des Bezirks die Hotspots.“

Bürgermeister Peter Tschentscher informiert sich vor Ort

Die Inzidenz für den Bezirk Harburg ist derweil wieder etwas gesunken: Anhand der Zahlen des Gesundheitsamts errechnete Bezirksamtsleiterin Fredenhagen einen Sieben-Tage-Inzidenzwert von knapp 160 – immer noch über dem Hamburger Schnitt von gestern 147,5, aber schon ganz knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 160,1.

Am Vormittag hatte Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher (SPD) das Harburger Gesundheitsamt besucht und sich über die Arbeit dort informiert. „Wir sind in Harburg von einem stark unterbesetzten Gesundheitsamt innerhalb kürzester Zeit zu einem Gesundheitsamt gekommen, das in mancher Hinsicht Modellcharakter für andere Bezirke hat“, sagt Sophie Fredenhagen, „so sind wir in den Bereichen schnelles Testen, digitale Kompetenz und Gewinnung von Unterstützungskräften früh anderen voraus gewesen.“

( xl/dpa )

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