Asylpolitik

Zwei Hamburger Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte

| Lesedauer: 10 Minuten
Hanna Kastendieck
Thamer (l.) und Thaer Imad flohen 2013 aus Syrien nach Deutschland. Sie wollen um jeden Preis bleiben.

Thamer (l.) und Thaer Imad flohen 2013 aus Syrien nach Deutschland. Sie wollen um jeden Preis bleiben.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Thamer und Thaer Imad kamen von Syrien über Italien nach Deutschland, sind gut integriert. Warum ihnen die Abschiebung droht.

Harburg. Es ist ein frühlingshafter Februartag, als sich Thaer und Thamer Imad wieder daran erinnern, wieviel sie vom Sterben wissen. Sie haben schon lange nicht mehr darüber gesprochen. Über ihre Flucht aus Syrien. Doch jetzt wollen sie davon erzählen. Von der Fahrt über das Meer, dem Unglück auf See, der Ankunft in Italien. Von traumatischen Erlebnissen, die sie bis heute nicht loslassen. Und davon, wie sie in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Seit sechseinhalb Jahren leben sie in Harburg. Sie sind gut integriert. Dafür haben sie viel getan. Und dennoch ist unklar, ob und wie lange die Brüder noch bleiben dürfen.

Thaer und Thamer Imad kommen aus Syrien. Sie sind 27 und 30 Jahre alt. 2013 sind sie aus ihrer Heimat geflohen. 2015 kamen sie nach Hamburg. Sie haben Deutsch gelernt, Praktika gemacht, eine Ausbildung. Sie engagieren sich ehrenamtlich für Geflüchtete und kaufen seit Ausbruch der Pandemie für Senioren ein. Sie fühlen sich heimisch in Deutschland.

Asylverfahren läuft seit fünf Jahren

Doch wie lange noch dürfen sie bleiben? Seit mehr als fünf Jahren läuft ihr Asylverfahren. Und ebenso lange hängt die Angst vor der Abschiebung nach Italien wie ein Damoklesschwert über ihnen. In Italien wurde ihnen 2013 als Asylbewerber subsidiärer Schutz gewährt. Das EU-Land war das erste, das sie auf ihrer Flucht betreten haben. Dort haben sie einen Fingerabdruck hinterlassen. Die Rechtsprechung sagt, dass Thaer und Thamer Imad nach Italien gehören.

Alle paar Monate bekommen sie deshalb Post vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Sie bekommen neue Fristen und stellen neue Anträge. Sie wollen Asyl in Deutschland. Deshalb haben sie um ein Gespräch gebeten. Sie wollen ihre Geschichte erzählen. Sie wollen, dass zwischen all den Paragrafen und Richtlinien auch der Mensch gesehen wird.

Für das Gespräch haben sie das „Refugio“ gewählt, das Flüchtlingscafé im Zentrum von Harburg. Das Café war ihre erste Anlaufstelle, als sie im Sommer 2015 in Hamburg ankamen. Ihre erste Heimat in der Fremde. Michael Schade, Mitbegründer und treibende Kraft im Refugio, hat ein Video mitgebracht. Er schaltet den Laptop ein. Der Film zeigt einen Rettungseinsatz der italienischen Marine, 113 Kilometer südlich vor der Küste von Lampedusa. Hunderte Menschen treiben schreiend im Wasser. Kinder kämpfen um ihr Leben. Inmitten des Gedrängels sind zwei Männer zu sehen, die ein kleines Mädchen über Wasser halten.

Libysche Polizei beschoss das Flüchtlingsboot

Wieviel sie vom Sterben wissen? Am 11. Oktober 2013 sank 113 Kilometer südlich vor der Küste von Lampedusa ein Boot mit 550 Menschen an Bord. Mehr als 200 Menschen ertranken, davon 60 Kinder. Es war das Boot, mit dem auch Thamer und Thaer Imad das Mittelmeer überquerten.

Es war noch Nacht, als die libysche Polizei das Boot beschoss, auf dem sich etwa 400 syrische Flüchtlinge von Zuwarah in Libyen über das Mittelmeer nach Europa befanden. Es drang Wasser in das Boot ein. Thamer und Thaer Imad erinnern sich. An die Stille auf dem Boot während des Ablegens. Und an das Geschrei, als das Boot sank. „Wasser, da war überall Wasser“, sagt Thaer Imad. „Wir haben geschippt und geschippt. Und dann mussten wir runter vom Boot.“ Das Meer war kalt und rau. Zwei Stunden schwammen die beiden Brüder um ihr Leben. Und sie schwammen für das Leben eines sechs Jahre alten Mädchens. „Sie hatte ihre Eltern verloren und trieb im Wasser. Wir haben sie mitgenommen“, sagt Thaer Imad. „Sie hat uns die Kraft gegeben, durchzuhalten. Sie hat uns gerettet.“

Zeit heilt nicht alle Wunden

Stille. Thaer Imad schweigt. Zeit heilt nicht alle Wunden. Dann fährt er fort, erzählt, wie sie, die Überlebenden, aus dem Wasser gefischt und nach Sizilien gebracht wurden. Wie sie in Boxershorts und T-Shirt, mit nackten Füßen, müde und soeben dem Tod entronnen, der Polizei Auskunft geben mussten. „Wir wurden aufgefordert, einen Fingerabdruck abzugeben“, sagt Thamer Imad. „Es hieß, wenn wir das nicht tun, dürfen wir nicht ins Land hinein.“ Sie drückten den Daumen in das Stempelkissen.

Ein Fingerabdruck in Italien – was das bedeutet, begreifen sie erst, als sie in Deutschland ankommen. Wer einen Fingerabdruck in Italien hat, darf nicht dauerhaft in Deutschland bleiben. Die Regelung im Sinne des sogenannten Dublin-Verfahrens, dem Hauptpfeiler der europäischen Flüchtlingspolitik schreibt vor, dass stets das Land für ein Asylverfahren zuständig ist, das ein Flüchtling zuerst betritt. Reist ein Mensch auf der Flucht trotzdem weiter, kann und soll er zurück geschoben werden. Ganz gleich, wie gut er in diesem Land integriert ist.

Brüder boten ihre Mithilfe im Refugio an

Michael Schade schüttelt den Kopf. Er mag keine Pauschalisierungen. „Schließlich geht es um Individuen und, in diesem Fall, um zwei Menschen, die in Deutschland gut integriert sind.“ Schade kennt die beiden Brüder seit ihrer Ankunft vor fünfeinhalb Jahren. Er hat sie lieb gewonnen. Weil sie selbstlos sind, hilfsbereit, fleißig, kontaktfreudig und engagiert. „Sie leisten eine Menge guter Dinge“, sagt er.

Bereits im Sommer 2015, unmittelbar nach ihrer Ankunft in Hamburg, bieten die beiden ihre Hilfe im Refugio an. Die Nächte verbringen sie in der Erstaufnahmeunterkunft an der Schlachthofstraße, die Tage im Café. „Wir hatten gehört, dass es dort eine Möglichkeit gibt, Deutsch zu lernen“, sagt Thamer Imad. „Also sind wir hingegangen und haben Kontakte geknüpft.“ Kurze Zeit später gehören die beiden zum Team der Ehrenamtlichen, die sich um die vielen Flüchtlinge in Harburgs Erstaufnahmen, kümmern. Sie nutzen die Gelegenheit, um mit den Ehrenamtlichen im Café Deutsch zu sprechen. Sie wissen, dass die Sprache die Basis ist für ein gutes Miteinander, für Verständigung und Verständnis. Aufgrund ihrer rechtlichen Situation steht ihnen zunächst kein staatlicher Sprachkurs zu. Erst später dürfen sie einen offiziellen Integrations- und Sprachkurs besuchen. Es ist ein Sprachkurs für Flüchtlinge mit Kettenduldungen ohne subsidiären Schutzstatus.

„Deutschland hat uns die Türen geöffnet“

Sie lernen schnell, übernehmen Übersetzungsarbeiten für die Cafébesucher, begleiten Geflüchtete zu Ämtern und übersetzen vom Arabischen ins Deutsche. Sie wollen vermitteln, sie wollen Brücken bauen, sich eingliedern in ein größeres Ganzes. „Deutschland“, sagen sie, „hat uns die Türen geöffnet. Die Menschen hier haben uns willkommen geheißen. Wir verdanken ihnen viel.“

Über das Refugio knüpfen sie Kontakte, auch berufliche, machen Praktika und versuchen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Bewerbungen werden, auch nach bestandener Eignungsprüfung mit Verweis auf den ungeklärten Aufenthaltsstatus abgelehnt. Doch sie lassen sich nicht entmutigen, engagieren sich, wo sie gebraucht werden. Im Januar 2016, ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Hamburg, werden sie von Senatorin Melanie Leonhardt mit dem Ehrenamtspreis des Bezirks Harburg ausgezeichnet.

Wenige Monate später erhalten sie den „Eine-Welt-Preis der Nordkirche“. „Ich wollte etwas tun, nicht nur essen und schlafen“, sagt Thaer Imad. Er bewirbt sich als Schulbegleiter für syrische Schulkinder mit Förderbedarf und übernimmt die Aufgabe im Ehrenamt. Inzwischen hat er seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann abgeschlossen. Er hat eine Anstellung in einer Hamburger Firma. Sein Bruder Thamer beendet im Januar seine Ausbildung.

Asylverfahren: die Ungewissheit bleibt

Eigentlich läuft es gut. Und dennoch bleibt die Ungewissheit. Ihre Klagen beim Verwaltungsgericht zum Asylverfahren laufen noch immer. Eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Deutschland könnten sie laut Amt für Migration nur dann beantragen, wenn sie ihre Asylanträge zurückziehen. Genau das aber wollen die beiden Brüder nicht. Sie befürchten, dass ihre Anträge abgelehnt werden könnten und sie dann doch nach Italien abgeschoben werden würden.

Dort herrschen für Geflüchtete unzumutbare Verhältnisse. Viele sind obdachlos, sie bekommen nur unzureichende gesundheitliche Versorgung. Sozialhilfeleistungen gibt es nicht. Die Menschen sind auf Suppenküchen und kirchliche Hilfseinrichtungen angewiesen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Und dennoch sieht das Verwaltungsgericht eine Abschiebung als zumutbar, da die auch in Italien die elementarsten Bedürfnisse befriedigt werden könnten.

Thaer und Thamer Imad befürchten, dass sie alles, was sie sich in den vergangenen Jahren in Harburg aufgebaut haben, verlieren könnten. „In Italien würden wir noch einmal ganz von vorne anfangen müssen“, sagt Thamer Imad. Ob sie das schaffen könnten? Sie zucken mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, sehen wir unsere Zukunft hier in Deutschland. Wir möchten etwas zurückgeben für all das, was wir hier bekommen haben. Ob sie die Chance dazu erhalten, entscheidet sich möglicherweise im April. Das Verwaltungsgericht hat vorgeladen.

Über das Dublin-Verfahren:

  • Das Dublin-Verfahren regelt, dass Asylbewerber in dem Land zu registrieren sind, in dem sie die EU betreten. Dieser Staat ist auch für den Asylantrag zuständig.
  • Das Verfahren soll sicherstellen, dass jeder Asylantrag nur von einem Mitgliedstaat geprüft wird. Stellt sich im Gespräch mit dem Asylsuchenden heraus, dass der Antrag in einem anderen Mitgliedstaat zu bearbeiten ist, wird dieser Staat gebeten, den Antragssteller zu übernehmen.
  • Rechtsgrundlage des Verfahrens ist die Dublin-III-Verordnung . Sie umfasst neben den EU-Mitgliedstaaten auch Island und Norwegen.
  • Deutschland wendet das Dublin-Verfahren für alle Herkunftsländer und alle Mitgliedstaaten (außer Griechenland) an. Das gilt auch für syrische Staatsangehörige. Das BAMF prüft in jedem Einzelfall, ob Deutschland zuständig ist und ob der Asylbewerber in den anderen EU-Mitgliedstaat zurückgeschickt werden kann.
( hk )

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