Öffentlicher Nahverkehr

Also doch: Studie sieht Bedarf für S-Bahn-Station Bostelbek

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Lars Hansen
Die Häuser zwischen der Straße „Zum Fürstenmoor" und McDonald’s müssten dem Bahnofsvorplatz weichen, so die Studie.

Die Häuser zwischen der Straße „Zum Fürstenmoor" und McDonald’s müssten dem Bahnofsvorplatz weichen, so die Studie.

Foto: Lars Hansen / xl

Experten empfehlen alten Standort, aber mit Mittelbahnsteig. Das große Problem: Zur Straße hin müssten Firmen weichen.

Bostelbek/Harburg.  Wann immer aus dem Bezirk Harburg die Forderung nach einem weiteren S-Bahn-Halt an dieser Stelle geäußert wurde – und das war regelmäßig – kam aus Hamburg zur Antwort, dass man hier keinen Bedarf sieht. Das Umfeld (die Siedlung, die Fabrik und das Gewerbegebiet) würden kein Fahrgastpotenzial ergeben, welches so eine Station rechtfertigen würde.

Eine Machbarkeitsstudie, welche die städtische Wirtschaftsförderungsagentur Hamburg Invest Entwicklungsgesellschaft (HIE) in Auftrag gegeben hat, kommt jedoch zu einem anderen Schluss, erfuhren Harburgs Bezirkspolitiker im Mobilitätsausschuss. Die Studie hält einen Bostelbeker Bahnhof nicht nur für möglich, sondern für notwendig.

Alte Forderung bekommt neue Grundlage

Der Wunsch von Anliegern und Bezirkspolitikern nach einer S-Bahn-Haltestelle in Bostelbek ist so alt, wie die S-Bahn-Strecke nach Neugraben. Als die im August 1984 eröffnet wurde, ging der Regionalbahnhof „Tempowerk“ außer Betrieb und wurde wenig später abgerissen. Alles, was vom Bahnhof blieb, waren zwei Fußgängertunnel, durch die die Bostelbeker zur Cuxhavener Straße gehen konnten, um dort auf den nächsten Bus zu warten.

Die Autowerker, die längst nicht mehr für „Tempo“, sondern für Mercedes am Band standen, bekamen einen großen Werksparkplatz, quasi als Aufforderung, dem öffentlichen Nahverkehr den Rücken zu kehren. Auch die Bewohner Bostelbeks entwickelten eine große Liebe zur Pkw-Nutzung.

Potenzial von bis zu 11.000 Fahrgästen täglich

„Der Hang zum Auto als primäres Verkehrsmittel ist in diesem Quartier besonders hoch“, berichtete Studien-Autor Thomas Rössler. „Die Siedlung liegt isoliert und ist ohne gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wenig attraktiv für Wohnungssuchende und Gewerbetreibende.“

Doch eigentlich soll Bostelbek wachsen. Kurzfristig möchte sich der hier ansässige Technologiepark „Tempowerk“ (früher: „hit-technopark“) erweitern, langfristig will die HIE in der Nähe Flächen für Innovationsbetriebe entwickeln und die Stadt entlang der B 73 mehr Wohnungsbau ermöglichen. Rössler sieht ein zukünftiges Potenzial von 8000 bis 11.000 Fahrgästen täglich. 8000 ist die Untergrenze, die bislang stets aus der Hamburger Verkehrsbehörde genannt wurde, um Planungen für Bahnhöfe aufzunehmen.

Genügend Platz für einen Langzug der S-Bahn

Das Potenzial sieht Rössler in gut 80 Gewerbebetrieben im erweiterten Umfeld und in Möglichkeiten, die es zu entwickeln gelte: eine Busanbindung der östlichen Teile Heimfelds und Eißendorfs beispielsweise oder die von der HIE geplanten Innovationsflächen. Auch die in der Nähe entstehende Autobahn A 26 Ost würde eventuell Fahrgäste bringen, die auf der A 26 einpendelnd, hier auf die S.-Bahn umsteigen würden. „Aktive Stadtentwicklung bedeutet, dass man zuerst die Infrastruktur schafft, die neue Areale benötigen", sagt Rössler.

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Rössler kommt in seiner Machbarkeitsstudie zu dem Schluss, dass der Bahnhof Bostelbek am sinnvollsten ziemlich exakt an der Stelle entstehen müsste, wo einst der Bahnhof Tempowerk war. Der Grund ist nicht Nostalgie, sondern das Vorhandensein der erwähnten Fußgängerunterführungen. Zumindest einen davon könnte man mit wenig Aufwand auch wieder als Bahnhofszugang nutzen. Dazwischen ist genügend Platz für einen Langzug der S-Bahn. Anders, als der alte Bummelzugbahnhof soll die S-Bahn-Station einen Mittelbahnsteig erhalten, Das wäre die kostengünstigste Variante, denn die alten Außenbahnsteige lassen sich nicht ohne weiteres wieder herstellen. Für den Mittelbahnsteig müssten die Gleise gespreizt werden. Das südliche Gleis würde im Bahnhofsbereich ungefähr zwölf Meter weiter Richtung Straße rücken.

Hier wird es problematisch, denn die zwölf Meter Platz nach Süden sind derzeit belegt: Nach der Auflösung des alten Bahnhofs sind hier Gewerbebetriebe entstanden oder bestehende bis an die Gleise heran gewachsen. Und mit den zwölf Metern ist es auch nicht getan: Eigentlich gehört der gesamte Bereich zwischen neuem Bahnhof und Cuxhavener Straße zum „relevanten Umfeld“ und müsste Bushaltestellen, Park-and-ride-Plätzen, Stadtradstation und zukünftig kommenden Elektromobilitätsangeboten für „die letzte Meile“ weichen, so Rössler in der Studie. Dieser Bereich geht von der evangelikalen Freikirche bis zum McDonald’s-Parkplatz. „Mit allen jetzigen Nutzern müsste man sich einigen und ihnen eventuell Ersatzflächen anbieten", sagt Rössler.

20 Millionen Euro Baukosten als Minimum veranschlagt

Dieser Aspekt könnte deutlich teurer werden, als die 20 Millionen Euro Baukosten, die Rössler als Minimum für den Bahnhof veranschlagt. Weiter westlich, wo weniger Betriebe verlagert werden müssten. kann der Bahnhof nicht entstehen, weil hier möglicherweise noch Platz benötigt wird, um S-Bahn-Gleise in Richtung Elbtunnel auszufädeln -- ein Projekt, dass Rössler unabhängig vom Bostelbeker Bahnhof ebenfalls befürwortet.

„Diese Studie bestätigt, was wir schon lange sagen, nämlich, dass das Fahrgastpotenzial hier auf jeden Fall gegeben ist", sagt Michael Sander (Grüne), Vorsitzender des Mobilitätsausschusses. „Das ist eine gute Argumentationshilfe. Wahrscheinlich benötigt man auch nicht das gesamte Areal, zwischen Bahnhof und Straße. Park & Ride an dieser Stelle müsste man zum Beispiel hinterfragen, denn es würde wohl Autoverkehre, die sonst in Neu Wulmstorf oder Neugraben enden würden, weiter in die Stadt hineinziehen.“

Dass es auch ohne Park & Ride genügend Fahrgastpotenzial in Bostelbek gibt, glauben die Bezirkspolitiker trotzdem: „Eines der Argumente die gegen den Bahnhof vorgebracht wurden war oft, dass auf der Südseite fast nur Wald angrenzt“, sagt der SPD-Abgeordnete Michael Dose. „Aber wer sich die gestiegene Freizeitnutzung von Haake und Heide in letzter Zeit ansieht, weiß, dass das auch touristische Fahrgäste nach Bostelbek bringen würde.“

Auch die Opposition ist angetan. „Vor allem, dass Herr Rössler auch für die westliche Bahnquerung der Elbe plädiert, ist gut“, sagt der CDU-Verkehrsexperte Rainer Bliefernicht. „Dass wir nur einen Schienenstrang über die Elbe haben, ist Hamburgs Achillesferse.“ Den Bahnhof empfiehlt Rössler auch ohne Elbtunnel-S-Bahn. Für die wird auf Betreiben des Bundestagsabgeordneten Metin Hakverdi (SPD) derzeit an der TUHH eine eigene Machbarkeitsstudie erarbeitet.

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