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Wie Harburger Psychologen per Podcast helfen

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Hansen
Psychologin Cornelia May  produziert den Podcast "0816"

Psychologin Cornelia May  produziert den Podcast "0816"

Foto: Lars Hansen / xl

Audio-Beiträge des Harbuger Vereins sollen Menschen mit psychischen Problem, Angehörige und Profis unterstützen.

Hamburg. 0815 kennt man. 0815 ist das Synonym für normal. 0816 weicht ab. Ist „nicht normal“ - wie viele, an die sich ein Podcast mit diesem Titel wendet: Klienten einer der vielen Anlauf- und Beratungsstellen des „Hafen - Verein für psychosoziale Hilfe Harburg e.V.“. Die Internet-Audiobeiträge sind ein neues Angebot des Vereins, der mit 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in acht verschiedenen Einrichtungen in Harburg, Wilhelmsburg und Neugraben Menschen mit psychischen Problemen berät und betreut.

Der Podcast soll Betroffenen, Angehörigen und Profis gleichermaßen helfen, indem er Einblicke und Überblick verschafft. Zugleich soll er Außenstehenden helfen, die Situation direkt und indirekt Betroffener zu verstehen. Die erste Folge ist schon online, weitere fünf sind bereits produziert.

Die Idee hatten Daniela Richter, Regionalleiterin Wilhelmsburg des Vereins und die Psychologin Cornelia May, die in der Wilhelmsburger Beratungsstelle „Lotse“ des Hafen e.V. arbeitet. „Wir wollten unser Angebot um eine Social-Media-Komponente erweitern und haben ein geeignetes Format gesucht“, sagt Daniela Richter. „Letztendlich sind wir dann auf Podcast gekommen, weil wir damit die meisten Leute erreichen.“

Eine menschliche Stimme schafft Vertrautheit

Eine menschliche Stimme zu hören vermittle viel eher ein Gefühl der Vertrautheit, als die Interaktion mit einem Bildschirm, sagt Cornelia May. Gerade in Zeiten, in denen die soziale Nähe eingeschränkt ist , sei dies ein wichtiger Aspekt. Außerdem könne man einen Podcast auch hören, während man andere Dinge erledigt oder spazieren geht. Der Podcast soll Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven von Betroffenen, Profis und Angehörigen schaffen. Wie fühlt es sich an, eine Diagnose zu bekommen?

Welchen Weg ist der hilfesuchende Mensch schon gegangen und welchen wird er nach Ende eines Hilfsangebotes gehen? Wie gehen Angehörige mit der eigenen Hilflosigkeit um? Wer ist eigentlich die Person auf dem Beraterstuhl? Hat dieser Profi auf dem Beraterstuhl vielleicht auch Probleme? Und was darf man vom Hilfesystem eigentlich erwarten?

In der ersten Folge interviewt Cornelia May Daniela Richter und lässt sie die Wilhelmsburger Einrichtung sowie die ambulante Sozialpsychiatrie vorstellen. Fertig geschnitten sind weitere Beiträge aus Betroffenensicht und aus der Sicht von Profis „Gerne wollen wir auch Hilfsprojekte außerhalb unseres Vereins vorstellen“, sagt Cornelia May. „Denn im Hamburger Süden klappt die Zusammenarbeit ohne großes Konkurrenzdenken.“ Der Verein „Hafen“ ist 1999 aus einem Projekt der Behinderten-Arbeitsgemeinschaft Harburg und des Harburger Gesundheitsamts entstanden.

Vielfältige Hilfen

Von Beratungsgesprächen über Ergotherapie bis zu betreutem Wohnen bietet der Verein Menschen mit psychischen Problemen vielfältige Hilfen unterhalb der Schwelle der klinischen Psychiatrie. „Wir machen diesen Podcast“, sagt Cornelia May, „weil psychisches Wohlbefinden ein Thema von uns allen ist. Niemand ist gefeit vor schwierigen Lebensphasen oder Schicksalsschlägen, die den Boden unter den Füßen wegziehen. Hier will der Podcast entstigmatisieren.“

Ein weit verbreitetes Vorurteil über psychische Erkrankungen ist beispielsweise, dass sie ein Luxusproblem wohl situierter Bürger seien. Die Wilhelmsburger Beratungsstelle erlebt täglich das Gegenteil: „Oft ist es materielle Not, die die psychischen Probleme verursacht“, sagt Daniela Richter, „und materielle Ängste nehmen gerade jetzt in der Pandemiezeit zu.“

„Dazu kommt ein Gefühl der Ausweglosigkeit“, ergänzt Cornelia May, „einige Klienten werden durch die Corona-Krise angeregt, ihr Leben zu verändern aber alle Anlaufstellen, die sie dafür bräuchten, haben geschlossen!“ Durch das Podcast-Angebot wollen Daniela Richter und Cornelia May Betroffenen auch das Gefühl der Isolation nehmen; zeigen, dass es auch Mit-Leidende gibt und vor allem Hilfsangebote. „Es werden Projekte und Initiativen vorgestellt, die das Leben erleichtern können“, sagt Daniela Richter.

„Geplant sind unter anderem Folgen rund um „innere Dämonen“, Behördenprobleme, schwierige Familienverhältnisse, Sorge um Angehörige, Leben mit wenig Geld und allem, was noch so zum täglichen Wahnsinn gehört“.„Gerne würde ich auch Betroffene und Angehörige interviewen“, ergänzt Cornelia May. „Allerdings muss ich da noch ein wenig suchen. Die, zu denen ich den besten Kontakt habe sind ja meine Klienten. Die kann ich schlecht gleichzeitig als Psychologin betreuen und als Podcasterin befragen.“

Geplant ist es, alle zwei Wochen eine Folge des Podcasts zu produzieren.

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