Bezirksversammlung

Bekommt Hamburg seinen ersten Ruheforst in Harburg?

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Lars Hansen
Beate Pohlmann (SPD) steht auf dem Heidefriedhof. Hier könnte man einen Friedwald angliedern. 

Beate Pohlmann (SPD) steht auf dem Heidefriedhof. Hier könnte man einen Friedwald angliedern. 

Foto: Lars Hansen / xl

Immer mehr Menschen wollen sich unter einem Baum bestatten lassen – Hamburg bietet diese Möglichkeit bisher noch nicht.

Harburg/Neugraben.  Geht es nach dem Willen der Harburger Bezirksversammlung, sollen die Optionen für die Beisetzung verstorbener um eine Möglichkeit erweitert werden, die es in Deutschland erst seit 20 Jahren gibt: einen Bestattungswald. Das ist ein Waldstück, zumeist eingebunden in einen größeren Forst, in dem Urnen am Fuß von Bäumen in die Erde eingelassen werden können. Diese Bestattungsform wurde 1999 zunächst in der Schweiz erstmals genehmigt, ab 2000 dann auch in Deutschland.

Gut 140 solcher unter den Markennamen „Friedwald“ oder „Ruheforst“ bekannte Begräbnisstätten gibt es in Deutschland, in Hamburg aber nicht. Die nächsten im Süden sind in Jesteburg, Bispingen und Neukloster. Das wollen die Bezirkspolitiker ändern. Sie fordern einen Bestattungswald im Bezirk Harburg, möglichst in der Region Süderelbe.

Immer mehr Menschen möchten eine Baumbestattung

„Viele Menschen wünschen sich mittlerweile eine Baumbestattung“, sagt der SPD-Abgeordnete Peter Bartels, Vorsitzender des Sozialausschusses und Mitautor des Antrags, „und das aus verschiedenen Gründen: Sie läuft weniger formal und trotzdem würdevoll ab und man befindet sich in der Natur. Das ist oft für die Trauernden einfacher, und auch für viele, die bereits an ihren Tod denken, ein versöhnlicher Gedanke.“

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Es sind nur Urnen zugelassen

Bei Baumbestattungen sind nur Urnen zugelassen. Eine Erdbestattung im Sarg ist aus mehreren Gründen nicht möglich. Zum Einen wäre sie zu aufwendig, zum anderen widerspräche eine Bestattung am Baum den Vorschriften für Erdbestattungen, was Auffindbarkeit und Ruhe des Grabes angeht. In der Schweiz wird die Asche der Verstorbenen am Ruhebaum verstreut.

In Deutschland ist das Verstreuen von Totenasche nicht gestattet. Deshalb wird sie in einer Urne in „friedhofstypischer Tiefe“ in den Boden eingelassen. Die Baumbestattungsurnen sind biologisch abbaubar und zersetzen sich innerhalb weniger Monate. Auf Wunsch wird der Name des Verstorbenen auf einer kleinen Namenstafel vermerkt, auf der auch die anderen Bestatteten stehen. Diese Tafeln befinden sich bei manchen Forsten an einem Pfahl neben dem Baum, bei anderen hängen sie von einem Ast.

Waldatmosphäre statt Friedhof

„Eine Bekannte sagte mir einmal, dass sie es schön findet, nicht zu Boden blicken zu müssen, wenn sie ihres verstorbenen Verwandten gedenkt“, sagt die Bezirksabgeordnete Beate Pohlmann, die ebenfalls zu den Antragsautoren gehört, „sondern, dass sie dem Baum gegenübersteht, von dem seine Überreste Teil geworden sind.

Für viele ist auch die entfallende Grabpflege entscheidend, die man seinen Angehörigen nicht zumuten möchte. Man möchte die Angehörigen vor den sozialen Kontrollmechanismen auf den Friedhöfen bewahren und ihnen das schlechte Gewissen nehmen, wenn sie es wieder einmal nicht geschafft haben, sich um das Grab zu kümmern.“ Für andere ist es auch die allgemeine Atmosphäre auf Friedhöfen, die sie an eine Waldbestattung denken lässt.

Ruhebaum zu Lebzeiten reservieren

In den meisten Bestattungswäldern kann man sich seinen Ruhebaum bereits zu Lebzeiten reservieren. Er ist damit vor Abholzung geschützt. Die möglichen Ruhezeiten dauern zwischen 15 und 99 Jahren. Auch der Gedanke, einen Baum für fast 100 Jahre vor der Fällung bewahrt zu haben, versöhnt viele Menschen mit der Aussicht auf den Tod.

Die meisten Bestattungswälder in Deutschland werden von privatwirtschaftlichen Unternehmen betrieben. Um die Ruhezeiten auch bei Insolvenz zu gewährleisten, bürgen die Kommunen für die Einhaltung der Zeit. Albrecht Schmidt-Sondermann, Geschäftsführer des evangelischen Gesamtverbands, der unter anderem den neuen Harburger Friedhof betreibt, sieht das kritisch: „Hier tritt die Kommune ins Risiko, während der Betreiber die Gewinne macht“, sagt er.

Eichenhain auf dem Friedhof

Auch auf „seinem“ Friedhof gewährt Schmidt-Sondermann die Möglichkeit der Baumbestattung: auf der Eißendorfer Anlage gibt es einen Eichenhain und eine Streuobstwiese, wo Urnen unter Bäumen beigesetzt werden können. Das ist der Hamburger Weg, denen entgegenzukommen, die so beerdigt werden wollen. „Wir halten das für einen guten Kompromiss“, sagt Björn Marzahn aus der Pressestelle der Umweltbehörde. „Derzeit planen wir nicht, reine Bestattungswälder zu genehmigen.“

Mit einem solchen Kompromiss könnten eventuell auch die Antragsautoren aus der SPD leben, wenn es diese Möglichkeit denn in Süderelbe gäbe und nicht nur im 10 Kilometer entfernten Harburg. „Auf und am Neugrabener Heidefriedhof gibt es geeignete Waldstücke“, sagt Peter Bartels.

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