Harburg

Ausbildungsoffensive verzögert sich – zu wenig Bewerber

Mit Handpuppe Jolinchen sorgt Mohammad Ali bei den Kita-Kindern für Spaß und Unterhaltung.

Mit Handpuppe Jolinchen sorgt Mohammad Ali bei den Kita-Kindern für Spaß und Unterhaltung.

Foto: Hanna Kastendieck (FMG) / HA

Harburger DRK-Qualifizierungsmaßnahme ermöglicht Geflüchteten den Weg zum Erzieher oder SPA. Doch die Umsetzung verzögert sich.

Harburg.  Wenn Mohammad Ali mit den Kindern auf dem Spielplatz tobt, gemeinsam mit den Kleinen große Häuser aus Pappe bastelt oder die Handpuppe Jolinchen von ihren Abenteuern erzählen lässt, ist das für ihn, als würde er ein Stück seiner eigenen, verlorenen Kindheit nachholen. Zeit, die der heute 25-Jährige in seiner Heimat Syrien nicht unbeschwert erleben konnte. Vor fünf Jahren kam er als Geflüchteter nach Deutschland, um in Sicherheit zu leben, einen Beruf zu erlernen und sich eine neue Heimat aufzubauen.

Im Februar 2019 startete Mohammad Ali gemeinsam mit weiteren Teilnehmern eine bis dahin einmalige Qualifizierungsmaßnahme des DRK Kreisverbandes Harburg. 16 Männer und Frauen wurden in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik innerhalb von drei Monaten zum Pädagogischen Helfer ausgebildet. Die Qualifizierung sollte den Teilnehmern außerdem die Chance eröffnen, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialpädagogischen Assistenten (SPA) oder zum Erzieher an der Berufsfachschule aufzunehmen.

Während die angehenden Erzieher bereits ihre Ausbildung starten konnten, warten die zukünftigen SPAs noch immer darauf, dass endlich die Ausbildung beginnt. Der Grund: Es gibt nicht genügend Bewerber für den neuen Ausbildungsgang, für den sich Teilnehmer nicht nur aus DRK-Kitas, sondern aller pädagogischer Träger bewerben können. „Eigentlich sollte die erste Klasse im August starten“, sagt Milena Hühn, die die berufsbegleitende Ausbildung an der Evangelischen Berufsfachschule für sozialpädagogische Assistenz koordiniert. „Doch es gab zu wenig Bewerber.“ Und auch der Ausbildungsstart im Februar ist noch nicht gesichert. Vier der 18 Plätze sind noch unbesetzt.

Jetzt fordern die betroffenen Träger die Behörde auf, sich einzubringen

„Mit der Einstiegsqualifizierung ging es uns darum, etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun und zugleich die beruflichen Chancen von Menschen mit Migrationsgeschichte fördern“, sagt Katja Philipp, Bereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie beim DRK. „Um dies zu erreichen, ist es zwingend notwendig, dass die berufsbegleitende SPA-Ausbildung absolviert werden kann.“ Bisher sei das in Hamburg leider nicht möglich gewesen. „Wir hoffen sehr, dass sich dieses Mal ausreichend Teilnehmer finden. Andernfalls wäre es sicherlich wünschenswert, dass die Sozialbehörde fehlende Anmeldungen wirtschaftlich ausgleicht, damit die Ausbildungsform erstmalig zustande kommt.“

Doch die Behörde für Arbeit, Gesundheit Soziales, Familie und Integration (BAGSFI), die das Berufsfeld Kita aufgrund des eklatanten Personalmangels in den Kitas und den sich abzeichnenden Engpässen auf dem Arbeitsmarkt für diese zusätzliche Personengruppe geöffnet hatte und die Qualifizierungsmaßnahme unterstützt, hält sich zurück. Jetzt fordern die betroffenen Träger die Behörde auf, sich einzubringen. „Denkbar wäre zum Beispiel eine Anschubfinanzierung, damit der erste Ausbildungsgang starten kann“, sagt Milena Hühn. Die Sozialbehörde könnte, so die Vorstellung der Träger, die Kosten für nicht besetzte Ausbildungsplätze übernehmen. Pro Platz wären dies 18.000 Euro. Bei vier Plätzen kämen auf die BAGSFI damit 72.000 Euro zu.

Mohammad Ali und seine Mitstreiter müssen weiter warten

Doch bis eine Entscheidung fällt, müssen Mohammad Ali und seine Mitstreiter weiter warten. „Ich möchte meine Ausbildung so bald wie möglich beginnen und hoffe sehr, dass es im Februar losgehen kann“, sagt Mohammad Ali. Täglich verbringt er acht Stunden in der DRK Kita Kinderwaldschlösschen , an den Wochenenden kümmert er sich außerdem im Rahmen des Projekts „Kids welcome“ um Kinder von Flüchtlingsfamilien. Er tut das, weil er weiß, wie wichtig eine unbeschwerte Zeit für die kleinen Menschen ist. Er tut das aber auch, weil er Geld verdienen muss, um seine Eltern in Syrien finanziell zu unterstützen.„Mir fehlt meine Familie sehr“, sagt er. Am 1. Februar 2015 verließ er Damaskus.

Die Erfahrungen, die er auf der Flucht machen musste, haben ihn geprägt. „Ich wurde geschlagen, ins Gefängnis gesperrt, habe auf der Straße und im Wald geschlafen “, erzählt er. Deutschland erreichte er am 9. Juli 2015. Seitdem versucht Mohammad Ali in Hamburg Fuß zu fassen. Er lernt Deutsch und verdient sein eigenes Geld. 2000 Euro monatlich zahlte der DRK Kreisverband den Teilnehmern während der Qualifizierungsmaßnahme.

Dass die Investition in das zukünftige Personal jetzt möglicherweise nicht dem geplanten Verlauf entspricht, sollte kein Ausbildungsgang zustande kommen, sei schon bedauerlich, heißt es vom DRK. Schließlich sei das Projekt mit erheblichem Aufwand auf die Beine gestellt worden, die Einstiegsqualifizierung vergleichbar mit einem sehr gut bezahlten Praktikum.

Und dieser Einsatz solle natürlich auch für Mohammad Ali und seine Mitstreiter zum gewünschten Ziel führen. „Der Erfolg der Qualifizierungsmaßnahme hängt maßgeblich davon ab, ob diese auch abgeschlossen wird und die berufliche Perspektive der Teilnehmer damit gesichert werden kann“, sagt DRK-Bereichsleiterin Katja Philipp. Ein zweiter Durchgang dieser Art sei erst einmal nicht geplant.