Harburg

Briefmarken – „Ein kleiner Teil deutscher Geschichte“

Der Harburger Peter Perlbach beschäftigt sich in seiner Sammlung mit "Postkriegen".

Der Harburger Peter Perlbach beschäftigt sich in seiner Sammlung mit "Postkriegen".

Foto: Kaja Weber

In ihren Kollektionen bewahren die Hobby-Philatelisten vom Briefmarkensammler-Verein Harburg ein Stück Zeitgeschichte.

Hamburg.  „Was hat man eigentlich von anderen Ländern gewusst? Gar nichts. Und in der Schule war auch nicht sehr viel los in der Beziehung. Die große Welt – das kam erst später“, erinnert sich Peter Perlbach, 1. Vorsitzender des Harburger Briefmarkensammler-Vereins. Briefmarken aus der damaligen Tschechoslowakei oder Bolivien, die man auf Briefen entdeckt hatte – das habe die jungen Menschen inspiriert, sich einen Atlas zu schnappen und zu schauen, wo die Länder liegen.

Der heute 79 Jahre alte Perlbach hat schon mit 12 Jahren begonnen, Briefmarken zu sammeln. „Am Anfang war ich in einer Jugendgruppe, die es heute auch nicht mehr gibt“, sagt Perlbach. Mit Anfang 30 ist der Harburger dann in den „Erwachsenenverein“ eingetreten. „Wer einmal geboxt hat, der boxt sein Leben lang“, sagt Perlbach über Sport und meint, das gelte auch fürs Briefmarkensammeln.

Briefmarkensammler sind Experten auf ganz bestimmten Gebieten

Dass man die ganze Welt sammelte – und damit auch ein wenig ziellos – diese Zeiten seien allerdings vorbei. Auch, weil es heute viel mehr Briefmarken gibt als damals. Früher habe man alles gesammelt, was man bekommen konnte, erinnert sich Perlbach. Heute sind Sammler, die ihr Hobby ernst nehmen, sehr spezialisiert – auf ein Thema, eine Zeit oder auch einen speziellen postalischen Ablauf. „Es gibt nichts, was man nicht sammeln kann auf Briefmarken“, sagt Perlbach.

Für die Hobby-Philatelisten ist es ein genaues Betrachten von Zeitzeugnissen, sie sammeln auf ganz bestimmten Gebieten. Mit den Briefmarken werden oft auch die dazugehörigen Briefe aufbewahrt. Andere Menschen beschäftigen sich mit ganz modernen Versandlabels. Es wird also alles gesammelt, was irgendwie einen Zusammenhang zu postalischen Vorgängen hat.

Der Harburger Briefmarkensammler-Verein besteht schon seit 100 Jahren

Zum 100-jährigen Bestehen im Frühjahr dieses Jahres stellten die Harburger Sammler Verschiedenstes aus. In ihrem Stammlokal, dem Landhaus Jägerhof in Hausbruch, konnten Besucher etwa unterschiedliche Darstellungen des Weihnachtsmannes auf Ansichtskarten von 1900 und 1933 sehen. Ein anderes Exponat zeigte Briefe aus den zehn Jahren zwischen 1927 und 1937, in denen noch die Großstadt Harburg-Wilhelmsburg Bestand hatte. Ein Hobby-Philatelist hat Post von Menschen aus mehreren europäischen Ländern zusammengetragen, die während des Zweiten Weltkriegs im Nationalsozialismus als Zwangsarbeiter leben mussten.

Vorsitzender Perlbach selbst hat fünf Sammlungen, die er bereits ausgestellt hat. Eine seiner Sammlungen behandelt „Postkriege“ zwischen 1948 und 1986: Im Rahmen der Währungsreform wurden unerwünschte und nicht mehr anerkannte Briefmarken, Stempel und Schmuckdrucke zwischen West- und Ostdeutschland etwa unkenntlich gemacht oder zurückgewiesen. „Und das ist dann ein kleiner Teil deutscher Geschichte“, sagt Perlbach.

Aktuell zählt sein Verein 74 Mitglieder. Früher, als er selbst eingetreten ist, waren es mal doppelt so viele, sagt Perlbach. Eine Jugendgruppe gibt es heute nicht mehr, um den Nachwuchs steht es schlecht. „Vereine sind nicht mehr das, was die jüngeren Generationen heute möchten“, sagt Perlbach. Früher hätten Erwachsene die Harburger Jungphilatelisten betreut, dann hätten jüngere Mitglieder übernommen. Die haben den Jugendteil aber eher als Freizeitzusammenkunft fürs Dartsspielen oder anderes genutzt. „Und dann war’s vorbei“, resümiert Perlbach.

Norddeutsche Briefmarkensammler-Vereine haben Nachwuchsprobleme

Bisher habe der Verein noch ganz gut überlebt, „aber im Moment sieht es grausam aus“, sagt der Vorsitzende. Seit März kamen Corona-bedingt nur etwa zehn bis dreizehn Leute zu den Vereinstreffen. Zu Großtauschtagen, die normalerweise zweimal im Jahr stattfinden, kommen um die 150 Sammler aus verschiedenen Regionen wie Flensburg, Bremen und Hannover zusammen – diese entfallen aktuell ganz.

Überregional ist der Harburger Verein an den Philatelistenverband Norddeutschland angegliedert. Rüdiger Martienß ist 1. Vorsitzender des Verbandes. Am Sammeln selbst habe sich zwar wenig geändert, sagt Martienß, aber auch er konstatiert: „Es fehlen jüngere Sammler. Früher hat mal jedes Kind irgendwann Briefmarken gesammelt. Das ist heute nicht mehr der Fall.“ Weniger Mitglieder, höherer Altersdurchschnitt: So sieht es insgesamt bei norddeutschen Vereinen aus.

Der seit 1949 bestehende Philatelistenverband hat 50 Mitgliedsvereine aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Nordniedersachsen. In Hamburg sind es sechs Vereine, im Umland gibt es auch Hobbyphilatelisten in Schwarzenbek, Norderstedt, Pinneberg oder Lüneburg. Es gebe in Hamburg zwar noch aktive Jugendgruppen, erzählt Martienß, und auch Briefmarken-AGs an Schulen, die von Sammlern betreut würden. Nach dem 16. Lebensjahr würde die Motivation aber abnehmen. „Wir haben denselben Trend wie alle anderen Vereinen auch“, so Martienß. Es fehle auch an Jugendgruppenleitern. „Eine Jugendgruppe aufzubauen, ist verhältnismäßig einfach. Sie nach einem Jahr zu halten, ist aber schon wieder schwieriger.“

Der Harburger Perlbach hofft, dass sein Verein auch fortbesteht, wenn er den Vorsitz mal abgibt. Nach Zwischenstationen in anderen Städten ist er ist inzwischen schon 25 Jahre in Harburg aktiv – mal als stellvertretender Vorsitzender, mal als Schriftführer und nun als erster Vorsitzender: „Ich hoffe, dass sich eines Tages die Zeit wieder so wendet, dass die Leute wieder mehr in die Vereine gehen. Man kann da sehr viel lernen.“

In Hamburg beschäftigen sich nicht nur Sammlervereine mit der Briefmarkenkunde. In Hamburg-Mitte ist außerdem eine der größten Spezialbibliotheken Deutschland zu diesem Thema ansässig. Sie richtet sich an alle Interessierten Post- und Heimatgeschichten, per Fernleihe werden Leser im In- und Ausland beliefert. Die Philatelistische Bibliothek Hamburg entstand, als mehrere Sammler-Vereine ihre Literatur zusammenlegten. 2021 feiert die Bibliothek ihr 50-jähriges Bestehen und wird dann u.a. einen Brief ausstellen, der den Atombombenabwurf von Hiroshima überstanden hat.