Harburg

Neues Stadtteilmagazin bietet Raum für Unartiges

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"Unartig.Harburg": Autorin Joelle Westerfeld (v. l.) mit den Gründerinnen Anna Clarks und Malis Pruns.

"Unartig.Harburg": Autorin Joelle Westerfeld (v. l.) mit den Gründerinnen Anna Clarks und Malis Pruns.

Foto: Kaja Weber / Kaja Weber / HA

Zwei Künstlerinnen haben eine Jugendzeitschrift für Harburg gegründet. Lesen sollen die aber auch Erwachsene.

Hamburg. „Ein Stadtteil, verschiedene Nationalitäten, Identitäten, diverse Kulturen, Vorstellungen und Träume – Harburg. Wie spannend ist das denn?“, schreiben Anna Clarks und Malis Pruns im Vorwort zu ihrem neuen Stadtteilmagazin „Unartig.Harburg“.

Die 32 und 45 Jahre alten Künstlerinnen bilden die Redaktion. Die beiden Frauen haben sich während ihres Studiums an der Harburger Medical School am Schellerdamm kennengelernt. Clarks hat mehrere Jahre lang in Harburg gewohnt und war öfter bei Bezirksversammlungen: „Da ging es ganz oft darum: Was machen die Jugendlichen?“, erzählt sie. So entstand vor einem Jahr die Idee zu „Unartig“: „Um Fragen zu stellen, aber auch um Fragen zu bekommen“, sagt Clarks im Hinblick darauf, wie junge Harburger ihren Stadtteil gestalten möchten.

Junge Harburger schreiben über Vorurteile und Feminismus

Die Künstlerinnen meinen, dabei gehe es nicht nur darum, Bänke zu installieren oder neue Spielplätze zu bauen. „Man braucht gar keine neuen Plätze“, sagt Pruns. Sondern das Gefühl, im öffentlichen Raum gesehen und akzeptiert zu werden. Hier kommt das Magazin ins Spiel, das von Bezirkspolitikern wie Jugenddezernentin Anke Jobmann und dem Stadtteilbeirat unterstützt wird.

In der ersten Ausgabe geht es um alles, was junge Menschen vor Ort bewegt. Neben Corona sind das etwa auch Vorurteile gegenüber ihrem Heimatbezirk, Feminismus und der Einfluss von Sprache auf unsere Gesellschaft. Auf über 60 Seiten geben junge Harburger in Essays und Interviews, aber auch in Liedtexten oder Gedichten Einblick in ihre Lebensrealität. Im Magazin schreiben die jungen Autoren über Orte wie die Lüneburger Straße, Außenmühle, den Stadtpark oder den Binnenhafen. Und über die Vergangenheit des Bezirks.

"Unartig": Eine Plattform für Harburger Jugendliche

„Unartig“ bietet Raum für ungewöhnliche und experimentelle Formen: Eine Autorin hat beispielsweise ein Interview geführt, bei dem ihr Gesprächspartner und sie sich nackt gegenübersaßen. Ihr Magazin verstehen die Gründerinnen als Plattform für jeden: „Auch wenn andere sagen, ‚du kannst nicht schreiben‘, ‚du bist nicht privilegiert‘ oder ‚deine Sprache ist nicht gut genug‘“, sagt Clarks.

Die Autoren selbst sind zwischen 18 und 32 Jahren alt. Einige haben vor der Arbeit für das Magazin noch nie professionell geschrieben. In manchen Fällen haben Clarks und Pruns sie bis zu zwei Monate lang für einen Text begleitet. Das Projekt wird zwar vom Bezirk gefördert. Trotzdem sagt Pruns: „Da steckt ganz viel ehrenamtliche Arbeit drin“. Die Autoren schreiben für eine kleine Aufwandsentschädigung, die Redaktion wurde bei der Produktion von Bekannten unterstützt.

Der 19 Jahre alte Hasip etwa hat seinen Beitrag auf Türkisch geschrieben. Eine befreundete Übersetzerin hat den Text dann für die Redaktion ins Deutsche übertragen. Farzona (27), eine russische Muttersprachlerin, hat ihren Text selbst ins Deutsche übersetzt. Die Arbeit am Magazin habe sie sehr motiviert. „Sie war so begeistert“, erzählen Clarks und Pruns, „sie dachte immer, dass es für sie keine Plattform gibt“. Eigentlich macht Farzona eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Jetzt schreibt sie aber auch regelmäßig und schickt weiter Stücke an Clarks und Pruns.

Jugendmagazin soll die Generationen in Harburg ins Gespräch bringen

Eine weitere Autorin ist Joelle Westerfeld. Die 22-jährige Rapperin arbeitet hauptsächlich online. Ihren Eltern kann sie nicht immer vermitteln, wie ihre Arbeit im virtuellen Raum stattfindet oder wie sich genau finanziert. Zum Magazin sagt sie: „Es ist etwas anderes, wenn man etwas Haptisches in der Hand hat. Wo man zeigen kann: Das habe ich gemacht.“

In einem Text für „Unartig“ vergleicht sie ihre aktuelle Lebenslage mit der ihrer Mutter, als die in ihrem Alter war. Dabei geht es um Schule, Ausbildung, Beziehung, Kinder: „Heutzutage brauchen wir für all das viel länger“, schreibt Westerfeld. Sie reflektiert mit ihrem Text die vielen Möglichkeiten, die ihrer Generation offenstehen. Und, dass diese Privileg und Problem zugleich sein können.

„Es ist ein Magazin von Jugendlichen für alle“, sagt Gründerin Pruns über „Unartig.Harburg“. Am 31. Oktober liegt die erste Ausgabe kostenlos im Bezirk aus. Dann geht der nächste Schritt der Arbeit los: Die Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Am 31. Oktober findet von 14 bis 20 Uhr im Stellwerk eine Release-Veranstaltung statt, an der Autoren, Künstler und Jugenddezernentin Jobmann teilnehmen werden. Kostenlose Tickets für die Veranstaltung und eine Liste der Auslageorte gibt es auf unartig-mag.tumblr.com.

Wer für die kommenden Ausgaben von „Unartig“ schreiben möchte, kann sich per Mail an die Redaktion wenden: unartig.harburg@gmail.com.

Das Redaktionsteam arbeitet in Kooperation mit dem Harburger Kulturwohnzimmer e. V. Der Verein nimmt Spenden für das Projekt entgegen. Unterstützter können sich per Mail anmelden: kulturwohnzimmer@gmail.com.

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