Adolphsens Einsichten

Abstand und die andere Solidarität

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz.

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz.

Foto: Michael Rauhe

Das Mienenspiel sagt viel über uns aus. Der Mund-Nasen-Schutz hält es geheim. Und doch ist er ein Stück gelebte Solidarität.

Harburg. Wir leben hier wie in vielen Ländern in einer Ausnahmesituation. Sie wird weiter andauern. Ein Ende ist nicht abzusehen. Aber es fällt schwer, sich an die Krise durch das Virus zu gewöhnen. Ich erinnere mich an frühere Krisen, besonders an die Schneekatastrophe von 1978. Nachbarn, die sich vorher noch nicht einmal grüßten, schaufelten zusammen Schnee. Und feierten sogar gemeinsam Silvester.

Oder an die Überschwemmung der Oder 2010. Jugendliche fuhren auf eigene Kosten in die Hochwassergebiete, um zu helfen. Überschwemmungen und Katastrophen sind sozusagen normal. Auch normal ist es, dass Menschen zusammenrücken und sich gegenseitig helfen. Die Angst macht uns solidarisch. Die Gemeinsamkeit beruhigt uns.

Die Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung mit Corona sind so ganz anders als unsere Reaktion auf frühere Krisen. Jetzt gibt es kein Zusammenrücken, keine aktive Gemeinsamkeit. Im Gegenteil: 1,5 Meter Abstand halten, in öffentlichen Räumen diese lästigen Masken tragen, Homeoffice und Videokonferenzen. Diese Form der Solidarität wird uns von Oben aufgezwungen. Sie entsteht nicht spontan.

Es ist schwer, immer auf Distanz zu anderen bleiben zu müssen. Wir sind ja nicht nur Körper, die funktionieren. Wir sind mit Gefühlen geschaffen. Wir brauchen den Körperkontakt, nicht nur als Babys. Er gibt Wärme und Vertrauen, schafft Geborgenheit. Wir sind nur lebendig, wenn wir einander berühren und so unsere Gefühle sprechen lassen. Ohne diesen direkten Körperkontakt besteht die Gefahr, dass wir uns von anderen entfremden. Die erzwungene Distanz macht uns Mühe und kann wehtun. Wir leben von Beziehungen. Denn wir sind keine „Ichlinge“, sondern soziale Wesen. Martin Buber, der große jüdische Religionsphilosoph, sagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Die Ich-Du-Wir-Beziehung schafft Verstehen und Verbundenheit.

Auch bunte Masken schaffen Distanz

Wir müssen Masken tragen. Es gibt hübsch verzierte. Angela Merkel trägt eine mit den Farben Deutschlands: Schwarz-Rot-Gold. Es gibt karierte und welche mit Smileys. Aber alle sind lästig. Meine Brille beschlägt. Das schafft Distanz. Wenn ich dem andern nicht in die Augen sehen kann, weil meine Brille beschlagen ist und wenn sein Mund auch noch verdeckt ist, dann ist die Kommunikation erheblich gestört.

Das Mienenspiel sagt so viel über uns. Inzwischen werden Verstöße gegen das Gebot, dieses lästige Ding, in der S-Bahn oder in Bussen zu tragen, mit 80 Euro Strafe geahndet. Aber Masken schützen nicht nur mich, sondern auch die anderen – somit sind sie auch ein Akt der Nächstenliebe.

Ich frage mich deshalb immer wieder, warum bei den Anti-Corona-Demonstrationen so viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewusst ohne Maske demonstrieren und diese verteufeln. Eine weitere durch Corona bedingte Veränderung wird durch das erzwungene Homeoffice bewirkt.

Freunde berichten mir, dass das ungewohnte häusliche Arbeiten auch Vorteile habe. Sie sind frei, ihre Zeit selbst einzuteilen, länger zu schlafen oder eine Mittagspause einzulegen zu der Zeit, wenn sie sie wollen oder brauchen. Viele Unternehmen und Firmen überlegen inzwischen sogar, ob sie so Büroräume einsparen können.

Im Homeoffice kann die Privatsphäre auf der Strecke bleiben

Aber wo es Vorteile gibt, gibt es auch Nachteile. Besonders in Familien mit Kindern. Der tägliche Rhythmus von Videokonferenzen beißt sich mit dem Tagesablauf der Restfamilie und besonders mit den Ansprüchen der Kinder. Wir Pastoren wissen aus Erfahrung, dass in einem Pfarrhaus die fehlende Trennung von privat und dienstlich auf Dauer auch Probleme machen kann. Ich habe es genossen, dass ich am Michel unser Haus verlassen und über den Kirchplatz ins Büro auf der anderen Seite gehen konnte, um dort weiterzuarbeiten. So hatte ich auch eine Privatsphäre.

Manche, die im Homeoffice arbeiten, vermissen zudem die Kontakte bei der Arbeit im Büro. Sie sagen, dass es gut tut, mit den Kollegen nicht nur über die Arbeit oder den unmöglichen Chef zu reden, sondern auch über Privates und sich selbst. Gespräche laufen halt am besten zwischen Sprechen und Hinhören, Fragen und Antworten.

Der Mitarbeiter eines Presseverlags erzählte mir, dass er vier Tage zu Hause arbeitet. Aber ein Tag in der Woche finden sich alle im Büro ein, beachten die Hygienevorschriften, haben aber direkten Kontakt und erfahren zugleich Neues. „Ohne diese Regelung ginge es für mich nicht“, sagt er.

Damit bestätigt er Martin Buber. Der nennt den Dialog „den Grundtyp sozialer Interaktion“. Und folgert daraus: „Am Du werden wir zum Ich.“