Helge Adolphsen

Das 11. Gebot: Du sollst nicht gleichgültig sein!

In der Kolumne „Adolphsens Einsichten“ macht sich der ehemalige Michel-Hauptpastor diesmal Gedanken über den europäischen Holocaust-Gedenktag.

Vor 75 Jahren wurden die letzten Überlebenden des KZ Auschwitz befreit. Am 2. August, dem europäischen Holocaust-Gedenktag, wurde der 500.000 ermordeten Roma und Sinti, aber auch der 6 Millionen getöteten Juden gedacht. Ich musste 21 Jahre alt werden, um das grausame Geschehen hinter diesen Zahlen wahrzunehmen. Als Student entdeckte ich eine Fotodokumentation über Auschwitz. Ich sah fassungslos auf die Bilder der ausgemergelten Häftlinge.

Unvorstellbar und schockiert, was Deutsche, was Menschen anderen Menschen antun können! Ein Überlebender von Auschwitz ist Marian Turski. Er ist jetzt 94 Jahre alt, polnischer Journalist und Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Er hat einen Offenen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg geschrieben. Ihm machen der zunehmende Rassismus, Antisemitismus und die Hassreden Rechtsextremer Sorgen.

Der Brief beginnt mit einem Ereignis 1965. Er hat ein Filmteam nach Auschwitz an den Ort seiner Qualen begleitet, zusammen mit vier jungen Neonazi-Führern aus vier europäischen Ländern. Von allen Vieren war bekannt, dass sie den Holocaust leugneten. Der eine hatte öffentlich erklärt, er gäbe keinem Juden die Hand. Ein Deutscher fragte Turski nach Beweisen dafür, dass in Auschwitz eine Million Juden ermordet wurden. „Das sei doch nur eine Erfindung, um Entschädigungen zu fordern.“ Turski daraufhin: „Und wie sehen Sie die Tatsache, dass mein Vater und mein kleiner Bruder in die Gaskammern getrieben wurden und sie nie wieder jemand gesehen hat?“

„Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen.“

Die Antwort des Holocaustleugners: „Was beweist das? Vielleicht sind sie geflohen. Sie kennen ihr weiteres Schicksal nicht.“ Der 94-Jährige bekennt gegenüber Zuckerberg, wie tief ihn diese Lüge verletzt hat und immer noch schmerzt. Gleichwohl sei das kein Grund, um das Leugnen des Holocaust strafrechtlich zu verfolgen. Die Freiheit und das Recht auf Meinungsäußerungen seien heute ein hohes Gut. Aber es gebe auch Einschränkungen, und zwar da, wo andere oder ganze Gruppen gefährdet sind in ihrer Existenz.

Turski betont die Gefahr antisemitischer Lügenpropaganda: „Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen.“ Es habe sich Schritt für Schritt eingeschlichen. Die Menschen wurden für dumm verkauft. „Sie wurden an eine Lüge nach der anderen gewöhnt, mit Hassrede auf Hassrede überflutet.“ Und am Ende? Da stand die Anstiftung zum Mord. Es scheint ganz einfach: Roma und Sinti, Juden, Untermenschen, lebensunwertes Leben dürfen, können, müssen ausgerottet werden. Turski: „Deshalb ist die Leugnung des Holocaust so tödlich für das demokratische System.“

Der Briefschreiber fordert Zuckerberg dazu auf, Holocaust-Leugner auf Facebook nicht in Erscheinung treten zu lassen. Jetzt hat Facebook erklärt, dass sie gegen Hassreden vorgehen wollen. Der Grund: Im 2. Quartal sind rund 22,5 Millionen Hassreden erschienen. Das sind 9,6 Millionen mehr als im ersten Quartal. Am 2. August sind Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Bischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, gemeinsam nach Auschwitz gereist – nach 75 Jahren also gemeinsam!

Hand in Hand am Ort deutschen Terrors

Sie standen Hand in Hand am Ort deutschen Terrors gegen die Juden und Roma und Sinti. Die beiden sehen mit Sorge, dass viele nichts mehr von KZs wissen wollen und auch nur 25 Prozent der Schüler wissen, was in Auschwitz geschah und wie es dazu kam. Sie betonen in einer gemeinsamen Erklärung, dass Auschwitz durch die Erinnerungskultur unser Selbstverständnis als Bürger dieses demokratischen Staates geprägt habe: Wir verstehen uns als Glieder einer menschlichen Gesellschaft. Deshalb kann es keinen Schlussstrich unter dieses barbarische Geschehen geben. Es ist der bleibende Auftrag von Christen und Juden, an dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erinnern.

Dass sich heute Vertreter von Christen und Juden mit so gegensätzlichen Erinnerungen zwischen Scham und Schmerz treffen, erfreut Marian Turski. Es ist ein Vermächtnis und eine Lehre des Holocaust, die Leugnung des millionenfachen Mordes und Hassreden in den sozialen Medien anzuprangern. Das Aufstehen der Anständigen und Vernünftigen und das couragierte Eintreten für Beleidigte, Verfolgte, Diskriminierte ist das bleibende Vermächtnis des unfassbaren Geschehens von Auschwitz.

Denn wozu Hass, Verblendung und Verschwörungstheorie führen können, haben die Attentate von Halle und Hanau und auch der Mord an Walter Lübke, dem Regierungspräsidenten, gezeigt.

Im Januar dieses Jahres zitierte Marian Turski in einer weltweit beachteten Rede in Auschwitz einen Freund: „Das elfte Gebot lautet: ‚Du sollst nicht gleichgültig sein.“