Rangierbahnhof Maschen

Kuppler und Bergmeister im nächtlichen Einsatz

Manfred Stobrave, Leiter des Rangierbahnhofs in Maschen, steht an einer der Gleisanlagen.

Manfred Stobrave, Leiter des Rangierbahnhofs in Maschen, steht an einer der Gleisanlagen.

Foto: Philipp Schulze / dpa

Fast 300 Kilometer Gleise und etwa 900 Signale: Der Rangierbahnhof in Maschen ist der größte Europas. Hier wird rund um die Uhr gearbeitet.

Maschen.  Der Bergmeister sitzt hoch über der gewaltigen Anlage, bei ihm laufen in dieser Nacht die Fäden zusammen. Sein Gesicht wird nur von dem Schein der drei Bildschirme erhellt, sonst ist es dunkel da oben. Die großen Fenster bieten einen grandiosen Überblick über das weit verzweigte Gleissystem im orangefarbenen Licht Hunderter Lampen, am Horizont die Skyline von Hamburg. Mit dem roten Nothaltknopf kann der Bergmeister alles da draußen zum Stehen bringen. Wie die größte Modelleisenbahn der Welt sieht es in dieser klaren Sommernacht aus, doch das ist es nicht, keineswegs.

„Das ist der größte Rangierbahnhof Europas, wir sind Europameister“, sagt Leiter Manfred Stobrave. Der studierte Maschinenbauer ist 59 und seit 36 Jahren bei der Bahn. Der Rangierbahnhof Maschen ist sieben Kilometer lang und 700 Meter breit. Eingeweiht wurde die Anlage am 7. Juli 1977, genau sieben Jahre nach dem ersten Spatenstich. Mit der Inbetriebnahme verloren fünf Rangierbahnhöfe in Hamburg zumindest einen Teil ihrer Aufgaben. Jahrzehntelang hatten täglich über 2000 Güterwagen mehrfach umgestellt werden müssen, weil die Zugbildung verteilt war. Die neue Anlage war weit effizienter und auch sicherer.

„Wir arbeiten rund um die Uhr, kompletten Stillstand gibt es nie“, sagt Stobrave. 700 Menschen arbeiten hier, geschafft wird im Sommer wie im Winter, 365 Tage im Jahr, auch Weihnachten. „Heute Nacht sind hier mit den Lokführern rund 120 Mann im Einsatz“, sagt Stobrave.

Die maximale Rangierleistung liegt bei rund 4000 Waggons pro System am Tag. Die beiden Rangiersysteme Nord-Süd und Süd-Nord haben für Ein- und Ausfahrt jeweils einen Bereich. Bis zu 100 ankommende und abfahrende Güterzüge werden werktags hier insgesamt „behandelt“, also zerlegt und neu zusammengestellt. Es gibt Werkstätten, auch die Instandsetzung arbeitet Tag und Nacht. Größer ist weltweit nur der Rangierbahnhof Bailey Yard der Union Pacific im US-Bundesstaat Nebraska.

Als internationales Drehkreuz verbindet Maschen den Norden Deutschlands mit dem Hinterland und Skandinavien. Nicht nur die Waggons aus dem Hamburger Hafen werden hier für die Weiterfahrt zusammengestellt, auch aus Bremerhaven, Cuxhaven, Stade, Lübeck und Kiel kommen welche oder fahren von hier dorthin. Rund 40 Ziele werden angesteuert. Ganz in der Nähe ist die Autobahn 7, doch von dort ist die von Waldstreifen umgebene Anlage am Rand des niedersächsischen Örtchens Maschen nicht zu sehen, viele Autofahrer kennen nur das nach ihm benannte Maschener Kreuz.

Insgesamt gibt es in Maschen 272 Kilometer Schienen, 750 Weichen und 590.000 Schwellen. Rund 900 Signale sind zu beachten. Auf dem Gelände stehen 27 Brücken und 2800 Masten. „Bundesweit hat die Bahn neun Rangierbahnhöfe von überregionaler Bedeutung“, sagt Stobrave.

Ein Löser öffnet die Bremsleitungen und löst die Kupplungen

Neben Maschen seien das die Anlagen in Seelze bei Hannover, Halle (Saale), Köln-Gremberg, Mannheim, Nürnberg, Seddin, München und Kornwestheim. Züge von bis zu 835 Metern Länge stellen sie hier zusammen, das können 40 Waggons und mehr sein.

Die Trennstellen sind zuvor in den sogenannten Rangierlisten markiert worden. Ein Löser öffnet die Bremsleitungen und löst die Kupplungen, sie wiegen jeweils mehr als 30 Kilogramm, dann macht er Meldung an den Bergmeister. „Das ist derjenige, der die Zerlegung steuert“, erklärt Stobrave.

Die Rangierlok kommt, dann übernimmt der Bergmeister per Rechner von oben. Der Lokführer greift nur im Notfall ein. Der Vergleicher kontrolliert den vorbeifahrenden Zug dabei unten im Gelände auf dem Weg zum Ablaufberg. Von dem gut drei Meter hohen Hügel rollen die Waggons dann auf eines der insgesamt 88 Richtungsgleise, auf denen die neuen Züge zusammengestellt werden; Computer, Waagen im Gleis und Radarstationen überwachen das. „Sogar der Wind wird dabei mit einberechnet“, sagt Stobrave.

Die Arbeit ist alles andere als ungefährlich

Der flache Förderwagen schiebt die Waggons dann vollautomatisch zusammen, er wird mit einem Stahlseil bewegt. Disponenten haben aus den vorab übermittelten Daten die Vorarbeit schon vor Eintreffen der Züge gemacht. Der Kuppler macht aus den Waggons dann am Ende den neuen Zug, wenn er Kupplungen und Bremsschläuche verbindet.

Die Arbeit ist nicht ungefährlich, nicht nur wegen der heranrollenden Waggons, tonnenschwer. Die Ladung kann brennbar, giftig oder explosiv sein. Für den Unglücksfall steht eine eigene Feuerwehr bereit. Einen schweren Unfall gab es seit vielen Jahren nicht mehr.

„Msof“ leuchtet es in gelben Buchstaben an einem der beiden großen Stellwerke hoch über der Anlage, das stehe für „Maschen Süd-Ost Fahrdienstleiter“, erklärt Stobrave. In dieser Nacht ist Peter Bagdahn Bergmeister des Systems Süd-Nord mit 48 Richtungsgleisen.

„Ich bin seit 1972 bei der Bahn, Bergmeister bin ich seit ‘89“, sagt er. Bagdahn wirkt ganz ruhig und gelassen, viel schnacken ist nicht sein Ding. Die Sprache hier ist klar wie im Hafen. Eine Weile ist es ganz still, der Zug aus Lüneburg fährt im Hintergrund vorbei, es ist die Strecke Hannover-Hamburg. Dann quietscht draußen beim Bremsen wieder leise einer der rollenden Waggons, ein Kollege meldet sich über Sprechfunk. „12 bis 17, 67er, jawoll“, sagt Bagdahn nur, das sind die Kürzel für die Gleise.

Bagdahn liebt seinen Job. „Es wird nie langweilig. Es passiert immer irgendetwas“, sagt der 62-Jährige. „Ich mache gerne Nachtdienst, Frühdienst eher nicht“, meint Bagdahn. „Die Arbeit ist die gleiche, aber es ist stiller.“ Er wird noch bis 6 Uhr am Morgen da oben sitzen, dann ist es schon wieder hell.

Das Güterdrehkreuz des Nordens

Als internationales Drehkreuz und größter seiner Art in Europa verbindet der Rangierbahnhof Maschen den Norden Deutschlands mit dem Hinterland und Skandinavien. Von hier aus werden nicht nur die Waggons aus dem Hamburger Hafen für die Weiterfahrt zusammengestellt, auch aus anderen Seehäfen wie Bremerhaven, Lübeck und Kiel kommen welche oder fahren dorthin.

Rund 40 Ziele werden angesteuert. Insgesamt gibt es in Maschen fast 300 Kilometer Schienen, 750 Weichen und 590 000 Schwellen. Rund 900 Signale sind auf dem riesigen Gelände zu beachten.

Die Anlage wurde am 7. Juli 1977 eingeweiht, genau sieben Jahre nach dem ersten Spatenstich.

In Maschen arbeiten etwa 700 Menschen. Der Betrieb läuft 365 Tage im Jahr rund um die Uhr. Nachts sind etwa 120 Mann im Einsatz. Züge von bis zu 835 Metern Länge werden zusammengestellt, das können 40 Waggons und mehr sein.

Größer ist weltweit nur der Rangierbahnhof Bailey Yard der Union Pacific im US-Bundesstaat Nebraska.