Erfolgsgeschichte

2015 aus dem Irak geflüchtet, jetzt Einser-Abiturientin

| Lesedauer: 9 Minuten
Hanna Kastendieck
Selbstbewusst und optimistisch blickt Sandy Alqas Botros in die Zukunft: Sie floh vor fünf Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Jetzt hat sie ihr Abitur mit der Note 1,6 bestanden.

Selbstbewusst und optimistisch blickt Sandy Alqas Botros in die Zukunft: Sie floh vor fünf Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Jetzt hat sie ihr Abitur mit der Note 1,6 bestanden.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Sandy Alqas Botros flüchtete vor fünf Jahren aus dem Irak. Alle katholischen Gymnasien lehnten sie ab – bis auf eines.

Hamburg.  Auf diese Abiturientin ist das Niels-Stensen-Gymnasium (NSG) besonders stolz: Schülerin Sandy Alqas Botros hat ihr Abitur mit der Durchschnittsnote 1,6 bestanden. „Eine Glanzleistung“, wie ihr Lehrer und Förderer Tomasz Lucas betont. „Wir sind stolz auf diese Schülerin und froh, dass wir ihr eine Chance geben konnten.“

Dass die 21-Jährige, die vor fünf Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen ist, überhaupt die Möglichkeit bekommen hat, in Deutschland ihr Abitur zu machen, ist auch ein Verdienst des katholischen Gymnasiums in Harburg. Das NSG gab dem Mädchen 2017 die Chance, das Gymnasium an der Hastedtstraße zu besuchen – entgegen der Empfehlungen der Schulbehörde. Diese hatte der damals 17-Jährigen die Anerkennung ihrer Schulzeugnisse aus dem Irak verweigert und den Besuch eines Gymnasiums für unmöglich erklärt.

Sandy: „Danke, dass ihr an mich geglaubt habt!“

Stattdessen wurde der jungen Frau angeraten, eine Berufsausbildung zu machen oder alternativ eine Stadtteilschule zu besuchen. Doch Sandy kämpfte für ihren eigenen Weg. Jetzt hat sie ihr Ziel erreicht. Nach nur fünf Jahren in Deutschland hat die Irakerin ihre Abiturprüfung mit einer Eins vor dem Komma bestanden.

Sandy Alqas Botros‘ Geschichte ist nicht nur ein Beispiel für den erfolgreichen Werdegang einer ehrgeizigen jungen Frau, die als Geflüchtete aus dem Irak 2015 nach Deutschland gekommen ist, um hier für ihre Zukunft zu arbeiten. Sie macht auch deutlich, welche Chancen vergeben werden können, wenn behördliche Vorgaben nicht hinterfragt werden. „Hätten die Lehrer vom Niels-Stensen-Gymnasium mir nicht eine Chance gegeben, ich hätte meine Schullaufbahn in Hamburg nicht so erfolgreich abschließen können“, sagt die Abiturientin. „Danke, dass ihr an mich geglaubt habt!“

In der Heimat hatte sie schon berufliche Pläne geschmiedet

Dabei hat sie sich nie vorstellen können, dass sie einmal darum würde betteln müssen, zur Schule gehen zu dürfen. In ihrer Heimat gehörte sie zu den Klassenbesten, hatte bereits berufliche Pläne geschmiedet. Sie wollte Medizin studieren, Ärztin werden. Doch dann kam der Terror. Die Familie, die aufgrund ihres katholischen Glaubens zur Minderheit in Mossul gehörte, wurde vom „Islamischen Staat“ bedroht, drangsaliert und schließlich zur Flucht gezwungen. Sandy erinnert sich noch genau an den Tag, als ihre Eltern und ihr Bruder die Stadt verlassen mussten. „Ich habe alles zurückgelassen“, sagt sie. „Nur ein paar Schulbücher habe ich eingepackt.“

Über die Türkei floh die Familie mit einem kleinen Boot nach Griechenland und weiter nach Deutschland. Die ersten sechs Monate in Hamburg verbrachten sie in einer Flüchtlingsunterkunft. Zu Weihnachten schenkte ihr ein Deutscher eine Armbanduhr. Sie sollte Sandy eine gute Zeit in Deutschland bescheren.

2018 sprach sie als jüngste Rednerin bei der Plan-Jahreskonferenz in Genf

Es war die erste von vielen glücklichen Begegnungen und Bekanntschaften, die Sandy und ihre Familie in Hamburg machen durften. „Ein Mann hat uns eine Wohnung in Wellingsbüttel angeboten, ein anderer hat meinem Vater bei der Jobsuche geholfen“, sagt Sandy. „Auch bei der Suche nach einem Gymnasium für Sandy fand sich ein Unterstützer. „Er hat sämtliche katholische Schulen in Hamburg angerufen“, sagt sie. „Alle haben abgelehnt. Nur das NSG hat mich zum Gespräch eingeladen.“ Dem katholischen Gymnasium war es egal, dass Sandys Zeugnisse hier nicht anerkannt werden. Zum Schuljahr 2017/2018 wurde die junge Irakerin in der zehnten Klasse aufgenommen.

Und die Schülerin nutzte ihre Chance, verbesserte Stück für Stück ihre Noten. Sie zeigte allen, dass sie keine ist, die gottergeben wartet, dass sich Chancen auftun und Türen öffnen. Lieber klopfte sie selber an, suchte nach Wegen und arbeitet für ihre Ziele. „Ich fühle mich unwohl, wenn ich unproduktiv bin“, sagt sie. Also wurde sie auch außerhalb der Schule aktiv, engagierte sich bei Plan International. Das Kinderhilfswerk mit Sitz in Hamburg setzt sich weltweit für die Chancen und Rechte von Mädchen und Jungen ein. Beim Projekt „Youth Advocat“ machte sie sich stark für die politische Teilhabe von Geflüchteten. 2018 sprach sie als jüngste Rednerin bei der Jahreskonferenz in Genf. Die Erfahrung auf der internationalen politischen Bühne haben sie noch selbstbewusster gemacht.

Schulnoten wurden von Semester zu Semester besser

„Seitdem habe ich mir auch in der Schule mehr zugetraut“, sagt sie. „Meine Noten sind von Semester zu Semester immer besser geworden.“ Der eigentliche Antrieb aber für ihre guten Leistungen seien die Lehrer gewesen, die ihr immer wieder Mut gemacht hätten. „Sie haben mich stets motiviert, gesagt, dass ich Fortschritte mache – obwohl meine Arbeiten am Anfang schrecklich waren. Und sie haben mich aufgefordert, von der Schulzeit im Irak zu erzählen. Das Interesse und Vertrauen hat mir sehr geholfen.“

Das NSG

  • Das Niels-Stensen-Gymnasium (NSG) ist ein katholisches Gymnasium in Harburg. Es wurde 2003 als Zweigstelle der Sophie-Barat-Schule gegründet.
  • Die Räume der Schule sind in dem denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Feuerwache an der Hastedtstraße sowie in einem angrenzen Neubau an der Haeckelstraße untergebracht.
  • Der Schulbetrieb wurde mit zwei fünften Klassen im Jahr 2003 begonnen. 2006 folgte die staatliche Anerkennung als Gymnasium, in diesem Jahr wurde die Schule dreizügig.
  • Der Unterricht der Oberstufe begann im Jahr 2009. Zwei Jahre später bezogen Teile des Gymnasiums einen Neubau an der Haeckelstraße.
  • Die Trägerschaft aller katholischen Schulen in Hamburg ging 2017 vom Katholischen Schulverband Hamburg auf das Erzbistum Hamburg über.
  • 2018 wurde bekannt, dass das Gymnasium zusammen mit weiteren vier der 21 katholischen Schulen in Hamburg geschlossen werden soll.
  • Die Schließung des Gymnasiums aus wirtschaftlichen Gründen soll binnen fünf Jahren erfolgen.
  • In die freiwerdenden Gebäude soll dann die katholische Schule Harburg ziehen, die aktuell am Reeseberg untergebracht ist.

Die Lehrer waren es auch, die der Schülerin in der zehnten Klasse zu einem Stipendium bei der Frauendorfer Förderstiftung verhalfen. Das Bildungsprogramm verfolgt das Ziel, Schüler dabei zu unterstützen, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen und auf diese Weise ihren Weg zum Abitur zu finden. „Hier habe ich das nötige Rüstzeug für die Oberstufe bekommen“, sagt Sandy. Für die Abiturprüfungen hat sie außerdem mit einem ehemaligen Mathe- und Physiklehrer aus ihrer Nachbarschaft geübt. Bei den mündlichen Abi-Prüfungen in Mathematik machte sie 15 Punkte, eine Eins Plus.

Sandy ist froh, dass sie sich damals nicht hat entmutigen lassen, als ihr in der Berufsschule gesagt worden war, dass sie niemals ihr Abitur auf einem deutschen Gymnasium schaffen würde. Und dankbar, dass es immer wieder Menschen an ihrer Seite gab, die sie unterstützt und gefördert haben. Genau das möchte auch sie künftig für andere Betroffene tun. Ab dem Wintersemester will Sandy Alqas Botros in Hamburg Jura studieren mit dem Schwerpunkt Internationale Politik. „Durch mein Engagement bei Plan International habe ich gemerkt, dass in der Politik eine Persönlichkeit mit Fluchterfahrung fehlt. Jemand, der fühlt, was Flüchtlinge fühlen und der sich in der Politik für die Betroffenen einsetzt“, sagt sie. „Mein Ziel ist, zu zeigen, dass Flüchtlinge nicht weniger wert sind, nur weil sie aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind. Sie brauchen eine Stimme in Deutschland. Und diese möchte ich ihnen geben.“

Plan International

  • Plan International ist als Kinderhilfswerk auf drei Kontinenten aktiv. Mit zahlreichen Projekten zu sechs Wirkungsbereichen trägt die von Spenden abhängige Einrichtung in Afrika, Asien und Lateinamerika dazu bei, die Lebenswelten von Kindern, ihrer Familien und ihrer Gemeinden nachhaltig und dauerhaft zu verbessern.
  • Die unabhängige Organisation leistet Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe.
  • Das Ziel: Mädchen und Jungen sollen weltweit die gleichen Rechte und Chancen haben und ihre Zukunft aktiv gestalten. Um das zu erreichen, setzt die Einrichtung in den Partnerländern effizient und transparent Projekte zur nachhaltigen Gemeindeentwicklung um und reagieren schnell auf Notlagen und Katastrophen, die das Leben von Kindern bedrohen.
  • In mehr als 75 Ländern arbeiten Plan Hand in Hand mit Kindern, Jugendlichen, Unterstützenden und Partnern jeden Geschlechts, um unser globales Ziel zu erreichen: 100 Millionen Mädchen sollen lernen, leiten, entscheiden und ihr volles Potenzial entfalten.
  • Die nachhaltigste Art zu helfen ist eine Kinderpatenschaft. Mit nur 92 Cent am Tag unterstützt ein Pate sein Patenkind, dessen Familie und Gemeinde.

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