Hamburg

Bezirksamt bremst Harburger Massagestudio aus – seit Wochen

| Lesedauer: 5 Minuten
Lars Hansen
Aranya Chanchuchai und Andreas Michel wollten schon vor zwei Wochen ihr Massagestudio eröffnen. Das Bezirksamt bremst sie aus.

Aranya Chanchuchai und Andreas Michel wollten schon vor zwei Wochen ihr Massagestudio eröffnen. Das Bezirksamt bremst sie aus.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Betreiber warten auf eine Genehmigung für ihren Betrieb. Vermutet das Bezirksamt sexuelle Dienstleistungen?

Harburg.  Bei Nachfragen, wie sehr denn Corona die Verwaltungsabläufe beeinträchtige, war die Antwort des Harburger Bezirksamts in den zurückliegenden Monaten stets: Ziemlich wenig. Das läge daran, dass das Bezirksamt Harburg sowohl was die Abläufe als auch was die Möglichkeit der Heimarbeit angeht im Vergleich zu anderen Bezirken relativ weit fortgeschritten sei, so dass die Verwaltung auch bei geschlossenen Rathaustüren funktioniert. Außerdem würden in dringenden Angelegenheiten, die persönliches Erscheinen erfordern, Termine vereinbart und ermöglicht.

Gewerbeschein lässt seit Wochen auf sich warten

Was Andreas Michel und seine Partnerin Aranya Chanchuchai erlebten, als sie ihren Betrieb von Neu Wulmstorf nach Harburg verlegten, spricht allerdings eine andere Sprache. Der Gewerbeschein, üblicherweise eine Angelegenheit weniger Tage, wenn man den Angaben glaubt, die die Freie und Hansestadt Hamburg auf ihrem Internet-Portal macht, lässt seit Wochen auf sich warten.

Unter anderem, weil es bei aller Digitalisierung anscheinend immer noch eines analogen Eingangsstempels mit Datum und Tinte bedarf, damit das Zentrum für Wirtschaft, Bauen und Umwelt des Bezirksamtes Harburg sich mit eingereichten Unterlagen befasst. Wahrscheinlich aber auch, weil die beiden Unternehmer Massagen anbieten und das Bezirksamt bezweifelt, dass sich die Dienstleistungen im normalen gesetzlichen Rahmen bewegen.

Traditionelle Thai-Massage – keine Erotik

„Sbay Massagen“ bietet traditionelle thailändische Massagen an. Und das ist missverständlich. Während die traditionelle thailändische Massage eigentlich eine reine Gesundheitsdienstleistung ist, firmieren unter dieser und unter ähnlichen Bezeichnungen auch sexuelle Dienstleisterinnen.

Ein deutlich lesbares Schild mit den Worten „Keine Erotik!“ an der Tür von „Sbay“ soll deshalb die falschen Kunden von vornherein aus dem Geschäft heraushalten und klar machen: hier geht es darum, Beschwerden zu lindern und nicht darum, Bedürfnisse zu befriedigen. „Unsere Kunden kommen zu uns, weil sie Schmerzen haben“, sagt Michel, „und meistens gelingt es Frau Chanchuchai, den Klienten diese Schmerzen weg zu massieren.“

Aranya Chanchuchai erlernte die ayurvedischen Massagetechniken in einem Institut in ihrer thailändischen Heimat und führt sie hier aus. Andreas Michel kümmert sich um Verwaltung und Haustechnik: „Auch ich habe Kurse in Thailand besucht, aber nur Thailänder dürfen die Techniken anwenden.“

Kundschaft aus Harburg war der Weg nach Neu Wulmstorf zu weit

Drei Jahre lang hatten die zwei ihr Massagestudio in Neu Wulmstorf, weil dort die Gewerbemieten günstiger waren. Ein Großteil der Kunden kam allerdings aus Harburg und beschwerte sich gerne über die lange Anfahrt. Also wurden Räume in Harburg gesucht, an der Eißendorfer Straße gefunden und der Umzug geplant.

Daran, dass die Gewerbeanmeldung ein wirkliches Hindernis sein könnte, dachten die beiden nicht: „In Neu Wulmstorf war das damals mit einem Gang aufs Amt erledigt und auf der Internetseite der Stadt Hamburg stand etwas von wenigen Tagen, also rief ich Mitte Juni dort an und fragte, wo und wie ich denn Corona-gerecht meinen Antrag abgeben könnte“, sagt Andreas Michel.

Doch so einfach, wie in Neu Wulmstorf, ist es in Harburg anscheinend nicht: Andreas Michel solle zunächst einen genehmigten Antrag auf Nutzungsänderung für seine Räume vom Bauamt beibringen, wurde ihm telefonisch aufgetragen.

Nutzungsänderung muss genehmigt werden

„Das war unter den mitzubringenden Unterlagen im Internetauftritt der Stadt nicht verzeichnet“, sagt Michel, „und soweit ich weiß, mussten unsere Vormieter, ein Imbiss, ein Computerladen und ein Ingenieurbüro, auch keine Nutzungsänderung genehmigen lassen.“

Für den Antrag musste Michel einen Architekten finden und beauftragen. Der brauchte auch noch einmal einige Tage, bis das Dokument fertig war. Michel brachte den Antrag zum Rathaus-Briefkasten. Der geplante Eröffnungstermin war verstrichen. „Als ich letzten Mittwoch Post vom Bezirksamt erhielt, dachte ich, nun wäre die Genehmigung da.

Aber weit gefehlt: Ich sollte eine genaue Betriebsbeschreibung nachreichen. Insbesondere sollte ich dabei sicherstellen, dass nicht von Erotikdiensten auszugehen ist. Nur war eine Betriebsbeschreibung mit explizit diesem Satz schon im Gutachten des Architekten enthalten“, sagt er.

Zweimal Betriebsbeschreibung verfasst

Michel verfasste über Nacht eine weitere Betriebsbeschreibung und rief morgens im Bauamt an, wann er diese denn im Sinne eines schnelleren Verfahrens vorbeibringen könnte.

Das ginge nicht, antwortete die Sachbearbeiterin; schließlich sei sie wegen Corona im Homeoffice, dort allerdings auch nur an zwei Tagen pro Woche telefonisch zu sprechen. Michels Frage, ob er die Betriebsbeschreibung per Email senden könne, wurde verneint. „Es muss ein Posteingangsstempel vorhanden sein“, heißt es.

Fragen des Abendblatts, welche juristische Funktion der analoge Stempel hat, wer ihn vergibt und wie ein eingangsabgestempeltes Dokument vom Rathaus ins Homeoffice der Sachbearbeiter kommt, konnte die Pressestelle des Bezirksamtes nicht innerhalb eines halben Tages beantworten. Andreas Michel und Aranya Chanchuchai müssen sich weiter in Geduld üben: Vor dem Ende dieser Woche wird ihr Antrag nicht weiter bearbeitet, wurde Michel gesagt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg