Pandemie

So setzen Hamburger Heime die geltenden Corona-Regeln um

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Peter Wenig
Endlich wieder Besuch: Pflegebedürftige leiden besonders unter sozialer Isolation.

Endlich wieder Besuch: Pflegebedürftige leiden besonders unter sozialer Isolation.

Foto: Imago

Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den aktuelle Lockerungen. Was Bewohner und Besucher jetzt beachten sollten.

Hamburg. Die Bewohner von Pflegeheimen waren von den Corona-Auflagen besonders betroffen. Um sie vor dem Virus zu schützen, mussten sie über Wochen auf Besuche ihrer Angehörigen weitgehend verzichten. Inzwischen haben sich die Regelungen gelockert. Doch wie sieht die Realität in den Heimen nun aus? Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche Regeln gelten jetzt für Besuche in Pflegeheimen?

Seit dem 1. Juli dürfen die Pflegeheimbewohner für insgesamt mindestens drei Stunden pro Woche bis zu zwei Besucher gleichzeitig empfangen. Findet der Besuch in den Außenbereichen statt, entfällt die Zeitbeschränkung. Kinder unter 14 Jahren dürfen nur in Begleitung eines Erwachsenen kommen. Die Regelung, dass der Bewohner sich für drei „Bezugspersonen“ entscheiden muss, die ihn besuchen dürfen, entfällt. Bei den Besuchen gilt das Abstandsgebot sowie die Pflicht zum Tragen eines Mund-NasenSchutzes.

Für 15 Minuten ist laut Senatsverfügung „ein unmittelbarer Körperkontakt zwischen den Besuchenden und den pflegebedürftigen oder betreuungsbedürftigen Personen pro Besuch erlaubt“. Alle Besuche müssen angemeldet werden, die Heime sind verpflichtet, die Daten der Besucher zu erfassen und zu speichern. Jeder Besucher muss versichern, dass er keine Symptome einer Covid-19-Erkrankung hat.

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Warum gehen die Lockerungen nicht noch weiter?

Bewohner von Pflegeheimen gehören durch ihr Alter und ihre gesundheitlichen Probleme zur Risikogruppe. Wie verheerend sich eine Corona-Infektion in einem Heim auswirken kann, zeigte sich im März im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg. Dort steckte sich rund die Hälfe der 165 überwiegend an Demenz leidenden Bewohner an. Mindestens 43 Bewohner starben im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Laut Alzheimer Forschung Initiative (AFI) steigt bei einer Demenzerkrankung im fortgeschrittenen Stadium die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten wie Lungenentzündungen. Dies führe oft zu einem besonders schweren Verlauf von Covid-19.

Warum handhaben die Heime die Regeln unterschiedlich?

Sehr bewusst lässt der Senat den Heimen Spielraum, etwa bei der Entscheidung, wo die Besuche stattfinden. Dazu heißt es in der Verfügung: „Besuche ... sollten vornehmlich in den Außenbereichen oder dort errichteten Raumeinheiten oder dafür eingerichteten Besuchsräumen stattfinden.“ Wie dies ausgestaltet wird, hängt auch von Ausstattung und Lage der Heime ab. Ein Heim, das über große Gartenanlagen verfügt, kann eher auf Besuche im Außenbereich setzen.

Wie sehen die Regelungen im Detail in den Heimen aus?

Grundsätzlich gilt: Jeder Besucher sollte sich vorab genau erkundigen. Immer wieder kommt es vor, dass Besucher spontan zu Angehörigen fahren („wir waren gerade mal in der Nähe“) und dann enttäuscht sind, dass das Heim einen Besuch nicht möglich machen kann. Die Regelungen sind sehr unterschiedlich. Pflegen & Wohnen, mit 13 Standorten und 2690 Plätzen größter privater Pflegeheim-Betreiber in Hamburg, setzt auf feste Besuchszeiten, eine vorherige telefonische Anmeldung ist also nicht mehr notwendig. Stattdessen gelten nun für jedes Haus Besuchszeiten. Die Besucher melden sich beim Besucherdienst an und nach Beendigung wieder ab. Besuche im Zimmer sind erlaubt, die Leitung empfiehlt jedoch, Außenbereiche oder Besucherräume zu nutzen.

Beim Hospital zum Heiligen Geist (rund 700 Bewohner in der stationären Pflege) in Poppenbüttel müssen sich die Besucher telefonisch anmelden. Die Besuche sollen außerhalb der Einrichtung stattfinden, um das Infektionsrisiko niedrig zu halten. „Unser Gelände bietet viele Möglichkeiten der Begegnung und Kommunikation. Auf ausdrücklichen Wunsch und bei palliativen bzw. bettlägerigen Bewohnern sind Besuche auch innerhalb der Einrichtung und in den jeweiligen Bewohnerzimmern möglich.“

Auch die Häuser der Wagner-Holding (zehn Heime in Hamburg, darunter Parkdomizil in Bahrenfeld und Stadtdomizil auf St. Pauli) setzen „vorrangig auf Besuche in den Außenbereichen, gerne als Spaziergänge oder auch Ausflüge“. Im Zimmer selbst sollen Besuche möglichst nur bei Bewohnern stattfinden, die ihr Zimmer aus gesundheitlichen Gründen nicht verlassen können.

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Was sehen die Heime kritisch?

Für Irritationen hat unter den Betreibern die Erlaubnis für Körperkontakt ausgelöst. „Die Regelung suggeriert den Besuchern, dass es bei Unterschreiten dieser Kontaktzeit keine Ansteckungsgefahr gibt. Das ist natürlich komplett falsch“, schreibt das Unternehmen auf Abendblatt-Anfrage. Dennoch habe man „vollstes Verständnis, dass man sich nach so langer Zeit wieder in den Arm nehmen möchte. Jeder Besucher und der Bewohner müsse daher selbst entscheiden, welches Ansteckungsrisiko sie eingehen wollen“.

Wie hoch ist der Aufwand?

Immens. „Teilweise kommen die Verwaltungskräfte gar nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit. Es werden Überstunden gemacht oder zusätzliche Mitarbeiter beschäftigt“, schreibt die Wagner-Holding. Dies gelte auch für den Aufwand in der Pflege, um die Besuchstermine abzustimmen oder die Bewohner „ausgehfertig“ zu machen. Die Zusatz- kosten werden noch bis Ende September von den Pflegekassen als Corona-Mehraufwand übernommen, die Heime haben den zusätzlichen Personalbedarf angemeldet. Allerdings bleibt ein minutengenauer Nachweis schwierig, kein Heim kann jedes Telefonat, jede Begleitung eines Bewohners exakt dokumentieren. Die Heime müssen auf unbürokratische Regelungen mit den Kassen hoffen. „Der Mehraufwand sollte auf jeden Fall refinanziert werden, aber bitte nicht zulasten der Pflegebedürftigen“, so die Wagner-
Holding.

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