Harburg

Corona-Krise: Dieser Türgriff-Aufsatz schützt vor Viren

| Lesedauer: 5 Minuten
Lars Hansen
Einfache Handhabung: So funktioniert Precious Plastics Türöffnerhilfe.

Einfache Handhabung: So funktioniert Precious Plastics Türöffnerhilfe.

Foto: Lars Hansen / xl

Die Innovation der Harburger Kunststoffrecycler von Precious Plastik stammt aus dem 3D-Drucker. Wer die Klinken jetzt bauen kann.

Harburg.  Virenschutz und Recycling, wie geht das zusammen? Ganz einfach: Die Harburger Kunststoffrecycler von Precious Plastic haben einen Türgriff-Aufsatz (weiter-)entwickelt, der es erlaubt, Türen zu öffnen und zu schließen, ohne die Türklinke mit den bloßen Händen berühren zu müssen. Jeder, der einen 3-D-Drucker besitzt, kann sich ein solches Teil jetzt bauen.

„Das ist über die Helmut-Schmidt-Universität an uns herangetragen worden“, sagt Precious-Plastic-Aktivist John Cuypers, „und die Helmut-Schmidt-Universität diente da gerade als Multiplikator für die Bundesregierung. Offene Bürgerlabore – wie unseres – sollten aufgerufen werden, ihren Teil zur Corona-Eindämmung beizutragen. Und weil es sich hier um ein Kunststoffprodukt handelt, kam man auf Umweg über die TUHH zu uns.“

Türklinke aus dem 3D-Drucker hilft in Corona-Krise

Die TUHH-Vizepräsidentin Kerstin Kuchta, Professorin für Kreislaufwirtschaft, hat die Recyclinginitiative nämlich ein wenig unter ihre Fittiche genommen, sieht in den Verwertungsenthusiasten eine gute Bindung zwischen Bürgern und Hochschule und unterstützt sie nach Kräften. So hat „Precious Plastic“ gerade Räume in alten TUHH-Gebäuden im Binnenhafen als neues vorübergehendes Quartier bezogen, und auch der 3-D-Drucker auf dem die Recycler die Griffe weiterentwickelten, war eine Leihgabe.

Selbst kann Precious Plastic derzeit zwar Filament – den „Rohstoff“ im 3D-Drucker herstellen, ansonsten aber nur im Formgussverfahren fertigen. „Und auch das können wir derzeit nicht, weil wir das ja in unser Freizeit betreiben und es gerade nicht angesagt ist sich in der Freizeit zu treffen“, sagt Cuypers, „unter anderen Umständen würden wir sonst gießen. Das geht schneller, als drucken.“

Grundidee stammt aus Großbritannien

Neu erfunden haben die Harburger die Türgriffverlängerung nicht: „Die Grundidee stammt aus Großbritannien“, sagt John Cuypers. „Man schraubt einen Winkel auf die Klinke, damit man den – bekleideten – Unterarm durchschieben, die Klinke drücken und die Tür bewegen kann. Außer Bargeld geht nichts so oft durch verschiedene Hände, wie eine Türklinke. In Kliniken kennt man das Problem schon lange und auch bei normalen Leuten spricht sich das Keimrisiko Klinke herum.“

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Von der praktischen Umsetzung in Deutschland war die britische Grundidee jedoch noch etwas entfernt. „Wir mussten viele verschiedene Modelle entwickeln, damit auf jede hier gängige Klinke eines passt“, sagt Cuypers. „Die englischen passten nirgends. Ich glaube, auch in England nicht.“ So tüftelten verschiedene Köpfe der Gruppe jeder an seinem oder ihrem Rechner und kam mit unterschiedlichen Modellen. Hundertprozentig passgenau sind sie immer noch nicht, denn Klinkendesigner genießen eine hohe künstlerische Freiheit, „aber mit ein paar Streifen Gummi bekommen wir fast alle Klinken jetzt in den Griff“, freut sich John Cuypers.

Prototypen sind recyceltes Plastik

Die Prototypen, die er gedruckt hat, sind tatsächlich aus Recycling-Filament. „Noch nicht aus unserer Produktion, denn unseres ist noch nicht so gut, auch wenn wir immer weiter kommen“, sagt Cuypers. „Außerdem könnten wir gar nicht solche Mengen produzieren, denn für das Filament braucht man sortenreinen Kunststoffabfall. Aber immerhin sind die Prototypen recyceltes Plastik.“

Drucken lassen sie sich aber auch mit dem handelsüblichen Filament aus Primärkunststoff. Und das ist auch die Idee hinter der Entwicklung: Precious Plastic verschickt die Daten für den 3-D-Druck und überall auf der Welt können Menschen Klinken-Extensionen fertigen. „Es gibt eine hohe Nachfrage“, sagt Cuypers. „Gerade habe ich eine bei einem Bäcker montiert und bei uns im Treppenhaus sind auch schon viele.“

Gruppe will den Recycling-Gedanken weitertragen

Es kann aber auch sein, dass die Klinken erst einmal Prototypen bleiben. „Ich habe mit der Wirtschaftsbehörde gesprochen, um eventuell mehr Drucker zu bekommen“, sagt Cuypers, „aber dort sagte man, man wolle alle 3-D-Druck-Kapazität zunächst für die Fertigung von Schutzmasken einsetzen.“ Masken hin, Klinken her: Das gute Dutzend Aktive von „Precious Plastic“ würde gern so schnell wie möglich mit der eigentlichen Arbeit weitermachen: Den Recycling-Gedanken weitertragen, indem man vorführt, wie einfach es geht.

Das ist der Grundgedanke der Precious-Plastic-Gruppen, die es mittlerweile weltweit gibt. Die meisten Maschinen dazu lassen sich mit wenig Geld und etwas Geschick selbst herstellen. Aktuell wartet ein besonderes Baby auf seine Erprobung in der Gruppe: Eine Sortieranlage, die per Spektrometer die Kunststoffart erfasst und dem Wegwerfenden anzeigt, in welchen Schacht der Annahmestelle sein Wertstoff gehört. „Das kann man auch im Supermarkt aufstellen“, sagt Cuypers „und für jeden richtigen Einwurf gibt es dann Treuepunkte.“

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