Chemtrails und Co

Professor der TUHH verbreitet Verschwörungstheorien

Flugzeuge haben zahlreiche Kondensstreifen am blauen Himmel hinterlassen. Manche vermuten dahinter eine Verschwörung.

Flugzeuge haben zahlreiche Kondensstreifen am blauen Himmel hinterlassen. Manche vermuten dahinter eine Verschwörung.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Studierende haben einen offenen Brief verfasst, in dem sie den Forscher auffordern, sich an wissenschaftliche Prinzipien zu halten.

Hamburg. Das Studierendenparlament der Technischen Universität Hamburg (TUHH) wirft Professor Ralf Otterpohl, dem Leiter des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz, in einem offenen Brief die Verbreitung von Verschwörungstheorien vor.

In dem am Sonnabend auf der Webseite des Studierendenparlaments veröffentlichten Schreiben, das dem Abendblatt vor der Publikation vorlag, werfen die Studierenden dem Professor vor, „unwissenschaftliche Inhalte in seine Lehre einzubauen, die teilweise sogar als Verschwörungstheorien verstanden werden“. Sie appellieren an den Professor, seine „Forschung und Lehre durch das Einbringen unwissenschaftlicher Inhalte und Praktiken nicht zu diskreditieren“.

"Chemtrails" in Vorlesungen: Vorwürfe gegen Professor

Es ist nicht das erste Mal, dass Ralf Otterpohl die Verbreitung unwissenschaftlicher Inhalte vorgeworfen wird. Im November 2019 berichtete das ARD-Format „Kontraste“ über den TUHH-Professor. In dem Beitrag wird ein Student zitiert, der Otterpohl vorwirft, in seiner Vorlesung die Verschwörungstheorie der „Chemtrails“ verbreitet zu haben. Das Präsidium der TUHH verwies in dem Beitrag darauf, dass es bisher keine Beschwerden über die Lehrtätigkeit Otterpohls seitens der Studierenden gegeben habe.

Aufgrund dieses Beitrags sei das Studierendenparlament tätig geworden, erklärte Präsident Marius Stübbe dem Abendblatt. „Mit dem offenen Brief wollen wir im Namen aller Studierenden Stellung nehmen und protestieren“, sagte Stübbe, Es seien mehrere Beschwerden bei ihnen eingegangen in Bezug auf Otterpohl. In dem offenen Brief bezieht sich das Studierendenparlament auch auf eine E-Mail Otterpohls, die dieser am 29. Oktober 2019 an die Teilnehmer des Kurses „Rural Development and Resources Oriented Sanitation for Different Climate Zones“ verschickte.

Professor schreibt über den "CO2-Mythos"

Darin spricht er von einem "CO2-Mythos“. Die Studierenden werfen ihm deshalb vor, den Einfluss von Kohlendioxid auf den menschengemachten Klimawandel zu leugnen. Laut den Studierenden sind dies Aussagen Otterpohls, die der „wissenschaftlichen Faktenlage stark widersprechen“.

Die E-Mail ist dabei nicht die einzige Quelle, in der Otterpohl über einen "CO2-Mythos" spricht. Auf der Webseite „gartenring.org“, bei der Otterpohl unter Angabe seiner Professur an der TUHH aktiv ist, verfasste er mehrere Beiträge, in denen er sich mit der Auswirkung von Kohlenstoffdioxid auf das Klima beschäftigt. Im Beitrag „CO2-Business Klima-Killer Nr 1“ vom 13. Dezember 2019 wiederholt er die wesentlichen Aussagen der E-Mail an die Seminarteilnehmer.

Otterpohl wiederholt "längst widerlegte Argumente"

Das CO₂ spiele „beim Klima eine kleine Nebenrolle“, so Otterpohl. „Bisher hat niemand die 2000 Euro angefordert, die ich auf eine plausible Erklärung der überragenden Hauptrolle von CO2 ausgesetzt habe.“ Der Verweis auf die vermeintlich geringe Klimawirkung von Kohlenstoffdioxid sowie das Angebot einer Summe von 2000 Euro tauchen auch in der E-Mail an die Studierenden auf.

Chemtrails: eine Verschwörungstheorie

  • Die "Chemtrail"-Verschwörungstheorie existiert seit den 1990er-Jahren.
  • Die Anhänger behaupten, dass Flugzeuge weltweit Chemikalien in der Atmosphäre versprühen.
  • Sie sind sich allerdings uneins, zu welchem Zweck die Chemikalien versprüht werden würden.
  • Einige gehen davon aus, dass die Chemikalien die Menschen vergiften sollen, andere sehen dahinter Bemühungen gegen den Klimawandel oder eine gezielte Bevölkerungsreduktion.
  • Als Beweis führen sie angeblich unnatürliche Kondensstreifen am Himmel an.
  • Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz von "Chemtrails"

Das Abendblatt hat die zentrale Passage des Beitrags Martin Claußen vorgelegt, Professor für Allgemeine Meteorologie an der Universität Hamburg und Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie. „Diese These ist in ihrer Einseitigkeit längst widerlegt“, sagte Claußen. Die Passage verkenne die komplexen Wechselwirkungen des Klimasystems, unterschätze damit die möglichen Folgen des Klimawandels und ignoriere den gegenwärtigen Forschungsstand.

Auch eine zweite Passage Otterpohls aus dem Online-Beitrag „CO2-Dogma ist Klimakiller Nr.1“ vom 6. Juli 2019 kritisierte Claußen. In dem Text hatte der TUHH-Professor einen direkten Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre und Temperaturanstiegen bezweifelt. „Auch hier wird der aktuelle Stand der Palaeoklimaforschung ausgeblendet und dieselben alten, längst widerlegten Argumente hervorgeholt“, sagte Claußen.

TUHH will mit umstrittenem Professor sprechen

Darüber hinaus verweist Ralf Otterpohl im Beitrag „Geomantie und Geo-Engineering“ (Geomantie ist eine esoterische Praxis, mit der angebliche Gitternetze in der Erde aufgespürt werden sollen) vom 20. November 2019 auf eine andere Webseite mit „wissenschaftlichen Publikationen“. Einige der dort aufgeführten Beiträge verbreiten die Verschwörungstheorie der Chemtrails.

Mit dem offenen Brief ist die bisherige Position der TUHH, wonach keine offizielle Beschwerde der Studierenden gegenüber Otterpohl vorliege, nicht länger haltbar. Auf Nachfrage erklärte die TUHH in einer offiziellen Stellungnahme: „Das Präsidium und Studiendekanat der TUHH nehmen diese Kritik sehr ernst und zum Anlass, die angesprochenen Sachverhalte zu prüfen. Ein gemeinsames Gespräch zwischen dem Präsidium, dem Studiendekanat sowie dem kritisierten Professor wird unmittelbar vorbereitet.“

Ein Gespräch des Abendblatts mit Ralf Otterpohl, in dem dieser zu den Vorwürfen hätte Stellung nehmen können, lehnte die TUHH ab. Wie es mit dem Professor weitergehen wird, dürfte sich in nächster Zeit entscheiden. Die Studierenden zeigen sich in ihrem offenen Brief gesprächsbereit. „Wir möchten deutlich machen, dass wir nicht Ihre Professur an der TUHH in Frage stellen wollen, da wir einige Ihrer Forschungsschwerpunkte für äußerst relevant zur Lösung aktueller Probleme halten.“