Harburg
Technische Universität

Studentische Hilfskräfte fordern einen Tarifvertrag

Vertreter der Studierendeninitiative TVStud Hamburg und der Mittelbau Initiative Hamburg (u.a. wissenschaftliche Mitarbeiter) demonstriertenvor der Wissenschaftsbehörde gegen Befristungen von Uni-Jobs

Vertreter der Studierendeninitiative TVStud Hamburg und der Mittelbau Initiative Hamburg (u.a. wissenschaftliche Mitarbeiter) demonstriertenvor der Wissenschaftsbehörde gegen Befristungen von Uni-Jobs

Foto: Marc Hasse (FMG)

Initiative TVstud formiert sich auch an der TUHH. Studierende wollen mehr Sicherheit.

Harburg. Eigentlich sollte Björn Spiekermann (21) gerade lernen. Momentan ist Klausurenphase. Er studiert Schiffbau im dritten Bachelor-Semester an der Technischen Universität. Nebenher arbeitet er seit knapp einem Jahr als studentische Hilfskraft am Institut für Schiffsmaschinenbau, zuletzt an einem Versuch mit Schiffsmotoren. Da der Motor eine ganze Halle füllt, musste er gemeinsam mit seinen Kollegen zunächst einen neuen Versuchsstand aus Container-Elementen und einem Stahlgerüst bauen. Er musste schweißen und flexen, außerdem die Statik der Konstruktion berechnen. Demnächst soll er ein Handbuch über die richtige Handhabung des gigantischen Schiffsmotors schreiben.

Gruppe fordert mehr Sicherheit für Uni-Beschäftigte

Eine anspruchsvolle Arbeit, die ihm großen Spaß macht. Trotzdem engagiert sich Björn Spiekermann bei der Initiative „TVStud Hamburg“. Die Gruppe fordert einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte an den Hamburger Universitäten. Momentan bekommen diese 10,44 Euro pro Stunde. Björn Spiekermann findet das zu wenig. Immerhin leisteten die studentischen Hilfskräfte wichtige Arbeit, ohne die Lehre und Forschung an den Universitäten nicht möglich sei. „Es geht aber nicht nur ums Geld“, sagt Spiekermann. Er kritisiert außerdem die hohe Unsicherheit der Beschäftigung. In knapp einem Jahr als studentische Hilfskraft habe er schon drei oder vier Verträge bekommen, jeweils über wenige Monate.

Vertragsverlängerung ist nicht sicher

„Am 1. April läuft mein Vertrag aus. Dann bekomme ich kein Gehalt mehr und kann meine Miete nicht mehr bezahlen oder wie sieht es dann aus?“ Zwar bestehe vermutlich die Möglichkeit, seinen Vertrag zu verlängern. Die Unsicherheit für ihn und seine Kollegen bleibt dennoch.

533 Tutoren und Hilfskräfte an der TUHH

Im vergangenen Jahr waren nach Angaben der TUHH durchschnittlich 533 studentische Hilfskräfte und Tutoren an der Universität beschäftigt, im Dezember 2019 sogar 784. Zahlen zu der durchschnittlichen Vertragsdauer liegen der Universität nicht vor. In dem Vertrag, den die Studierenden mit der Hansestadt Hamburg schließen, ist die Vertragsdauer, Arbeitszeit und Vergütung genau geregelt. Allerdings enthält der Vertrag keinen direkten Hinweis auf die Urlaubsansprüche und das Recht auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Stattdessen verweist der Vertrag lediglich auf die „Leitlinie für die Beschäftigung von studentischen Hilfskräften“. Erst dort ist genau beschrieben, dass die studentischen Hilfskräfte Anspruch auf bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall haben. Viele studentische Hilfskräfte wüssten nichts von ihren Rechten, sagt Marvin Hopp von „TVStud Hamburg“.

Vertragsdauer ist nicht festgelegt

Fehlzeiten aufgrund von Krankheit würden nachgearbeitet, hinzu kämen gerade bei Tutoren vielfach unbezahlte Überstunden. In einer Antwort auf eine Anfrage der Fraktion DIE LINKE in der Hamburger Bürgerschaft widerspricht der Senat dieser Aussage: „Bei Vertragsabschluss werden die studentischen Hilfskräfte über ihre Rechtsansprüche informiert.“ Auch gibt es zumindest an der TUHH keine Regelung, die eine maximale Vertragsdauer von einem Semester vorschreibt.

Kürzlich hatte TVStud vor der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung protestiert. „Der Senat behauptet, Hamburg sei die ‘Stadt der guten Arbeit’. Gleichzeitig beschäftigt er über 4600 studentische Beschäftigte ohne Tarifvertrag“, sagt Marvin Hopp von TVStud. Für den Protest hatte sich die Gruppe mit der Mittelbau Initiative verbündet. Diese vertritt die Interessen von wissenschaftlichen Angestellten an den Hamburger Universitäten. Deren Stellen fallen zwar unter den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, ansonsten decken sich aber viele Forderungen der beiden Gruppen. „Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit auf wenige Jahre befristeten Verträgen und sind dadurch kontinuierlich von Arbeitslosigkeit bedroht“, sagt Ute Schmiedel von der Mittelbau Initiative. „Arbeit am Wochenende, nach Feierabend oder an Feiertagen ohne Freizeitausgleich ist hierbei bittere Realität. Diese organisierte Selbstausbeutung wollen wir nicht länger hinnehmen!“

Linkspartei und Ver.di unterstützen die Initiative

Unterstützung bekommen die Initiativen von der Linkspartei: „Wir teilen die Forderungen der Initiative“, sagt Martin Dolzer, Abgeordneter in der Hamburgischen Bürgerschaft. „Eine tarifvertragliche Lösung für studentische Hilfskräfte wäre das richtige Signal zur richtigen Zeit.“

Um einen solchen Vertrag überhaupt aushandeln zu können, arbeitet TVStud außerdem mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zusammen. An der TUHH will Björn Spiekermann die junge Initiative im kommenden Semester fest etablieren. „Das Ziel ist jetzt erst einmal, eine möglichst große Gruppe aufzubauen.“ Dann will die Initiative zweigleisig Druck aufbauen. Politisch durch öffentliche Aktionen und auf klassischem Wege: mit Streiks. Diese sollen früher oder später koordiniert an allen Hamburger Universitäten stattfinden. Wenn es nach Björn Spiekermann geht, sogar noch in diesem Jahr.