Ein Jahr nach der Tat

Weiterhin viele Rätsel um Mord an Harburger Apotheker

Spurensicherer kurz nach der Tat in der Lüneburger Straße

Spurensicherer kurz nach der Tat in der Lüneburger Straße

Foto: M. Arning

Der gewaltsame Tod von Mohamed J. vor einem Jahr erschütterte Hamburg. Sind die Täter längst über alle Berge?

Hamburg. Es ist 18 Uhr, als der Apotheker Mohamed J. (48) am 15. Januar 2019 aus der Vivo Apotheke auf die Lüneburger Straße tritt. In einer halben Stunde sei er wieder da, soll er seinen Mitarbeiterinnen gesagt haben. Es sind nur ein paar Schritte zu seinem Haus schräg gegenüber. Das Geschäfts- und Mehrfamilienhaus in der Harburger Fußgängerzone steht weitgehend leer, es wird gerade renoviert.

Der Name des Vereins „Union der Syrer im Ausland Deutschland“ steht auf einem Schild am Hauseingang. Im Obergeschoss soll Mohamed J. ein Büro gehabt haben. Der aus Syrien stammende Apotheker, der schon lange Zeit in Deutschland lebt und mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in einer Villa im Hamburger Stadtteil Harvestehude wohnt, engagierte sich im Verein für Flüchtlinge aus Syrien.

Mohamed J. geht in das Haus in der Lüneburger Straße. Gut eine Stunde später tritt er wieder auf die Straße. Er ist schwer verletzt, taumelt, bricht vor den Augen von Passanten blutüberströmt zusammen. Menschen eilen zu Hilfe. Eine Streifenwagenbesatzung, die gerade im Drogeriemarkt gegenüber einen Ladendieb gefasst hat, ist zur Stelle. Der am Boden liegende Apotheker ist bei Bewusstsein – aber nicht mehr ansprechbar. Ein Notarzt kämpft um sein Leben. Vergeblich: Mohamed J. stirbt wenig später im Krankenhaus.

Apotheker wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen

Der Apotheker ist Opfer eines brutalen Verbrechens geworden, wie es Harburg so noch nicht erlebt hatte. Mohamed J.s Mörder waren mit äußerster Brutalität vorgegangen. Der Apotheker wurde mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Die Täter wirkten mehrfach auf Kopf und Oberkörper ihres Opfers ein und trennten ihm zudem einen Finger ab. Die Polizei stellte im Haus die mutmaßlichen Tatwerkzeuge sicher – eine Axt und einen schweren Hammer. Doch von den Tätern fehlt jede Spur. Sie sind bis heute nicht gefasst.

Der Fall erschütterte die Harburger wie kaum ein Zweiter. Der freundliche Apotheker war bei seinen Kunden beliebt – und darüber hinaus wegen seines politischen Engagements für Flüchtlinge und als öffentlich bekennender Gegner des Assad-Regimes in Syrien stadtbekannt. Während die Polizei an der Aufklärung des Verbrechens arbeitete, legten Angehörige, Freunde, Bekannte und Kunden zum Zeichen ihrer Trauer Blumen vor dem Haus des Apothekers nieder und entzündeten Kerzen.

Gleichwohl gab es auch Stimmen, wonach J. mit einigen Geschäftspartnern angeblich nicht besonders zimperlich umgegangen sein soll. Er hatte sich als Referent auf einer Veranstaltung des DRK in Harburg zudem als Mitglied einer syrischen Schattenregierung bezeichnet. Spekulationen schossen ins Kraut. J. habe dem Geschäftsinhaber des Restaurants „Syrischer Hof“ in der Lüneburger Straße seinen Mietvertrag gekündigt, nachdem J. erfahren habe, dass sich der Vater des Restaurantbesitzers für das Assad-Regime stark mache. War J. womöglich Opfer syrischer Geheimdienste?

Mordkommission arbeitete mit Hochdruck

Die Mordkommission arbeitete mit Hochdruck an der Aufklärung, sicherte Spuren am Tatort, befragte Zeugen und Geschäftsleute, durchsuchte das Gebäude mehrfach. In einem Mülleimer in der Lüneburger Straße fanden Beamte eine schwarze Jacke und Schuhe, nahmen sie als Beweisstücke mit.

Polizeihund Beppo nahm die Fährte auf. Sie führte von der Lüneburger Straße durch einen Fußgängertunnel ins Parkhaus am Krummholzberg. Es wurde von einem Großaufgebot der Polizei durchsucht.

Bilder aus einer Überwachungskamera wurden ausgewertet. Ins Visier der Fahnder gerieten zwei Syrer, 22 und 29 Jahre alt. Sei wurden festgenommen, ihre Wohnungen durchsucht. Das Restaurant „Syrischer Hof“ direkt neben der Vivo Apotheke wurde durchsucht und Beweise gesichert. Mittlerweile ist das Restaurant geschlossen. Die jungen Betreiber kamen wieder auf freien Fuß.

Mohamed J. wurde am 22. Januar 2019 unter Anteilnahme von 200 Menschen auf dem islamischen Teil des Öjendorfer Friedhofs beigesetzt.

Täter bis heute nicht gefasst

Wie kann es sein, dass ein Mord mitten in der belebten Harburger Innenstadt geschieht – und die Täter bis heute nicht gefasst wurden? Das fragen sich auch ein Jahr nach dem Verbrechen immer noch viele Harburger. Mohamed J. habe ihm an dem tragischen Abend freundlich zugewinkt, als er aus der Apotheke kam, erinnert sich der Verkäufer in einem Modeladen. Eine Stunde später habe er vor seinem Laden gestanden und eine Zigarette geraucht, als ein Mann aus dem Eingang des Nachbarhauses nebenan auf die Straße fiel. „Ich dachte, es sei ein Betrunkener“, sagt der Verkäufer. Doch es war Mohamed J., der Apotheker. „Es ist schlimm. Vor allem, weil wir nicht wissen, wer die Täter sind“, sagt er. Seinen Namen nennt er nicht – aus Angst. Mitarbeiterinnen im Drogeriemarkt erinnern sich.

„Ich fand es beschämend, dass irgendwelche Leute die Blumen und Kerzen zum Andenken an Mohamed J. wenige Tage nach seinem Tod einfach auf die Straße geworfen haben“, sagt eine Kassiererin. In der Vivo-Apotheke geht der Betrieb unter neuer Führung weiter. Der neue Geschäftsführer glaubt, dass man die Täter niemals finden werde. Die Polizei habe Fingerabdrücke am Tatort gefunden, könne diese aber niemanden zuordnen. Vermutlich seien die Täter längst über alle Berge.

Die Witwe von Mohamed J. habe den Tod ihres Mannes bis heute nicht verarbeitet, ergänzen seine Mitarbeiterinnen. Dass am ersten Jahrestag heute wieder jemand Blumen am Tatort niederlegt, sei sehr wahrscheinlich.