Prozess in Hamburg

Polizist erfasst Fußgänger tödlich – mit Tempo 125

| Lesedauer: 5 Minuten
Jan-Eric Lindner
Vor dem Amtsgericht Harburg muss sich seit dem 8. Januar 2020 der Hamburger Polizist Gregor L. verantworten. Dem 36-Jährigen (links hinter einem Aktendeckel versteckt), der mittlerweile in der "Soko Autoposer" Dienst tut, wird vorgeworfen bei einer Einsatzfahrt fahrlässig einen Fußgänger getötet zu haben.

Vor dem Amtsgericht Harburg muss sich seit dem 8. Januar 2020 der Hamburger Polizist Gregor L. verantworten. Dem 36-Jährigen (links hinter einem Aktendeckel versteckt), der mittlerweile in der "Soko Autoposer" Dienst tut, wird vorgeworfen bei einer Einsatzfahrt fahrlässig einen Fußgänger getötet zu haben.

Foto: Jan-Eric Lindner / HA

Der Beamte war bei einer Fahndung durch Harburg gerast. Ein 24-Jähriger starb. Der Angeklagte arbeitet jetzt bei der Soko Autoposer.

Hamburg. Mit welcher Geschwindigkeit darf ein Polizeibeamter einen Streifenwagen durch die Stadt steuern? Rechtfertigt die Chance, einen Straftäter zu fassen, hohe und höchste Geschwindigkeiten? Vor dem Harburger Amtsgericht muss sich seit Mittwoch ein 36 Jahre alter Polizeibeamter verantworten, dem die fahrlässige Tötung des 24 Jahre alten Fußgängers Tim A. vorgeworfen wird. Der Polizist soll seinen Streifenwagen auf der Harburger Chaussee auf bis zu 125 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben, bevor sich das Unglück dort ereignete.

Es war der frühe Abend des 11. Mai 2018. Der Polizist Gregor L. hatte mit seinem jungen Kollegen Pierre René B. am Wilhelmsburger Platz Knöllchen verteilt, als der Funkspruch eines Kollegen die beiden aus der Routine riss. Der Kollege des Kommissariats 44 hatte an der Georg-Wilhelm-Straße einen mutmaßlichen Sexualstraftäter wiedererkannt, ihn festzunehmen versucht und war an dessen Widerstand gescheitert. Nun forderte er über Funk Verstärkung an.

Polizist erfasst Fußgänger – Fahndung nach Sexualtraftäter

Gregor L. und Pierre René waren nur rund einen Kilometer von dem Ort entfernt, an dem der Kollege – außer Atem – den Funkspruch abgesetzt hatte. Gregor L. saß am Steuer des Mercedes. Er gab Gas. „Man schaut sich an, ist sich einig. Und dann geht es los“: So beschrieb es der Pierre B., der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, gestern vor der Amtsrichterin. Die Beamten donnerten über die Harburger Chaussee in Richtung Wilhelmsburg, als in Höhe der Hausnummer 73 plötzlich Tim A. auf die Fahrbahn trat.

Der Streifenwagen erfasste den Mann mit der linken vorderen Seite, schleuderte den Körper in die Luft, gegen ein geparktes Fahrzeug und einen Wagen im Gegenverkehr. Tim A. starb noch an der Unfallstelle.

Gutachter entdecken 50 Meter lange Bremsspur

Ein Gutachter stellte eine knapp 50 Meter lange Bremsspur fest und errechnete die Maximalgeschwindigkeit sowie die vermutete Geschwindigkeit von noch immer 110 km/h beim Zusammenstoß – ein gewaltiger Aufprall, der kaum zu überleben ist. Zu den Fragen, die seit jener verhängnisvollen Sekunde zu klären sind, zählt auch diejenige nach den Beweggründen des Unfallopfers, die Straße an jener Stelle zu überqueren.

Tim A. kam offenbar aus seiner Wohnung und wollte zu seinem Auto. Die nahe Bedarfsampel nutzte er nicht. In der Erinnerung des Unfallfahrers war Tim A., dessen Eltern und Geschwister im Verfahren als Nebenkläger auftreten, zunächst links vor ihm aufgetaucht, kurz stehen geblieben und dann weitergegangen. Erinnerungen, die aber infolge des schweren Schocks, den der Beamte erlitt, eingetrübt sein könnten.

Der Fahrer erinnert sich auch, dass die Fahrbahn trocken, die Sicht gut und die Straße vor ihm frei gewesen sei. In den ersten beiden Punkten stimmt die Erinnerung hier mit der seines Einsatzpartners überein. Doch meint dieser, sich heute an dichten Verkehr zu erinnern, wie er an einem frühen Freitagabend durchaus typisch wäre.

Polizist spricht Hinterbliebenen sein Beileid aus

Der Unfallfahrer ließ seine Anwältin Ina Franck nach Verlesung der Anklage eine Erklärung vortragen, in der er der Familie des Getöteten sein tiefes Mitgefühl und Beileid ausspricht. Er wisse, dass alle Erklärungsversuche in den Ohren der Hinterbliebenen wie Verhöhnung klingen müssten. Aber jeder Mensch erwarte doch, dass die Polizei im Falle eines Falles schnell vor Ort sei.

Doch wie schnell ist zu schnell – und wie langsam ist zu langsam? Selbstverständlich gibt es Anhaltspunkte zur Klärung dieser Fragen: Sogenannte Sonderrechtsfahrten sind nach Paragraf 35 der Straßenverkehrsordnung geregelt. Darin steht, dass die allgemeinen Richtlinien für Fahrzeuge, die zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben unterwegs sind in dringend gebotenen Fällen aufgehoben werden können.

Angeklagter nach Unfall lange krankgeschrieben

Selbstverständlich gibt es aber Einschränkungen. Die Beamten müssen jederzeit die öffentliche Sicherheit und Ordnung berücksichtigen. Laut den gültigen Richtlinien hätte Gregor L. den Streifenwagen auf der belebten Harburger Chaussee, auf der eine Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h gilt, mit maximal 80 km/h befahren dürfen – ungeachtet des Zwecks der Einsatzfahrt.

Ihm sei das durchaus bewusst, sagte Gregor L. unter Tränen im Gerichtssaal. Er ist seit dem Unfall in psychologischer Betreuung. Den Hinterbliebenen sei am meisten daran gelegen, klarzustellen, dass der Sohn und Bruder keinesfalls betrunken gewesen seien oder unter Drogen gestanden habe, sagte ihr Anwalt gestern.

Die Familie erlebe weiter unermessliches Leid, hege aber keinen Hass auf den Polizeibeamten. Gregor L. war nach dem Vorfall lange krankgeschrieben. Inzwischen arbeitet er nicht mehr in Wilhelmsburg, sondern für die „Soko Autoposer“, die darauf spezialisiert ist, Raser mit technisch manipulierten Boliden aus dem Verkehr zu ziehen.

Ein Urteil soll Ende Januar gesprochen werden.

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