Harburg
Umwelt

Klimafolge: Harburger Förster kämpfen mit Borkenkäferplage

Waldeigentümer Norbert Leben und Förster Arne Holst (l.) stehen an einem Erdloch. Hier wurde der Boden untersucht, um die richtigen Baumarten für diesen Standort zu ermitteln.

Waldeigentümer Norbert Leben und Förster Arne Holst (l.) stehen an einem Erdloch. Hier wurde der Boden untersucht, um die richtigen Baumarten für diesen Standort zu ermitteln.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer haben auch im Landkreis Harburg viele Baumbestände zerstört. Fichte besonders bedroht.

Undeloh.  „Wir verbrennen im Moment ganz, ganz viel Geld. Ich kenne Waldbesitzer, denen beim Anblick ihrer von Borkenkäfern befallenen Bestände die Tränen kommen.“ Das sagt Waldeigentümer Norbert Leben, Präsident des Waldbesitzerverbandes Niedersachsen, über den Zustand der Wälder im Landkreis Harburg. Auch zwischen Neu Wulmstorf und Egestorf haben die Förster und Waldbesitzer mit den zunehmenden Wetterextremen zu kämpfen und versuchen ihre Wälder so umzubauen, dass sie den Folgen des Klimawandels besser widerstehen können.

Fatale Abfolge von extremen Wetterlagen

Die Wälder im Landkreis leiden unter einer fatalen Abfolge von Wetterextremen. Im Oktober 2017 warfen die Sturmtiefs Xavier und Herwart sehr viele Bäume um, produzierten weit mehr Sturmholz als der Markt aufnehmen konnte. Auch viele Bäume, die den Stürmen stand hielten, trugen Schäden davon. Der starke Wind hatte sie ins Straucheln gebracht und dabei Feinwurzeln abgerissen. Dies wirkte sich fatal aus, als wenige Monate später, im April 2018, eine Dürreperiode einsetzte, die – mit wenigen Unterbrechungen – bis zum Oktober 2018 andauerte.

Wasservorrat wurde im Winter nicht aufgefüllt

„Im folgenden Winter wurde der Wasservorrat nicht wieder aufgefüllt. Und in diesem Sommer gab es eine weitere Trockenperiode. Das setzte den Bäumen stark zu. In den vergangenen 13 Monaten war es durchgängig zu warm und zu trocken. So etwas gab es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nicht“, sagt Arne Holst, Förster bei der Forstbetriebsgemeinschaft Egestorf-Hanstedt, eine von vier Zusammenschlüssen privater Waldbesitzer unter der Regie der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Auch Norbert Leben ist mit seinen 36 Hektar Wald in der Betriebsgemeinschaft organisiert.

Von der Dürre profitieren die größten Feinde der Fichten, die Borkenkäfer. Die Bäume wehren sich mit verstärktem Harzfluss gegen die Attacken der Schädlinge. Durch die Trockenheit haben die Fichten weniger Harz gebildet – die Käfer hatten leichtes Spiel. Und sie überwinterten in so großer Zahl, dass im Frühjahr 2019 drei- bis viermal so viel Borkenkäfer ausgeflogen sind als üblich und den nächsten Vermehrungszyklus gestartet haben. 2018 war die Hälfte des Einschlags Schadholz, 2019 sieht es wohl kaum besser aus: „Überall, wo Fichten stehen, haben wir Schäden“, so Holst. Leben schätzt, „dass wir auf 200 bis 250 Hektar einen Totalschaden haben“.

Forstwirtschaft nicht mehr kostendeckend

Unter solchen Vorzeichen ist die Forstwirtschaft nicht mehr kostendeckend. Leben: „Der Holzpreis ist total zusammengebrochen. 2017 haben wir noch 75 bis 85 Euro für den Festmeter erlöst, heute sind es, wenn’s gut läuft, 40 Euro.“ Oftmals reiche das Geld nicht aus, um die von Borkenkäfern befallenen Bestände schnellstmöglich auszuräumen (alles, was als Nistmaterial taugt, zu entfernen) und anschließend nachzupflanzen, um neue, möglichst stabile Bestände aufzubauen. Um diesem deutschlandweiten Problem zu begegnen, stellen der Bund in den kommenden vier Jahren 547 Millionen Euro und die Bundesländer noch einmal gut 240 Millionen Euro für den Waldumbau zur Verfügung.

Wie sieht der Wald in 60 Jahren aus?

Doch welcher Wald wird sich in 50, 60 Jahren in den dann vorherrschenden Klimabedingungen als widerstandsfähig erweisen? Diese Kardinalfrage wurde und wird in zahlreichen Studien versucht zu beantworten. Dabei gibt es angesichts sehr unterschiedlicher Wald­typen, Standorte und Bewirtschaftungsformen kein Patentrezept. Aber mehrere Wegweiser, in welche Richtung der Umbau der Bestände zu klimaangepassten Wäldern erfolgen kann.

Ein wichtiger Ansatz sei die gute Pflege, sagt Holst: „Bestände müssen regelmäßig ausgelichtet werden, damit die verbleibenden Bäume stabiler werden. Der Umfang des Wurzelwerks eines Baumens entspricht seiner Krone. Wer eine gute Krone ausbildet, hat also auch einen festeren Stand.“

Kiefer gilt als besonders klimatolerant

Ein zweiter Ansatz ist die Wahl der Baumarten. „Die Kiefer gehört zu den klimatoleranten Baumarten. Sie hat im Landkreis einen Anteil von knapp 50 Prozent “, sagt Norbert Leben. Soweit sind die heimischen Forsten noch relativ gut aufgestellt, obwohl die Forstleute in diesem Jahr auch die ersten Schäden an Kiefern registrieren mussten. Vor allem aber die Fichte macht ihnen Sorge. Sie macht immerhin ein Fünftel der Bäume aus und soll langfristig durch Arten ersetzt werden, die voraussichtlich besser mit den zukünftigen Klimabedingungen umgehen können. Dazu zählen Douglasie, Roteiche und Küstentanne. Sie kommen vor allem besser mit trockenen Böden zurecht.

Rotbuche reagiert extrem auf Trockenheit

Hinter der Rotbuche, die bis vor wenigen Jahren als wichtigste Baumart galt, um aus monotonen Nadelwäldern ökologisch wertvollere, stabile Mischwälder zu gestalten, stehe „ein dickes Fragezeichen“, so Leben. Deutschlands wichtigster Laubbaum reagiert empfindlich auf Trockenheit. Deshalb ist unklar, ob er sich an das Klima der Zukunft anpassen kann. Erstrecht auf eher trockenen Böden, die im Landkreis mehr als 60 Prozent des Waldbodens ausmachen.

Norbert Leben und Arne Holst stapfen über morsches Reisig auf eine Lichtung, die durch Borkenkäferbefall entstanden ist. Leben bückt sich zu einer kleinen Kiefer herunter, die auf der Freifläche beste Lebensbedingungen hat. In einigen Jahrzehnten wird sie ihren Beitrag leisten, dass es weiterhin idyllische Wälder im Landkreis Harburg gibt.