Öko? Logisch!

Wie Knicks und Schneisen das Stadtklima beeinflussen

Fachplanerin Kerstin Zacher an der Fläche, wo das Baugebiet Grüne Heyde mit viel Grün entstehen soll.

Fachplanerin Kerstin Zacher an der Fläche, wo das Baugebiet Grüne Heyde mit viel Grün entstehen soll.

Foto: Michael Schick

Baugebiete werden mit einem hohen Grünanteil ausgewiesen. Moore werden renaturiert, sie speichern CO2.

Norderstedt.  Der Klimawandel hat Norderstedt erreicht. Ein Teil der Stadtbäume leidet, die Verantwortlichen im Rathaus müssen Extremwetter wie im vorigen Jahr mitbedenken, wenn sie die Grünanlagen für Neubaugebiete planen. Und da heißt ein Leitmotiv: die Kaltluftschneisen nicht zubauen.

„Das Schutzgut Klima ist ein wichtiger Aspekt der räumlichen Planung und Bestandteil der Abwägung in der Bauleitplanung“, heißt es in der Stadtklimaanalyse – externe Gutachter haben die Klimafaktoren untersucht und 2014 Empfehlungen für die Stadtentwicklung formuliert. Und die sind wegen der aktuellen heißen Tage und der Hitze im vorigen Sommer aktueller denn je.

Scheint die Sonne nicht mehr, strahlen die Fassaden Hitze ab

Grünzüge belassen oder erweitern, den Luftaustausch ermöglichen, heißt es da. Die Hitze fängt sich in den Fassaden der bebauten Gebiete und strahlt ab, wenn die Sonne nicht mehr scheint. Auf der anderen Seite bildet sich über unversiegelten Flächen kühlere Luft, die über die Grünzüge hinweg in die Wohn- und Gewerbegebiete zieht und die hohen Temperaturen herunterregelt. Starke Frisch- und Kaltluftträger sind laut Klimaanalyse der Moorbekpark entlang der Bahn bis etwa zum Reiherhagen, die Tarpenbek-niederung und der Ossenmoorpark. „Deswegen ist es für uns ganz wichtig, dass wir bei den großen Neubaugebieten am Harkshörner Weg, Sieben Eichen in Glashütte und Grüne Heyde in Harksheide einen möglichst hohen Grünanteil ausweisen“, sagt Christine Rimka, Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr.

Exemplarisch nennt Kerstin Zacher, Leiterin des Fachbereichs Natur und Landschaft, die Grüne Heyde – zwischen Harckesheyde und Mühlenweg sollen rund 600 Häuser und Wohnungen für etwa 1300 Menschen gebaut werden. 41 Prozent der Fläche sollen grün bleiben, ein enorm hoher Anteil. An diesem Beispiel verdeutlichen Rimka und Zacher einen weiteren Planungsgrundsatz: „Wir wollen und müssen die großen Bäume erhalten, die Bäume sorgen für unsere Lebensqualität“, sagt Zacher.

Sie erfüllen mehrere Funktionen, die für die Menschen immer wichtiger werden: So binden Buchen, Birken und Co das klimaschädliche CO2 und produzieren im Gegenzug Sauerstoff. Baumkronen spenden Schatten und wirken kühlend. Alte Eichen stehen in den Knicks, die das Baugebiet Grüne Heyde durchziehen und zugleich gliedern. „Auch sie leiden, wenn es trocken und heiß ist, sie werden von Schädlingen befallen“, sagt Zacher, aber: Gestandene Exemplare kämen mit dem Klimawandel relativ gut klar.

Weniger robust zeigen sich Jungbäume, die nachgepflanzt werden. „Daher bauen wir möglichst Bewässerungssysteme gleich mit ein, wenn wir neue Bäume pflanzen“, sagt Kerstin Zacher. Zudem wolle die Stadt selbst einen Wald anlegen, wenn sie auf die ins Auge gefassten Flächen im Bereich Kringelkrugweg zugreifen kann.

Neben den Bäumen spielen auch die Moore eine wichtige Rolle als CO2-Speicher. „Wir bemühen uns darum, Flächen im Ohemoor zu bekommen, um dann dafür zu sorgen, dass sie ausreichend bewässert werden“, sagt Rimka. Trocknen sie aus, wäre das fatal, weil die Moore dann CO2 freisetzen.

Wichtiger Teil von Stadtplanung ist es, Regenwasser aufzufangen. Regenteiche sind auch in der Grünen Heyde geplant. Da appellieren Rimka und Zacher an die Bürger, Flächen möglichst nicht zu versiegeln. Kritisch sehen sie die Schottergärten, die immer mehr in Mode kämen, weil die Hausbesitzer wenig Arbeit haben und schon gar nicht Unkraut zupfen wollen. Leider wird, so beklagt der Nabu, Teichfolie unter die Steine gelegt, nachdem der Boden ausgehoben ist. Da könne das Regenwasser nicht abfließen und lande meist in der öffentlichen Kanalisation.

Dächer zu begrünen ist nach Ansicht der Norderstedter Planerinnen ein weiterer Baustein für den Klimaschutz. „Das können wir baurechtlich allerdings nicht vorschreiben. Da sind wir auf die Eigeninitiative der Bauherren angewiesen“, sagt Zacher.

„Die veränderten Klimaverhältnisse machen sich bei uns bemerkbar, weil die Stadtbäume mehr gegossen werden müssen“, sagt Christoph Lorenzen, in der Norderstedter Verwaltung zuständig für die städtischen Bäume. Die Stadt habe eine Firma beauftragt, etwa 300 Bäume zu gießen. Zusätzlich versorgten die Kollegen vom städtischen Bauhof 500 Bäume über spezielle Wassersäcke. „Die für die Pflanzen ohnehin extremen, urbanen Standorte verfügen teilweise nicht über genügend Wurzelraum, um weitere Stressfaktoren abzupuffern“, sagt Lorenzen. Wegen der Trockenheit bilde sich vermehrt Totholz, Bäume stürben sogar komplett ab, was wiederum den Aufwand für die Pflege erhöhe.

Die Baumarten sollen stärker durchmischt werden

Trockenheit und Hitze verursachten stärkeren Insektenbefall. Im Vorjahr seien viele Fichten vom Borkenkäfer befallen gewesen. Auch der Eichenprozessionsspinner, ein Wärme liebendes Insekt, sei seit Kurzem Thema genauso wie der Eichensplintkäfer, der durch Trockenheit gestresste Bäume befällt und sie zum Absterben bringen kann. „Grundsätzlich sollen in Norderstedt heimische Arten gepflanzt werden, und zwar möglichst solche, die in der Nähe produziert wurden“, sagt Lorenzen. Gefällte Bäume würden durch einheimische Arten ersetzt, die sich als relativ klimaresistent erwiesen haben. Dazu zählten Feldahorn, Hainbuche, Traubenkirschen in mehreren Sorten, Zerr-Eiche und Rot-Erle. Aber auch Exoten wie Schnurbaum, Hopfenbuche, Leier-Eiche und Ginkgo kämen zum Einsatz.

„Aus gestalterischen Gründen ersetzen wir aber in einer Lindenallee einen Baum wieder durch eine Linde. Auch in den Knicks kommen keine fremdländischen Bäume in die Erde“, sagt Lorenzen. Wo es aber möglich und sinnvoll sei, würden die Baumarten und -gattungen durchmischt, um eine breite und resistente Vielfalt zu erhalten. Der Norderstedter Baumbestand sei durch die heimischen Gattungen, vornehmlich die Eiche, geprägt. Sie sei glücklicherweise robust und langlebig. Mittelfristig müsse der Bestand allerdings auf ein möglichst breitgefächertes Fundament gestellt werden.