Harburg
Mienenbüttel

Tierversuche: Der lange Kampf gegen das LPT-Versuchslabor

Die Gebäude des Labors in Rade-Mienenbüttel sind durch Nato-Stacheldraht gesichert, in den Zwingern rechts werden die Versuchshunde gehalten.

Die Gebäude des Labors in Rade-Mienenbüttel sind durch Nato-Stacheldraht gesichert, in den Zwingern rechts werden die Versuchshunde gehalten.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Seit 2009 engagiert sich eine lokale Initiative schon gegen das Labor in ihrem Dorf. Ortstermin vor den Protesten.

Mienenbüttel.  Flache Backsteingebäude ducken sich hier am Rand des neuen Gewerbegebiets in Mienenbüttel bei Neu Wulmstorf unter mächtigen Eichen. Die lange Reihe der Hundezwinger dort hinter dem Stacheldraht lässt sich daher zunächst nur ahnen: Erst wenn man auf einem Feldweg näher kommt, schwillt plötzlich vielfaches Hunde-Jaulen auf, das das Grundrauschen der nahen A1 bald völlig übertönt. Manche der Tiere scheinen sich gegen die Gitter zu werfen, immer wieder ist auch ein metallisches Scheppern zu hören: 200 Hunde, 250 Affen und 50 Katzen werden nach Behördenangaben hier in dem Außenlabor der Tierversuchseinrichtung „Laboratory of Pharmacology and Toxicology“ (LPT) gehalten. „Davon kommt keines wieder lebend raus“, sagt Sabine Brauer, die wenig hundert Meter im Nachbardorf Rade wohnt.

„Da kommt keines der Tiere wieder lebend raus“

Die 63-Jährige ist Gründerin der lokalen Initiative „Lobby pro Tier“. Seit zehn Jahren nun schon führt die selbstständige Immobilienkauffrau mit ihren Mitstreitern einen zähen Kampf gegen die Versuche, versucht, Bürger und Politik „aufzurütteln“, organisiert Pressetermine in Mienenbüttel und unterstützt Mahnwachen vor dem LPT-Stammhaus in Neugraben, wo Versuche an kleinen Tieren wie Mäusen und Ratten von den Behörden genehmigt sind.

Und auch mit der Tierschutzorganisation „Soko Tierschutz“ steht sie in engem Kontakt. Dass diese Tierschützer nun nach eigenen Angaben einen Aktivisten „undercover“ in das in der Regel streng abgeschottete Labor einschleusen und mit verstörenden Video-Aufnahmen von blutigen Käfigen und in Apparaten festgeschnallten Affen bundesweites Medienecho erreichen konnten, könnte man laut Sabine Brauer auch zum Teil als Resultat des jahrelangen Engagements vor Ort sehen. „Das ist ein großer Erfolg für 'Soko Tierschutz': Endlich kann man der Öffentlichkeit einmal so direkt zeigen, was Tierversuche wirklich bedeuten“, sagt Brauer, die nun für den heutigen Sonnabend in Neugraben mit einer der größten Tierschutz-Demonstrationen der letzten Jahre rechnet.

Da ist nur eine Hundefarm, hieß es

Das Jaulen und Bellen der vielen Hunde war es auch, das Mitte der 1990er Jahre ihr bei Spaziergängen auffiel, als sie mit Ihrem Mann von Harburg nach Rade gezogen war. Das sei die „Hundefarm“, hieß da im Dorf. Erst später registrierte Sabine Breuer dann, was hinter dem Stacheldraht wirklich passiert: Als ein Wäldchen dort für das neue Gewerbegebiet gerodet wurde, kamen plötzlich die Hundezwinger in den Blick. „Das war für mich die Initialzündung“, sagt Brauer, die sich selbst als „Tierrechtlerin“ bezeichnet, aber aggressive Aktionen strikt ablehnt.

Bereits 1981 wurden Hunde von Tierschützern befreit

Proteste gegen das Labor hatte es aber auch schon vor ihr gegeben. So befreiten bereits 1981 Aktivisten 48 Beagels aus dem Labor, ein Jahr später beschäftigte sich auf Antrag des damaligen Grünen-Politikers Georg M. Fruck der Landtag mit dem Thema. Immer wieder wurde später in Hamburg und Niedersachsen in politischen Gremien darüber diskutiert, immer wieder gab es Empörungswellen, aber an dem eigentlichen Zustand änderte sich nichts, kritisiert Brauer. Noch immer seien Tierversuche erlaubt in Deutschland - obwohl es ihrer Meinung nach Alternativen gebe. „Daran wird einfach zuviel Geld verdient“, glaubt sie. Mit den „schockierenden“ Video-Aufnahmen bestehe nun die Chance, dass auch die Politik reagiert.

Hassbotschaften im Netz gegen Labormitarbeiter

Tatsächlich ist die Empörung diesmal besonders sehr groß. Dem Unternehmen wird von der „Soko Tierschutz“ nicht nur eine grausame Tierhaltung vorgeworfen, sondern auch eine Verfälschung von Ergebnissen, weil ein toter Affe ausgetauscht worden sei. In den Kommentaren des Google-Eintrags von LPT finden sich in der Folge nun etliche regelrechte Hassbotschaften, Mitarbeiten wird da der Tod gewünscht. Nachvollziehbar, dass daher auf Abendblatt-Anfrage niemand bei LPT persönlich Stellung nimmt.

In einer E-Mail des Neugrabener Unternehmens heißt es dann aber, dass man sich nicht zu laufenden Untersuchung äußern möchte, aber mit den Behörden „vollumfänglich“ kooperiere. Das Labor führe „im Zuge der Arzneimittelzulassung“ Auftragsstudien für Kunden durch, heißt es weiter in der Mail. „Dabei handelt es sich um präklinische Prüfungen einer Substanz auf Toxizität, bevor diese in die klinische Prüfung geht, das heißt, am Menschen getestet wird.“ Diese Studien seien vom Gesetzgeber vorgeschrieben und würden von den Behörden genehmigt und begleitet.

Behörden kontrollieren regelmäßig

Tatsächlich kontrollieren die zuständigen Behörden in Hamburg und Niedersachsen das Unternehmen regelmäßig. Offensichtlich ohne bisher Gesetzesverstöße festzustellen. Nach dem großen Medienecho auf das neue Videomaterial ordneten Land und Landkreis Harburg diesmal aber eine neue Prüfung an – und wurden plötzlich fündig und stellten sogar Strafanzeige. 44 Affen seien in deutlich zu kleinen Käfigen gehalten worden, so der Vorwurf. Die Versuche selbst, das Festschnallen der Affen, das Blut in den Käfigen – das ist offenbar nicht Gegenstand der Beanstandungen Nicht alle der veröffentlichen Videos, „die von der Öffentlichkeit zu Recht als grausam empfunden werden“, würden Rechtsverstöße dokumentieren, heißt es in einer Stellungnahme des Kreises dazu.

„Uns geht es ja auch nicht in erster Linie nur um die Schließung von LPT, das eines von vielleicht 100 Laboren im Land ist“, sagt aber Tierschützern Brauer: „Wir müssen als Gesellschaft Tierversuche einfach generell abschaffen.“

Demo gegen Labor

Die Tierschutzorganisationen „Soko Tierschutz“ hat als Reaktion auf die heimlichen Videoaufnahmen für den heutigen Sonnabend zu einer Demonstration in Neugraben aufgerufen. Start soll um 14 Uhr auf dem Neugrabener Markt sein, anschließend werden sich die Teilnehmer auf dem Weg zum LPT-Stammhaus nahe der Francoper Straße machen. „Tierversuche abschaffen, LPT schließen“ ist die Forderung der Demo, zu der nach Veranstalterangaben mehr als 3000 Teilnehmer erwartet werden.

Am Abend von 19 bis 21 Uhr will dann am selben Tag die örtliche Initiative „Lobby pro Tier“ vor dem Außenlabor in Mienenbüttel eine Mahnwache abhalten. Man wolle dort ein „stilles, aber mächtiges Zeichnen“ setzen, so heißt es in einer Ankündigung.