Harburg
Landwirtschaft

Bauern-Protest mit grünen Kreuzen

Auch der Moisburger Landwirt Heinz-Otto Eickhoff hat grüne Kreuze auf seine Felder gestellt.

Auch der Moisburger Landwirt Heinz-Otto Eickhoff hat grüne Kreuze auf seine Felder gestellt.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Auf den Feldern im Landkreis stehen immer mehr grüne Kreuze. Dahinter steckt eine bundesweite Aktion von Bauern, die Angst um ihre Zukunft haben

Moisburg.  Auf dem kurzen Fußweg zu einem dieser grünen Kreuze, die er jetzt in seine Äcker gestellt hat, möchte Heinz-Otto Eickhoff noch kurz ein Maisfeld zeigen: Hier hat der 61-jährige „Kuhbauer aus Leidenschaft“, wie er sich selbst bezeichnet, auch Bohnen dazu gesät. Ein Versuch, um mit den Blüten der Hülsenfrucht Bienen, Hummeln und anderen Insekten Nahrung zu geben und später im Mais-Futter der Kühe auch zusätzliches Eiweiß aus den Bohnen zu bekommen.

Der Moisburger Landwirt experimentiert viel, um moderne Landwirtschaft und ökologische Ansprüche zu kombinieren. Ins Kuhfutter mischt er seit jüngster Zeit auch Knoblauch und Oregano, die natürlich den Stoffwechsel anregen oder – ganz ohne Medikamente – antibakteriell wirken.

Dennoch fühlt sich Eickhoff, wie viele seiner Kollegen, von der Bevölkerung oft falsch verstanden. Massentierhalter, Insektenvernichter – das sind so die Vorwürfe von Menschen, die sich am liebsten eine Bullerbü-Idylle als Landwirtschaft vorstellen, wie er sagt. Hinzu kommt nun noch das vor wenigen Tagen verabschiedete Agrarpaket der Bundesregierung, das auf solche Stimmungen reagiert und wieder neue und zusätzliche Auflagen für die Landwirte bringt.

Blühstreifen sollen verbreitert werden

Fördergelder werden da an Umweltauflagen geknüpft, viele Pflanzenschutzmittel sollen vom Markt verschwinden, Blühstreifen an Gewässern von fünf auf 20 Metern verbreitert werden – alles ohne finanziellen Ausgleich. Überall im Land rammen Bauern daher seit kurzem schlichte, grüne Holz-Kreuze in ihre Felder. Im Landkreis Harburg und vor allem im Landkreis Stade sind davon immer mehr zu beobachten. „Ein stummer Protest gegen das Aussterben eines grünen Berufes“, wie Eickhoff sagt.

Ausgangspunkt diese Aktion ist ein promovierter Agraringenieur aus dem Rheinland, der als „Bauer Willi“ einen oft spitz formulierten Landwirtschaftsblog im Internet betreibt. Und da hält er der landwirtschaftskritischen Bevölkerung gerne einen Spiegel vor: Wer Hähnchen für 2,79 Euro kauft, gebe das Recht ab, sich über Massentierhaltung zu beschweren, heißt es da schon einmal.

Grüne Kreuze statt Treckerkorso

„Die Leute kaufen sich einen originalen Weber-Grill für 800 Euro und braten dann darauf das Würstchen für 79 Cent, das passt nicht zusammen“, argumentiert „Bauer Willi“ und fordert seine Kollegen zum Aufstellen der grünen Kreuze auf. Als Protest – aber auch um zu informieren: „Das Abfackeln von alten Reifen, einen Treckerkorso oder das Bespritzen von Gebäuden mit Gülle wie es die Franzosen machen, würde uns sicher nicht das Wohlwollen unserer Mitbürger einbringen“, schreibt er und stellte vor wenigen Wochen an einer Bundesstraße das erste grüne Kreuz auf, was sich unter seinen Kollegen in den sozialen Netzwerken in Windeseile verbreitet hat.

„Wir werden erzählen, dass dieses Agrarpaket nicht nur die Existenz unserer Betriebe gefährdet, sondern auch die Versorgung der Bevölkerung mit regionalen Lebensmitteln“, schrieb „Bauer Willi“ weiter und traf damit offensichtlich einen Nerv.

„Die Bevölkerung hat sich auf uns eingeschossen“

So eben auch bei der Familie Eickhoff. „Die Bevölkerung hat sich auf uns eingeschossen“, sagt Heinz-Otto Eickhoff und nennt ein Beispiel. „Wenn wir den Raps aus Rücksicht auf die Bienen nachts spritzen, wenn sie nicht mehr fliegen, heißt es, wir hätten ein schlechtes Gewissen und wollen dabei nicht gesehen werden.“ Doch nur Bio – das funktioniere eben auch nicht. „Dann hätten wir gut 25 Prozent weniger Erträge und könnten die Bevölkerung nicht mehr versorgen, Lebensmitteln müssten dann zusätzlich aus dem Ausland kommen, das kann es doch nicht sein!“, sagt Eickhoff.

Das schlechte Image, der Kostendruck, ungeregelte Arbeitszeiten, die vielen Auflagen, neue Bürokratie – das alles engt aus Sicht der betroffenen Landwirte das Wirtschaften immer mehr ein und führe schließlich zu einem Effekt, dass gerade kleine Familienbetriebe kaum noch existieren könnten. Das neue Agrarpaket habe nun das „Fass zum Überlaufen gebracht“, heißt es beim niedersächsischen Landvolkverband, der auch von „existenziellen Zukunftsängsten“ spricht.

Zukunftsängste sind durchaus vorhanden

Und die sind bei den Eickhoffs auch vorhanden. Entstanden ist der Hof Anfang des 20. Jahrhundert aus einer staatlichen Domäne in Ruhmannshof bei Moisburg, die in 13 kleinere Hofstellen aufgeteilt wurde. Eine bewirtschaftete sein Großvater, inzwischen sind nur noch die Eickhoffs übrig. Eine fürs Land typische Entwicklung, wo sich Schätzungen zufolge die Zahl der Höfe in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert hat.

Und ob seine Tochter, die gerade den Beruf lernt, den Hof weiterbetreiben kann, sieht Eickhoff kritisch. Mit „nur“ 30 Kühen sei er eigentlich zu klein, um im täglichen Kampf zwischen immer neuen Auflagen und wirtschaftlichen Zwängen noch bestehen zu können, sagt er.

Noch gibt es den Hof nur, weil er eine „Nische“ gefunden hat und seine Milch an einen regionalen Vermarkter liefern kann, der, anders als große Ketten, noch auskömmliche Preise für gute Produkte zahle. Und das, so sagt „Kuhbauer“ Eickhoff, sei auch die eigentliche Botschaft der grünen Kreuze: Gute Landwirtschaft bekomme man eben nicht zum Spottpreis. „Wir wollen den Verbraucher da auch wachrütteln.“

Weniger Höfe

Laut regionaler Auswertung der niedersächsischen Agrarstruktur-Erhebung von 2016 bewirtschaften im Landkreis Harburg 866 landwirtschaftliche Betriebe eine Fläche von etwa 54.900 Hektar. Zehn Jahre zuvor waren es demnach noch 1136 Betriebe mit einer Fläche von insgesamt 55.861 Hektar.