Harburg
Nur 12.000 Patienten

„Millionengrab“: Leere Liegen in der Notfallpraxis

Dr. Silvia Darida, Fachärztin für Allgemeinmedizin, steht an der Behandlungsliege in der Notfallpraxis Harburg.

Dr. Silvia Darida, Fachärztin für Allgemeinmedizin, steht an der Behandlungsliege in der Notfallpraxis Harburg.

Foto: Asklepios Harburg / HA

Vor zwei Jahren ging das Pilotprojekt auf dem Gelände der Asklepios Klinik an den Start. Scharfe Kritik von der KVH.

Harburg. Zu wenig Patienten, leere Wartezimmer und viel zu wenig Umsatz: Die Notfallpraxis Harburg, vor exakt zwei Jahren als Pilotprojekt von Hamburgs Kassenärzten und Asklepios Klinik Harburg auf dem Klinikgelände gestartet, droht zu einem Millionengrab zu werden. „Die Notfallpraxis läuft sehr schleppend an“, bestätigt Jochen Kriens, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) auf Abendblatt-Anfrage. „Wir versorgen in Harburg im Jahr zirka 12.000 Patienten, in jeder der anderen Notfallpraxen der KV Hamburg sind es dagegen zirka 50.000.“

Den schlechten Durchlauf und damit die fehlenden Einnahmen müssen die Hamburger Ärzte und Psychotherapeuten ausbaden. Denn für jede der fünf Notfallpraxen in Hamburg gibt es gleich hohe Fixkosten. Und die liegen bei zirka einer Million Euro pro Praxis. „Bei einer hohen Auslastung kann dies wenigsten zu überwiegenden Teil über die Einnahmen der Praxis gedeckt werden“, sagt Jochen Kriens.

„So erwirtschaftet jede KV-Notfallpraxis rund 600.000 Euro im Jahr. Selbst wenn sich Harburg im aktuellen Tempo weiter entwickelt, erwarten wir hier für 2020 lediglich Einnahmen von 250.000 Euro.“ Vorstandschef Walter Plassmann sprach bei der 100-Jahr-Feier der KVH sogar von einem „Millionengrab“.

Notfallpraxis: Ergebnis widerspricht allen Erwartungen

Laut KVH wurden seit Eröffnung der Praxis im Oktober 2017 bis heute 21.664 Patienten versorgt. Im Schnitt waren es unter der Woche 21 Patienten, am Wochenende 52 und mittwochs 26 Patienten. „In Harburg ist der Anteil der Patienten, die nicht von der Notaufnahme geschickt werden, sondern direkt die Praxis in Anspruch nehmen, recht gering“, sagt Kriens. Das widerspreche der Erwartung der Harburger Bezirkspolitiker, dass es einen großen Bedarf an einer Notfallpraxis in Harburg gebe.

„Die Notfallpraxis war ein guter und richtiger Schritt für Harburg“, sagt Eftichia Olowson-Saviolaki, Gesundheitsexpertin der Harburger SPD. „Wir haben immer betont, dass der Bedarf an ambulanter Versorgung nicht gedeckt ist. Im Süderelberaum fehlen nach wie vor Fachärzte. Patienten müssen meist lange Wartezeiten in Kauf nehmen.“ Die Notfallpraxis habe die medizinische Versorgung verbessert. Nun müsse geklärt werden, warum die Praxis nicht ausgelastet sei.

„Möglicherweise wissen viele Harburger gar nicht von diesem Angebot, dass ihnen außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten zur Verfügung steht“, sagt Eftichia Olowson-Saviolaki.

Rund 250.000 Euro kosteten Einrichtung und Ausstattung

Auf gut 300 Quadratmetern gibt es drei Untersuchungsräume, einen EKG-Notfallraum, ein Labor, Arztzimmer mit Umkleide sowie Wartezonen. Rund 250.000 Euro kosteten Einrichtung und Ausstattung. 31 niedergelassene Ärzte sämtlicher Fachrichtungen aus dem Raum Harburg und jenseits der Elbe teilen sich den Dienst in der Praxis auf freiwilliger Basis. Diese hat montags, dienstags und donnerstags von 18 bis 24 Uhr, mittwochs von 13 bis 24 Uhr, freitags von 17 bis 24 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen von 8 bis 24 Uhr geöffnet.

Die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) hält das Konzept Notfallpraxen an Krankenhäusern anzusiedeln trotz der schlechten Zahlen in Harburg für richtig und sinnvoll. „Zum einen, weil es die Notaufnahmen von nicht akuten ambulanten Notfällen entlastet. Zum anderen, weil damit die Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten deutlich verkürzt werden können“, sagt Valerie Landau, stellvertretende Sprecherin.

Viele Patienten ziehen zentrale Notaufnahmen vor

„Wie Untersuchungen zeigen, suchen viele Patientinnen und Patienten mit eher einfachen Gesundheitsproblemen direkt die Zentrale Notaufnahmen der Krankenhäuser auf, obwohl sie bei einem niedergelassenen Arzt oder in einer KV-Notfallpraxis besser aufgehoben wären. Diese sind dann in einer Notfallpraxis am Krankenhaus am richtigen Platz.“

Laut BGV sei die Portalpraxis am AK Harburg für die Bevölkerung südlich der Elbe von zunehmender besonderer Bedeutung, da das ambulante Versorgungsangebot in Harburg im Vergleich zu anderen Bezirken insgesamt geringer sei. „Die Zahlen aus der Zentralen Notaufnahme des AK Harburg belegen, dass die Portalpraxis eine deutliche Entlastung für die ZNA bringt“, so Valerie Landau.

Tatsächlich für die Notfallpraxis auf dem Krankenhausgelände zu spürbaren Verbesserungen für das Team der Asklepios Klink: „Im niedrigdringlichen Bereich bietet die Praxis hervorragende Entlastung für unsere Mitarbeiter“, sagt Dr. Sara Sheikhzadeh, Ärztliche Leiterin der Zentralen Notaufnahme im Asklepios Klinikum Harburg. „Besonders die Patienten, die sich innerhalb der Versorgungsstrukturen des Gesundheitsbereichs nicht genau auskennen und die im ambulanten Bereich durch lange Wartezeiten auf einen Termin abgeschreckt werden, kann man gut weiterleiten.“

Notfallpraxis soll besser beschildert werden

Die KVH will die Entwicklungen in Harburg weiter beobachten und die Klinik auffordern, die Notfallpraxis auf dem Gelände besser als bisher zu beschildern. „Vielleicht liegt das AK Harburg für diese Patientenklientel zu schlecht“, so KVH-Sprecher Kriens. SPD-Gesundheitsexpertin Eftichia Olowson-Saviolaki plädiert dafür, dass auch die niedergelassenen Ärzte ihre Patienten über das Angebot außerhalb ihrer Praxisöffnungszeiten informieren. „Jeder Hausarzt sollte ein Schild mit entsprechenden Infos in seiner Praxis aufstellen.“

Die Gesundheitsbehörde geht davon aus, dass der Bekanntheitsgrad der Portalpraxis spätestens mit der baulich neu strukturierten Zentralen Notaufnahme im Dezember zunehmen wird. „Durch eine gemeinsame Tresenlösung kann die Zusammenarbeit mit der KVH noch einmal optimiert werden“, so Valerie Landau. „Dort können die Patientinnen und Patienten dann in die richtige Versorgungsform weitergeleitet werden.“

Notfallpraxen in Hamburg

In Hamburg gibt es fünf Notfallpraxen: in Farmsen, Altona, Reinbek, Harburg und am UKE.

Die Praxen sollen die Notaufnahmen der Kliniken entlasten, indem dort Patienten mit akuten Beschwerden, die nicht stationär versorgt werden müssen, behandelt werden.

Das Angebot ist eine Ergänzung zum Arztruf Hamburg mit der Nummer 116 117. Hier nehmen die Praxisärzte Patientenanrufe außerhalb der Öffnungszeiten an und vereinbaren Hausbesuche sowie Termine.

Der Arztruf 116 117 ist rund um die Uhr besetzt, ein Mediziner ruft den Patienten zurück.

Der Rettungsdienst 112 wird bei lebensbedrohlichen Beschwerden eingeschaltet.