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Lüneburg

Bilder von nackten Wandergesellen

Die Ausstellung Kluft&Haut ist noch bis Ende Oktober in Lüneburg zu sehen.

Die Ausstellung Kluft&Haut ist noch bis Ende Oktober in Lüneburg zu sehen.

Foto: Museumsstiftung Lüneburg / HA

Bis zum 27. Oktober zeigt das Museum Lüneburg eine ungewöhnliche Fotoausstellung von jungen Menschen auf der Walz.

Lüneburg.  Ab Dienstag, 24. September, bis zum 27. Oktober zeigt das Museum Lüneburg eine außergewöhnliche Fotoausstellung über junge Menschen auf der Walz – eine Tradition, die seit 2015 zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco zählt. Der Fotozyklus „Kluft & Haut“ der für ihre gesellschaftskritischen Kinofilme bekannten Berliner Filmemacher Benjamin und Dominik Reding ist erstmalig in einem Museum zu sehen sein.

In Lüneburg sind die Wandergesellen gerngesehene Gäste

Auch in Lüneburg als „Gesellenstadt“ sind die Wandergesellen gerngesehene Gäste, zum Beispiel im Rathaus, wo sie sich einen Stempel für das Wanderbuch und ein Handgeld abholen. Fotograf Benjamin Reding und sein Zwillingsbruder nehmen in ihrem Foto-Kunst-Projekt eine ungewöhnliche Perspektive ein: Auf 19 fast lebensgroßen Doppel-Porträts zeigen sie die Generation der aktuell reisenden Wandergesellen und Wandergesellinnen, je einmal in ihrer Kluft mit Knotenstock und Reisebündel, und einmal in ihrer ungeschützten Nacktheit. Und das in der für die Reding-Brüder typischen Handschrift: gesellschaftskritisch, eigenwillig und provokant. Benjamin Reding: „Mit dieser Fotoschau zeigen wir, dass Heimat kein Exklusiv-Gefühl für Wertkonservative und Ewiggestrige ist, sondern der Ausdruck von Vielfalt, Gleichberechtigung, Fortschrittlichkeit und Modernität sein kann.“

Etwa 500 junge Menschen sind in Deutschland auf der Walz

Die Zwillingsbrüder zeigen die Gesellen als mutige, verschrammte, wache, erschöpfte, reale Gestalten, denen das Fremde, Unbekannte und Neue Alltag ist. Etwa 500 Wandergesellen sind in Deutschland pro Jahr auf „Tippelei“ und wandern für drei Jahre und einen Tag durch Europa und die Welt. Die Walz unterliegt strengen Regeln: Die Gesellen dürfen nur bis maximal 50 Kilometer an ihren alten Heimatort heran, sie müssen ledig, möglichst unter Dreißig und ohne Vorstrafen sein. Smartphones, Handys und Laptops sind während der Wanderzeit tabu. Die Porträtierten kommen aus allen Gewerken (von der Schneiderin, Tischlerin, Zimmerin, Bootsbauerin bis zum Maurer, Steinmetz, Schlosser und Schmied) und aus der Schweiz, Italien, Österreich, Frankreich und Deutschland. Sieben Doppel-Porträts zeigen Frauen. Dominik Reding, der die Texte zur Ausstellung schrieb, sagt: „Uns sind während der zweijährigen Arbeit an unserem Foto-Projekt sensible, wache und mutige junge Menschen begegnet, bei denen der Gedanke der Völkerverständigung, des vorurteilsfreien Kennenlernens fremder Kulturen und Ethnien und des achtsamen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen gelebte Wirklichkeit sind.