Harburg
Georgswerder

Wo die Veddel-Hose erfunden wurde

Carsten Paulsen und Doris Rehder zeigen neue Modelle der Kult- und Traditionshose

Carsten Paulsen und Doris Rehder zeigen neue Modelle der Kult- und Traditionshose

Foto: Jörg Riefenstahl

Ein kleines Fachgeschäft für Berufsbekleidung löste in den frühen 70er-Jahren einen gewaltigen Boom aus – der bis heute anhält.

Georgswerder.  Im Flur hängt eine abgewetzte Lederjacke. Im Futter ein verblichener Stofffetzen: „Original Veddel“ steht drauf. Unter der Jacke hängt eine speckige Lederhose. „Baujahr 1983“, steht auf einem Pappschild. „500.000 Kilometer in ganz Europa unterwegs, 150 Bikertreffen überlebt.“ Eine Hose für die Ewigkeit. „Die hat uns ein Kunde gebracht. Der hat heute Familie und Kinder. Es ist eine Erinnerung an seine wilde Jugend“, erzählt Carsten Paulsen (64) in seinem kleinen Laden am Niedergeorgswerder Deich 56.

Seit genau 50 Jahren gibt es den unscheinbaren Laden am Deich. Es ist die Geburtsstätte der legendären Veddel-Hose. Hier begann der Siegeszug des kultigen Kleidungsstücks mit den markanten Nähten und den ledergefassten Hosentaschen. Tiefschwarz, hauteng und an den Waden weit ausgestellt. Mit 80er-, 90er- oder 100er-Schlag. So groß wie ein kleines Zirkuszelt.

Die Veddel-Hose war in den frühen 70er-Jahren ein Must-Have für Rocker, wilde Bräute und alle, die sich dafür hielten. Davon gab es damals ziemlich viele. Rockbands wie Deep Purple, Gary Glitter, Suzie Quatro, Alice Cooper, Steppenwolf und T.Rex lieferten den Soundtrack zur exaltierten Jugend mit langen Haaren, Plateauschuhen und Schlaghosen.

Neben den harten Kerlen von den Hells Angels mit ihren Harleys zwängten sich auch Halbstarke in die Pelle von der Veddel. Und knatterten auf ihrer Kreidler Florett im Zweitaktdunst durch die norddeutsche Tiefebene. Auf dem Rücken liegend zerrten Gymnasiasten am Reißverschluss ihrer brettharten Veddel, um sich anschließend lässig in den Bananensattel ihres Bonanza-Rades zu schwingen. Vorausgesetzt, die Eltern hatten genügend „Kohle“ für den verruchten Fetzen von der Veddel herausgerückt.

„Ich war der allererste, der eine Veddel getragen hat“, sagt Carsten Paulsen nicht ohne Stolz. Das war vor etwas mehr als 50 Jahren. Seine Mutter Editha hatte die Nase voll davon, ständig die Hosen ihres Sohnes zu flicken, die beim Herumstromern über Stock und Stein kaputt gingen. Die Schneiderin im Familienbetrieb R. Paulsen, der damals wie heute Berufsbekleidung für Handwerker, Seeleute und Matrosen macht, schnappte sich einen robusten Stoff, setzte feste Nähte ein und löste das Problem. Es war die Geburtsstunde der Veddel-Hose, die damals noch nicht diesen Namen trug.

Was niemand ahnte: Die stramme Büx aus dem Hamburger Arbeiterviertel wurde zum Renner. „Plötzlich kamen immer mehr Mütter zu uns in die Näherei. Die wollten auch solche Hosen für ihre Kinder haben“, erinnert sich Carsten Paulsen. Auch die Männer vom Bau ließen nicht lange auf sich warten. Zimmerleute, Wandergesellen, manche bestellten gleich für ihre gesamte Belegschaft. Die Veddel-Hose erlebte als unverwüstliche Freizeithose einen Boom. Sie war bei den jungen Leuten „hipp“ wie Bundeswehr-Parka, Boots und Nietenhosen – ein Vorläufer der Jeans.

Das weckte Begehrlichkeiten: Bisher war in der kleinen Schneiderei auf der Veddel nur nach Maß angefertigt worden. Nun kamen auf einmal Großkunden mit dem Wunsch nach Einheitsgrößen. „Karstadt wollte ein paar Hundert Veddel-Hosen auf einmal. Die gingen weg wie warme Semmeln. Kurz darauf orderten sie neu. Massenhaft, immer wieder“, erinnert sich Paulsen. Die Veddel war „knorke“, wie es damals hieß. Selbst konservative Modeläden wie die Hosen-Zentrale in der Lübecker Altstadt nahmen die Tiefschwarze in ihr Sortiment auf.

Bei Paulsen arbeiteten 36 Näherinnen und Näher Tag und Nacht, um die Nachfrage zu decken. „Irgendwann rief Karstadt an und wollte wissen, ob wir nicht auch mal eine Rechnung schreiben wollen“, sagt Paulsen. „Wer damals bei uns im Laden eine maßgeschneiderte Veddel haben wollte, musste 16 Wochen warten“, ergänzt Doris Rehder, die bei Paulsen seit gut 15 Jahren Kunden berät. Heute sind maßgeschneiderte Hosen, Zimmermannsklüfte und Lederjacken spätestens in einer Woche fertig.

Die Verkäuferin zückt ihr Maßband und misst Bund, Länge, Schritt und Bauch eines Mannes, der sich eine neue Zimmermannskluft zulegen will. Daniel Somann, 46 Jahre jung, ist ein typischer Stammkunde. „1997 habe ich mir hier meine erste Kluft machen lassen. Damals kam ich extra aus Berlin“, erzählt er. Seit 2000 lebt Daniel in Hamburg und ist Geschäftsführer einer Zimmerei. „Meine Mitarbeiter kommen auch alle hierher und lassen sich eine maßgeschneiderte Kluft anfertigen.“

Die Veddel-Hose gibt es in zwei Ausführungen: Die Arbeitshose ist aus Herkules – der dickste Hosenstoff, den es in Deutschland gibt. Sie hat lederverstärkte Nähte an den Taschen. Vorn sind sie an der Seite offen. „Damit die Handwerker beim Arbeiten immer schön locker die Hände in den Taschen behalten können“, witzelt Doris Rehder. Die Arbeitshose hat zwei Reißverschlüsse, eine Seiten- und Zollstocktasche. Auf Wunsch gibt es doppelten Kniestoff.

„Die Freizeithose ist aus Pilot-Stoff und etwas dünner“, erklärt die Verkäuferin. „Sie hat seitlich eingefasste Fronttaschen, zwei Gesäßtaschen und nur einen Reißverschluss.“ Die Freizeithose kann auf Wunsch auch mit zwei Reißverschlüssen, Zollstocktasche, allen möglichen Zutaten und vor allem Schlagweiten geordert werden.

In der Standardausführung kostet sie 159 Euro. Sie ist vor allem bei Bikern beliebt. Und kann, wie eine Harley, nach Belieben gestaltet werden. „Abgesetzte Paspeln in verschiedenen Farben. Abriebfester Teflon-Stoff, bunte Stickereien. Alles ist möglich“, sagt die Verkäuferin. Selbstverständlich trägt auch sie privat ein Paar.

Der Chef, der das Nähen als jugendlicher Volontär in einem Hamburger Betrieb von der Pieke auf erlernt hat, nimmt bei Cenan (48) Maß, der den Schlag seiner Hose enger haben möchte. „Ich trage sie seit vier Jahren zum Motorradfahren“, verrät Cenan aus Rosengarten. „Wann ist sie denn fertig?“, will der junge Mann wissen. „Du kannst sie morgen abholen. Das Wetter ist schön. Du willst ja fahren“, sagt der Chef.

Paulsens Kundschaft ist bunt gemischt. Motorradclubs wie die Bandidos kommen ebenso wie Firmenchefs, die ihre Belegschaft einkleiden. Für das Corporate Design können Westen, Lederjacken und Hosen in der hauseigenen Stickerei nach Belieben mit Logos und Schriftzügen veredelt werden.

Direkt unter dem Laden ist die kleine Näherei. Maschinen surren, es wird gehämmert. Die Stoffe, die verarbeitet werden, kommen aus Deutschland. „Für eine Veddel-Hose brauche ich eine Stunde“, verrät Näherin Nicole Pretzlaff. Sie ist seit 18 Jahren dabei und eine von insgesamt 15 Mitarbeitern, die zurzeit in dem Familienbetrieb arbeiten.

32.000 Namen aus aller Welt stehen heute in Paulsens Kundendatei. Darunter so mancher Prominente. „Gern würde ich mal Peter Maffay eine Veddel verpassen. Oder den Jungs von Santiano“, sagt Doris. Namen von prominenten Kunden verrät Paulsen nicht. Geschäftsgeheimnis. „Wir machen für jeden Arsch die passende Hose. Das ist unser Slogan. Egal, ob einer Rechtsanwalt, Doc oder Rocker ist. Hier bei uns ziehen sich alle aus. Ob einer Millionär ist oder von der Schanze kommt. Ob einer 160 Kilo wiegt oder spiddeldürr ist. Egal. Am Ende gehen alle raus und haben die passende Hose.“

Dicke Hose

1968 zog der Familienbetrieb R. Paulsen von der Amsinckstraße an seinen heutigen Standort am Niedergeorgswerder Deich 56 – in Georgswerder.

Carsten Paulsen führt den Fachhandel „Paulsen R. Werkstätten für Zunft- und Berufsbekleidung“ in zweiter Generation.

Der Begriff Veddel-Hose wurde in den 1970er-Jahren von den Kunden geprägt: Sie fuhren mit der Straßenbahn bis zur Station „Veddel“. Von dort ging es zu Fuß weiter in den Laden am Niedergeorgswerder Deich.

Die Veddel aus Breitcord (Herkules-Stoff) wird als Arbeitshose vor allem von Zimmerleuten und Maurern getragen. Sie gilt als dickste und robusteste in Deutschland verfügbare Arbeitshose. Als Freizeithose aus glattem Pilot-Stoff ist sie nach wie vor bei Motorradfahrern aus aller Welt angesagt.