Harburg
Sanierungsgebiet

„Die Bewohner des Quartiers wissen am besten, wo es hakt“

Nadine Fischer ist Quartiersmanagerin im Viertel Am Weißen Turm in Lüneburg und Vermittlerin zwischen Bewohnern und Stadtplanern.

Nadine Fischer ist Quartiersmanagerin im Viertel Am Weißen Turm in Lüneburg und Vermittlerin zwischen Bewohnern und Stadtplanern.

Foto: Lena Thiele / HA

Nadine Fischer, Quartiersmanagerin im Lüneburger Sanierungsgebiet Am Weißen Turm, zeigt, wie Aufwertung gelingen kann.

Lüneburg.  „Ein Stadtteil auf neuen Wegen“ – der Slogan auf dem Infoflyer klingt vielversprechend, nach Zukunft, Innovation und tatkräftigem Miteinander. Tatsächlich hat sich in dem zuvor heruntergekommenen Lüneburger Viertel Am Weißen Turm in den vergangenen Jahren einiges getan, denn das Sanierungsgebiet wird durch das Programm „Soziale Stadt“ gefördert.

Im Laufe der kommenden zehn bis 15 Jahre sollen insgesamt rund 4,8 Millionen Euro investiert werden. Die bisherigen Kosten von 570.000 Euro haben der Bund, das Land Niedersachsen und die Stadt Lüneburg zu gleichen Teilen übernommen. Die verschiedenen Eigentümer sind dabei, die Gebäude aus den 1970er- und 80er-Jahren zu sanieren.

Quartiersmanagerin vermittelt zwischen Bewohnern und Bauamt

Bei einem Rundgang zeigt Quartiersmanagerin Nadine Fischer, an welchen Stellen auf dem 8,6 Hektar großen Gelände angesetzt wird, um die Lebensqualität der Bewohner zu erhöhen und das Image des Viertels zu verbessern. Denn das ist zwar autofrei gestaltet und nah am Stadtkern gelegen. Doch als das dicht bebaute Gebiet 2015 ins Förderprogramm aufgenommen wurde, waren die Mehrfamilienhäuser mit bis zu zehn Stockwerken stark sanierungsbedürftig, die einst weißen Fassaden wirkten heruntergekommen, die Grünflächen waren vernachlässigt, die Beleuchtung der Wege verbesserungswürdig.

Die Quartiersmanagerin ist die Vermittlerin zwischen der Stadt, die vor allem die Grünflächen attraktiver gestalten will, und den Bewohnern, die ihre eigenen Ideen und Vorschläge einbringen können. „Die Menschen, die hier leben, wissen oft am besten, wo es hakt“, sagt die 39-Jährige, die Sozialwesen in Lüneburg studiert hat und seit drei Jahren als Ansprechpartnerin hier tätig ist.

Bewohner, Eigentümer, Stadt – alle reden miteinander

Die Vielfalt des Viertels ist zugleich Chance und Herausforderung. 1254 Menschen leben in den weißen und roten Häusern, etwa 600 Wohnungen gibt es hier. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen liegt etwas über dem Durchschnitt, viele Bewohner beziehen Sozialleistungen, andere sind aus Syrien geflüchtet. Die Eigentumswohnungen wiederum gehören häufig Senioren, die entweder selbst hier leben, oder die Wohnungen für mittlerweile zehn Euro pro Quadratmeter vermieten.

Von ihrem Büro im Quartiersladen aus startet Nadine Fischer fast täglich zu einer Runde durch die Siedlung, um mit den Bewohnern in Kontakt zu bleiben. Ihre wöchentliche Sprechstunde hat sie zuletzt an die neuen Hochbeete verlegt. Diese sind von vielen Wohnungsfenstern aus zu sehen, sodass sich auch spontan Bewohner dazu gesellen. Nadine Fischer sammelt Wünsche für die Entwicklung des Viertels, hört sich Sorgen der Bewohner an und informiert über den Stand der Planungen. „Ich bin die Schnittstelle zwischen Bürgern und Bauamt.“

Als nächstes wird der große Spielplatz erneuert

Den Anfang hatte die Stadt mit einem Freiflächenkonzept gemacht, das als Grundlage für die Aufwertung dient. Im Austausch mit den Bewohnern entstand ein Plan mit Spielplätzen, Hochbeeten, einer multifunktionalen Spielfläche und einem Bouleplatz. Aktuell ist die Erneuerung des Spielplatzes für die größeren Kinder in Auftrag vorgesehen. Nach einer Beteiligungsaktion wird der Vorentwurf hinsichtlich der Wünsche aus dem Quartier noch überarbeitet.

Finanziert wird dies durch Städtebaumittel, nach zehn Jahren sollen die Eigentümer der Häuser die Pflege des Spielplatzes übernehmen. Solche Lösungen sind mühsam zu erringen, sagt Nadine Fischer. Aber die Sanierung eines ganzen Quartiers könne nur gelingen, wenn alle Beteiligten aufeinander zugehen.

Seevetaler Firma lässt mehrere Häuser modernisieren

Die Quartiersmanagerin kennt die Grenzen gut, die die Arbeit im Sanierungsgebiet erschweren. Keines des Gebäude ist in öffentlicher Hand, die Häuser gehören zwei größeren Hausverwaltungen und einer kleinteiligen Eigentümergemeinschaft. „Bei so vielen Leuten, die mitreden, dauert eben alles ein wenig länger“, sagt sie. Zudem müssen die Eigentümer dazu gebracht werden, für die Sanierung der Häuser selbst Geld in die Hand zu nehmen.

Gut voran geht es bei den Häusern Hinter der Saline 1 bis 11, diese hat vor sechs Jahren die Seevetaler Immobilienfirma Witt und Schuhmacher gekauft. „Die Sanierung der Hausnummern 1, 3, 5 und 7 haben wir vor einem Jahr abgeschlossen, die Nummern 9 und 11 sind in diesem Herbst fertig“, sagt Silke Johanns, zuständig für die Verwaltung der Gebäude. Weit über eine Million Euro habe die Firma dort bisher investiert.

So wurde jeweils eine neue Wärmedämmfassade angebracht sowie kunststoffisolierverglaste Fenster eingesetzt. Auch die Aufzüge seien in fast allen Gebäuden erneuert worden, sagt Johanns. Das Hochhaus an der Bögelstraße 10 mit rund 100 Wohnungen wurde bereits vor drei Jahren modernisiert. Auch die Häuser Am Weißen Turm 2, 4 und 6 sollen saniert werden, sagt Johanns. „Aufgrund des erheblichen Investitionsvolumens der vergangenen Jahre wird dies aber noch nicht 2020 geschehen.“

Nachbarschaftscafé und Frühlingsfest sind ein Erfolg

Die Bezeichnung Am Weißen Turm habe übrigens nichts mit den hellen Häusern zu tun, erzählt Nadine Fischer. Vielmehr sei er auf einen frühere Wallanlage rund um die Saline zum Schutz des „weißen Goldes“ zurückzuführen, die auch einen Turm hatte. „Anfangs war dies ein begehrtes Viertel, es war modern und sehr zentral gelegen“, sagt Nadine Fischer. Sogar ein Schwimmbad gehörte zum Quartier. Heute bietet die Matthäusgemeinde hier einen Treffpunkt an. In dem einzigen Gebäude, das die Stadt gekauft hat, ist eine Übermittagsbetreuung für Schulkinder untergebracht.

Die sozialen Angebote sind eine wichtige Säule bei der Aufwertung des Viertels. So gibt es ein monatliches Seniorenfrühstück, das immer gut besucht ist, ein Nachbarschaftscafé, eine Migrationsberatung, Müllsammelaktionen, Inliner-Kurse für Kinder und jedes Jahr ein großes Frühlingsfest. Die Quartiersmanagerin will über solche Angebote das Viertel auch nach außen hin öffnen.

Es gibt Konflikte wegen Lärm, Müll und Sicherheitsbedenken

Im Sanierungsgebiet gehe es nicht nur darum, die Bausubstanz und die sozialen Bedingungen zu verbessern, sagt Lüneburg Oberbürgermeister Ulrich Mädge. „Ebenso wichtig sind die Identifikation mit dem Viertel und das Verantwortungsgefühl für das eigene Quartier im nachbarschaftlichen Miteinander. So sollen Lebensqualität und Lebensgefühl im Viertel gerade auch durch soziale Beteiligung aufgewertet werden.“

Das Zusammenleben von Alteingesessenen und Zugezogene ist nicht immer einfach Es gibt Konflikte wegen Kinderlärm am späten Abend, vermüllten Ecken und den Bedenken einiger Frauen, abends allein in der Siedlung raus zu gehen. Zwar ist die Kriminalität nicht auffällig hoch. Dennoch sind an einigen Häusern Kameras angebracht.

Nadine Fischer setzt sich dafür ein, dass die Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, in ihrem Quartier zusammenkommen und sich gemeinsam für dessen Entwicklung einsetzen. „Ich will die Anonymität auflockern. Wenn man sich kennt, macht das schon viel aus.“

Das Programm „Soziale Stadt“ fördert die Aufwertung

Die Stabilisierung und Aufwertung strukturschwacher Stadt- und Ortsteile, die städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligt sind, wird seit 1999 über das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ vorangetrieben.

Investitionen in das Wohnumfeld, die Infrastrukturausstattung und die Wohnqualität sollen für mehr Generationengerechtigkeit sowie Familienfreundlichkeit sorgen und die Chancen der Bewohner verbessern, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Ziel ist es, lebendige Nachbarschaften zu befördern und den sozialen Zusammenhalt in den Quartieren zu stärken. Bisher (Stand 2018) wurden 934 Gesamtmaßnahmen in 533 Städten und Gemeinden in das Programm aufgenommen.

Die Kosten teilen sich Bund, Länder und Kommunen. 2018 betrugen die Bundesmittel für das Förderprogramm 190 Millionen Euro.

In der Region haben außer den Lüneburger Sanierungsgebieten Am Weißen Turm und Kaltenmoor auch das Albert-Schweitzer-Viertel in Winsen und das Altländer Viertel in Stade von dem Förderprogramm profitiert.